Direkt zum Inhalt

Begabung und Erfolg: Verborgene Talente finden

Nicht jede Begabung äußert sich in guten Noten oder einem hohen IQ. Warum es sich lohnt, vieles auszuprobieren – und sich nicht zu früh festzulegen.
Eine Person in einem Anzug führt einen Kartentrick vor, bei dem Spielkarten mit Herzsymbolen in der Luft schweben. Die Szene ist in einem dunklen Hintergrund gehalten, wodurch die Karten und Hände im Vordergrund hervorgehoben werden. Die Karten sind teilweise sichtbar und scheinen in Bewegung zu sein, was auf Geschicklichkeit und Präzision hinweist.

Bei seinen Vorstellungen gibt Zauberkünstler Jan Logemann gerne einmal eine Anekdote aus seiner Kindheit zum Besten. Er sei sieben gewesen, ein kleiner Steppke auf der Ostseeinsel Fehmarn, als ein Freund seiner Eltern aus Hamburg zu Besuch kam. Bei einem Strandspaziergang habe der zu ihm gesagt: Jan, du darfst dir etwas wünschen. »Einen Piratentaler«, habe er wie aus der Pistole geschossen geantwortet. Da habe sich der Besucher hinabgebeugt und in den Sand gegriffen. Er habe die Körner herabrieseln lassen und plötzlich eine alte Münze in der Hand gehalten.

Während Logemann diese Geschichte erzählt, reibt er seine Finger gegeneinander, und auch aus seiner Hand rieselt weißer Sand zu Boden. Er fasst in diesen feinen Vorhang, und aus dem Nichts materialisiert sich ein fremdländisch aussehendes Geldstück. Eine zweite Münze erscheint, dann eine dritte. Dann lässt der Blondschopf mit der Harry-Potter-Brille und dem kleinen Pferdeschwänzchen die Piratentaler nach und nach wieder verschwinden. Bis sich auch der letzte in einem Regen aus herabfallenden Sandkörnern auflöst.

Jan Logemann |

Der Zauber-Weltmeister bei einer Charity-Veranstaltung 2023 im St. Pauli Theater in Hamburg.

Jan Logemann versteht sich darauf, sein Publikum auf magische Weise zu unterhalten – so gut, dass er sich sogar »Weltmeister« nennen darf. Den prestigeträchtigen Titel errang er 2012 im britischen Blackpool beim Weltkongress des Zauber-Dachverbands (allerdings nicht in der Münz-, sondern der Karten-Zauberkunst). Er sei danach ein Jahr auf Reisen gegangen und über den Erdball getourt. »In dieser Zeit wurde mir klar, dass die Zauberei für mich wichtiger ist als alle anderen beruflichen Wege«, sagt er. Kurz danach gab er seine Osteopathie-Praxis und sein Medizinstudium auf, um seine Begabung zu seinem Beruf zu machen. 120 Auftritte absolviert er nach eigenen Angaben inzwischen im Jahr, die meisten davon in Hamburg und Umgebung.

Wenn man mit ihm spricht, merkt man, dass er seine Entscheidung noch immer für die richtige hält. Denn was gibt es Befriedigenderes, als im Leben das zu tun, worin man besonders gut ist? Studien dokumentieren, dass Menschen einen höheren Selbstwert haben und zufriedener sind, wenn sie ihre Stärken einsetzen können. Und auch die Gesellschaft profitiert in der Regel davon: J. K. Rowling verwandelte mit ihrer Harry-Potter-Reihe Millionen von Kindern in Leseratten. Uğur Şahin und Özlem Türeci gründeten mit BioNTech ein Unternehmen, das nicht nur einen erfolgreichen Impfstoff gegen die Covid-Pandemie entwickelte, sondern der Stadt Mainz zudem Gewerbesteuereinnahmen in Milliardenhöhe bescherte.

»Es ist wichtig, Begabungen zu erkennen und Talente entsprechend zu entwickeln«, betont Roland Grabner, Psychologieprofessor und Begabungsforscher an der Universität Graz. Doch wie stellt man das an? Expertinnen und Experten verstehen unter Begabungen ein Potenzial für besonders hohe Leistungen auf einem bestimmten Gebiet. Allzu oft schlummert dieses Potenzial jedoch im Verborgenen. Das erschwert es, Begabungen zu erkennen – sei es bei anderen oder auch bei sich selbst.

Bei Jan Logemann sorgte ein gezinktes Kartenspiel für sein Erweckungserlebnis. Gekauft hatte er es auf einem Altstadtfest auf Fehmarn. Er konnte damit Tricks vorführen, die sogar seinen Vater verblüfften. »Das war für mich ein absolutes Wow-Erlebnis«, sagt er: »Unser Papa, der meinem Bruder und mir immer die Welt erklärte, stand plötzlich vor einem Rätsel.« Der Neunjährige war angefixt. Und er blieb dabei, weil er schnell merkte, dass ihm sein neues Hobby lag: »Ich war schon immer sehr motorisch unterwegs«, erinnert er sich. »Ich konnte Rückwärtssaltos auf dem Trampolin, habe jongliert und mit meinem Bruder Steine übers Wasser hüpfen lassen. Außerdem war ich schlagfertig – nicht der Typ Klassenkasper, aber doch oft derjenige, der im passenden Moment einen Spruch auf den Lippen hatte, der die anderen zum Lachen brachte.«

Tatsächlich spielt oft der Zufall eine wichtige Rolle, damit Menschen merken, was sie besser können als andere. Der deutsche Weltklasseruderer und Olympiasieger Oliver Zeidler etwa war ursprünglich Schwimmer; erst als seine Trainingsgruppe sich auflöste, kam er zu seinem heutigen Sport. Häufig sind es auch Personen aus dem engeren Umfeld – Lehrerinnen, Trainer, die Eltern –, denen auffällt, dass ein Kind ein Händchen für etwas hat.

So war es auch bei Jan Logemann: Auf Fehmarn gab jeden Sommer ein Magier aus Süddeutschland ein Gastspiel. Zwischen den Shows ließ er den Jungen mit den Requisiten experimentieren und brachte ihm ein paar Routinen bei. »Einmal sagte er zu mir: Du stehst sicher auch irgendwann auf der Bühne«, erzählt Logemann. Tatsächlich verdiente er bald darauf sein erstes Geld mit eigenen kleinen Auftritten.

Begabungen gibt es in vielen Facetten

Lange Zeit war »Begabung« mehr oder weniger ein Synonym für »hohe Intelligenz«. Begabt sind demnach Menschen mit einem besonders hohen IQ, und der lässt sich durch entsprechende Tests relativ zuverlässig messen. »Ich lehne Intelligenztests nicht grundsätzlich ab, für mich verengen sie das Phänomen Begabung aber zu sehr auf kognitive Aspekte«, erklärt Silke Rogl von der Pädagogischen Hochschule Salzburg, Professorin und Co-Leiterin des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung. »Begabung hat vielseitige Facetten – es gibt musikalische, sportliche, künstlerische, ja auch handwerkliche Begabungen.«

Einsatzmöglichkeiten für Intelligenztests sieht sie dennoch – etwa, um an Schulen »Underachiever« zu identifizieren, also Kinder, die trotz eines hohen IQs nur unzureichende Leistungen erbringen. Denn auf den ersten Blick können Lehrkräfte häufig nicht sicher erkennen, ob die Ursache schlechter Noten darin liegt, dass die Betroffenen nicht mitkommen – oder ob sie im Gegenteil unterfordert sind. Wer sich ständig langweilt, weil es ihm zu langsam geht, steckt seine Energie gerne in andere Dinge. »Bei dauerhafter Unterforderung besteht zudem die Gefahr, dass sich psychische Probleme oder soziale Störungen entwickeln«, erklärt der Grazer Psychologe Roland Grabner.

»Wenn ein Kind auf einem bestimmten Gebiet unglaublich wissbegierig ist und schnellere Lernfortschritte macht als andere: Wozu muss ich dann noch die Intelligenz testen?«Silke Rogl, Begabungsforscherin

Um besondere Begabungen zu diagnostizieren, sind aus Rogls Sicht multidimensionale Tools besser geeignet als IQ-Tests. Dazu zählen zum Beispiel Fragebögen, die neben Leistungen die vermuteten Potenziale der Kinder aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen: dem der Lehrkräfte, dem der Eltern – und ihrem eigenen. »Die Betroffenen wissen oft selbst, wo ihre Stärken liegen«, sagt die Bildungswissenschaftlerin. »Wenn ich zudem den Eindruck habe, dass ein Kind auf einem bestimmten Gebiet unglaublich wissbegierig ist und auch noch schnellere Lernfortschritte macht als andere: Wozu muss ich dann noch die Intelligenz testen? Dann ist es doch besser, gleich in die Förderung einzusteigen.«

Die Exzellenz-Lücke

Generell haben Tests – ähnlich wie Schulnoten oder auch individuelle Beurteilungen durch Lehrkräfte – das Problem, dass Kinder mit Migrationshintergrund oder solche aus benachteiligten sozialen Verhältnissen in ihnen tendenziell schlechter abschneiden. Gründe dafür sind sprachliche Barrieren, die die Ergebnisse verzerren, Vorurteile von Lehrerinnen und Lehrern, aber auch ein ungünstiges familiäres Umfeld, in dem sich Begabungen nicht ausreichend entfalten können.

Das ist auch eine Erklärung dafür, warum die Leistungspotenziale von Zugewanderten und Menschen aus bildungsfernen Schichten häufiger unerkannt bleiben. In den Bildungswissenschaften spricht man manchmal auch von einer »Exzellenz-Lücke«. Forschende versuchen dem zu begegnen, indem sie Fähigkeitstests so gestalten, dass etwa mangelnde Sprachkenntnisse keine Auswirkung auf das Ergebnis haben.

»Wenn Kinder aufgrund eines Tests früh auf eine bestimmte Fähigkeit festgelegt und gedrillt werden, führt das später nicht unbedingt zu exzellenter Leistung in diesem Bereich«Christian Fischer, Erziehungswissenschaftler

Der Gedanke, Kinder früh zu testen und dann gemäß der erkannten Fähigkeiten gezielt zu fördern, ist jedoch ohnehin etwas aus der Mode gekommen. »Heute verfährt man eher nach dem Leitspruch: erst fördern, dann finden«, sagt Roland Grabner von der Universität Graz. Soll heißen: viele Angebote machen, damit die Schülerinnen und Schüler sich ausprobieren können. Und in diesem Zuge darauf achten, ob es so etwas wie eine natürliche Passung gibt – ob das Kind also vielleicht in den Naturwissenschaften besonders aufblüht oder eher beim Musizieren.

Die eigenen Interessen erkunden

Christian Fischer, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Münster und Mitglied des dort angesiedelten Internationalen Centrums für Begabungsforschung (ICBF), setzt dabei auf einen Ansatz, den er »selbst reguliertes forschendes Lernen« nennt. Was er damit meint, dokumentiert ein kurzer Videofilm der Uni Münster: Die Schülerinnen und Schüler eignen sich selbstständig Wissen auf Gebieten an, die sie besonders interessieren – zu Schildkröten, zu Tropfsteinhöhlen, zur Sportart Karate. Sie recherchieren, fassen zusammen, präsentieren und werden so zu Expertinnen und Experten in dem von ihnen gewählten Bereich. »Dabei üben sie ganz nebenbei auch noch die curricularen Basiskompetenzen wie Rechtschreiben und Lesen«, sagt Fischer.

Das Zentrum kooperiert mit rund 300 Schulen unterschiedlicher Bundesländer; die Erfahrungen mit dem Format seien gut: »Das frühe eigenständige Erkunden unterschiedlicher Interessen ist ausgesprochen wichtig«, betont er. »Wir wollen damit etwas fördern, was wir individuelle Exzellenz nennen: die Entwicklung der unterschiedlichen Stärken, die jeder Mensch mitbringt. Wenn Kinder dagegen aufgrund eines Tests früh auf eine bestimmte Fähigkeit festgelegt und gedrillt werden, führt das später nicht unbedingt zu exzellenter Leistung in diesem Bereich.«

Das gilt sogar für die Höchstbegabten unter den Begabten, wie Arbeitsgruppen aus Kaiserslautern und den USA vor einigen Jahren zeigen konnten. Sportlerinnen und Sportler, die im Erwachsenenalter Weltklasseleistungen erbringen, probierten sich in ihrer Kindheit häufig in ganz unterschiedlichen Sportarten aus – Ruder-Olympiasieger Oliver Zeidler ist dafür ein gutes Beispiel. Sich zu früh festzulegen, scheint dagegen das spätere Leistungsvermögen eher zu dämpfen. »Diesen Zusammenhang finden wir nicht nur im Sport, sondern auch in der Musik und der Wissenschaft«, erklärt Arne Güllich, Professor für Sportwissenschaft an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) in Kaiserslautern, der an einer Reihe von Studien zu dieser Thematik beteiligt war.

»Frühe Höchstleister und späte Höchstleister sind zwei separate Gruppen«Arne Güllich, Sportwissenschaftler

Güllich und seine Kollegen räumen auch noch mit einer zweiten These auf: nämlich der Mär, dass aus Wunderkindern in der Regel auch Wundererwachsene werden. »Zumindest für die Gruppe der Höchstbegabten sagt die Leistung in jungen Jahren wenig über die Performance später aus«, sagt er. Wer mit zehn Jahren sämtliche Preise beim Sprint abräumt, muss in der Vitrine keinen Platz für eine Olympia-Medaille reservieren. »Frühe Höchstleister und späte Höchstleister sind zwei separate Gruppen«, betont Güllich. »Und zwar unter anderem eben deshalb, weil sich Musikerinnen, Schachspieler oder Fußballerinnen auf Weltniveau in der Regel erst spät im Lauf ihrer Karriere spezialisiert haben

Das richtige Mindset

Ob sich Begabungen entfalten können und irgendwann einmal zu außergewöhnlichen Leistungen führen, hängt auch von den Einstellungen und Überzeugungen von Lehrkräften, Trainerinnen und Trainern ab. »Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang dynamische Begabungsüberzeugungen«, sagt die Salzburger Wissenschaftlerin Silke Rogl. Dazu zählt etwa ein sogenanntes Growth Mindset – also die Überzeugung, dass Begabungen nicht von Geburt an festgelegt sind, sondern sich durch eine entsprechende Förderung entwickeln können.

Ein solches Mindset betont den Einfluss, den harte Arbeit auf den Erfolg hat. Das überträgt sich meist auch auf die Schülerinnen und Schüler, die dann beispielsweise weniger häufig denken: Mathe kann ich eh nicht, also versuche ich es erst gar nicht. Dementsprechend führt eine wachstumsorientierte Überzeugung mit der Zeit oft zu besseren Leistungen und kann dabei helfen, Begabungen zu identifizieren, die sonst gar nicht erkennbar würden.

Jan Logemann trägt seine Leidenschaft inzwischen auch in die Klassenräume. An einer Hamburger Brennpunktschule bringt er Schülerinnen und Schülern einmal wöchentlich die Grundlagen des Zauberns nahe. Ganz so gut wie erhofft läuft es allerdings nicht. »Die Lernkurve ist viel flacher, als ich erwartet habe«, sagt er. »Von den Kids setzt sich kaum jemand zu Hause hin und übt, dazu ist das Freizeitangebot offenbar zu groß und der Handybildschirm zu verlockend.« Einige der Jugendlichen seien zwar durchaus begabt, meint er. Dennoch sei die Eigeninitiative gering. »Wenn mir jemand damals so eine Chance geboten hätte, hätte ich jede Woche einen neuen Trick einstudiert und mir dazu Feedback eingeholt.«

Er sagt, das sei für ihn okay, und klingt dabei doch etwas enttäuscht. Das Projekt ist bloß ein Angebot, nicht mehr. »Wenn die Kids nur einen Trick fürs Leben mitnehmen, den sie vielleicht irgendwann einmal vorführen und so mit jemandem ins Gespräch kommen, dann ist das doch schon etwas.« Und vielleicht ist ja doch einmal jemand dabei, der dank dieser Zauberstunden seine schlummernde magische Begabung entdeckt.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen
  • Güllich, A. et al., Science 10.1126/science.adt7790, 2025
  • Muradoglu, M. et al., Developmental Psychology 10.1037/dev0001910, 2026
  • Worrell, F.C. et al., Annual Review of Psychology 10.1146/annurev-psych-010418–102846, 2019

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.