Hirngesundheit: Bei welchen Diagnosen das Gehirn schneller altert

Nicht nur bei Menschen mit Alzheimerdemenz, sondern auch bei Suchtkranken und Personen mit anderen psychiatrischen Störungen altert das Gehirn schneller als bei Gleichaltrigen ohne diese Diagnosen. Das berichtet eine Forschungsgruppe aus China und den USA in der Fachzeitschrift »PLOS Medicine«. Wie schnell es altert und welche Hirnregionen besonders betroffen sind, hängt von der Erkrankung ab. Typische Muster der Hirnalterung könnten deshalb als Biomarker dienen, schreibt das Team um Chuang Liang von der Nanjing-Universität für Aeronautik und Astronautik in China.
Die Forschenden sammelten Hirnscans von rund 2700 Patientinnen und Patienten mit neurologischen oder psychischen Erkrankungen und verglichen sie mit denen von 45 900 gesunden Kontrollpersonen. Auf eine vorzeitige Hirnalterung schlossen sie, indem sie anhand der Hirnscans das Hirnalter schätzten und zum tatsächlichen Lebensalter in Beziehung setzten. Auf ein fortgeschrittenes Alter lässt beispielsweise der Verlust von grauer Substanz schließen, die vor allem aus den Zellkörpern von Neuronen besteht.
Demnach altert erwartungsgemäß das Gehirn von Menschen mit Alzheimerdemenz am schnellsten. Knapp dahinter folgte die Gruppe der Alkohol- und Tabaksüchtigen, wobei sich die Kombination von beiden am stärksten auswirkte. Ungefähr halb so groß, verglichen mit Alzheimerdemenz, war der durchschnittliche Hirnabbau bei Menschen mit Schizophrenie, bipolaren Störungen und milden kognitiven Einschränkungen. Einen etwas schwächeren Effekt fanden die Forschenden bei depressiven Episoden. Nicht betroffen waren dagegen Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus-Spektrum-Störungen.
Je nach Erkrankung waren verschiedene Hirnregionen beeinträchtigt. Nur eine Region war stets mitbetroffen: der präfrontale Kortex, also der vordere Stirnlappen. Er gilt als Steuerzentrale und ist unter anderem an der Impulskontrolle und höheren kognitiven Prozessen beteiligt. Bei schizophrenen, bipolaren und depressiven Störungen alterten der Stirn- und die Schläfenlappen besonders schnell; bei Demenz der Stirn- und der Hinterhauptlappen. Unter einer Sucht litten unter anderem das Default-Mode-Netzwerk, das beim Nichtstun aktiv ist, sowie das Salienznetzwerk, das Reize nach Prioritäten bewertet.
»Verschiedene neurologische Störungen scheinen unterschiedliche Signaturen in der Hirnalterungsuhr zu hinterlassen«, schreiben die Autorinnen und Autoren. Ihre Auswertung berücksichtigte allerdings nicht, dass manche Störungen gehäuft gemeinsam auftreten. Süchte etwa sind häufig solche unerwünschten »Begleiter«. Die vorzeitige Hirnalterung beispielsweise bei Depressionen könnte entsprechend damit zusammenhängen. Bei einer Sucht liegt es nahe, dass toxische Substanzen dem Gehirn schaden.
Die vorliegenden Befunde erlauben jedoch keinen Rückschluss auf Ursache und Wirkung. Im Fall von Schizophrenie oder Depressionen ist ein solcher Mechanismus zumindest nicht offensichtlich. Denkbar wäre auch eine gemeinsame Ursache von Hirnalterung und psychischen Störungen, wie Misshandlung oder Vernachlässigung in der Kindheit. Ebenso könnten die Folgen einer Störung, etwa sozialer Rückzug oder eine medikamentöse Behandlung, ihre Spuren im Gehirn hinterlassen.
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