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News: Bekanntes oder fremdes Gesicht?

Sich Namen oder wichtige Telefonnummern zu merken, ist nicht jedermanns Sache. Doch aufgrund unverwechselbarer individueller Merkmale ist es für die meisten Menschen ein Kinderspiel, sich Gesichter schnell einzuprägen und selbst nach langer Zeit auf Anhieb wiederzuerkennen - zumindest was Angehörige der eigenen Hautfarbe betrifft. So scheinen für uns Mitteleuropäer beispielsweise alle Chinesen "ähnlich" oder gar "gleich" auszusehen. Eine bestimmte Region des Temporallappens im Großhirn könnte für dieses Phänomen verantwortlich sein.
Zurecht gilt das Gesicht als ein "Spiegel der Seele", denn im Alltag verrät es uns unbewusst vielfältige Informationen über eine fremde Person. In Sekundenschnelle gibt es uns Auskunft über Geschlecht, Alter, Herkunft, Gesundheitszustand und Stimmung unseres Gegenübers. So verwundert es nicht, dass unser Blick zunächst auf das Gesicht eines Menschen fällt und den ersten Eindruck, den wir von ihm haben, entscheidend beeinflusst.

Im Laufe unseres Lebens treffen wir auf unzählige Menschen und identifizieren sie allein anhand ihrer Gesichtszüge. Selbst Neugeborene sind dazu bereits in der Lage. Doch warum fällt es uns Mitteleuropäern leicht, die Gesichter von Angehörigen der eigenen Hautfarbe wiederzuerkennen? Und wieso haben wir Schwierigkeiten damit, uns beispielsweise die Gesichtszüge von Chinesen oder Afrikanern einzuprägen, die sich in unseren Augen trotz vorhandener individueller Unterschiede fast wie ein Ei dem anderen gleichen?

Einige Forscher vermuten, dass sich dieses merkwürdige Phänomen auf eine erhöhte Aufmerksamkeit zurückführen lässt, welche die Menschen den Angehörigen der eigenen Ethnie schenken. Möglicherweise begegnen sie ihnen auch gefühlvoller und können sich infolgedessen genauer an sie erinnern. Andere Wissenschaftler sehen darin jedoch eher eine Erfahrungssache: Je öfter wir mit einen bestimmten Gesichtstyp konfrontiert werden, desto einfacher können wir ihn uns einprägen.

Nun brachten Jennifer Eberhardt und ihre Kollegen von der Stanford University weiteres Licht ins Dunkel um diese rätselhafte Erscheinung. Im Brennpunkt ihres Interesses stand dabei die Frage, welche Hirnregion für die unterschiedliche Gesichtsabspeicherung zuständig ist. Um dies herauszufinden, zeigten die Forscher sowohl dunkel- als auch weißhäutigen Personen Fotografien von Angehörigen beider Rassen, die sie sich einprägen und später wiedererkennen sollten. Dabei maßen und lokalisierten die Wissenschaftler mithilfe der funktionellen Kernspintomographie die Gehirnaktivitäten der Versuchsteilnehmer.

Wie sich herausstellte, schaltete sich beim Großteil der Probanden die so genannte fusiform face area (FFA) ein, eine Region des Temporallappens, lokalisiert im unteren Bereich des Großhirns, die bei der Gesichtserkennung eine wichtige Rolle spielt. Und zwar zeigte die FFA eine umso größere Aktivität, wenn die Versuchspersonen Fotos von Angehörigen der eigenen Hautfarbe betrachteten. Demnach antwortet die zuständige Hirnregion auf bestimmte Gesichtstypen stärker als auf andere.

"Wir konnten aufzeigen, wo und wann Rassen auf der Ebene von Nervenzellen von Bedeutung sind", hebt Eberhardt hervor. Obwohl die Ursache für die unterschiedliche Gesichtserkennung noch rätselhaft ist, bezeichnet Elizabeth Phelps von der New York University die Studie als faszinierend, da sie eine gut erforschte Gehirnregion mit einem wichtigen sozialen Phänomen in Verbindung bringt.

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