Kleinplaneten im Mai 2026: Nach Eros kommt jetzt Anteros

Was helle Kleinplaneten angeht – also solche Objekte, die nach unserer etwas willkürlichen Definition mit einer scheinbaren Helligkeit von mindestens 10,0 mag erscheinen und mit kleinen Fernrohren ab sechs Zentimetern Öffnung beobachtet werden können –, herrscht im Mai eine ziemliche Flaute. In der ersten Monatsdekade ist kein einziger der hellen Planetoiden zu sehen, im zweiten Monatsdrittel nur Amphitrite, sie steht allerdings sehr tief. Erst in der letzten Dekade kommen mit Irene und ganz am Monatsende mit Melpomene und Lutetia weitere geeignete Ziele hinzu.
Mit Amphitrite und Lutetia erreichen zwei dieser Asteroiden in diesem Monat kurz nacheinander ihre Opposition zur Sonne, das heißt, sie stehen von der Erde aus gesehen der Sonne gegenüber am Himmel. Von den lichtschwächeren Kleinplaneten sei Panopaea erwähnt, die im Mai besonders günstig steht. Für eine erfolgreiche Beobachtung sollte das Teleskop dann schon einen Durchmesser von zehn Zentimetern haben. Schließlich kann ich mit Anteros wieder einen erdnahen Amor-Asteroiden der Amor-Gruppe vorstellen. Er ist am besten fotografisch aufzufinden, für das bloße Auge ist er viel zu lichtschwach. In der Liste der engen Begegnungen ist Egeria das hellste der aufgeführten Objekte – sie weist nur eine Helligkeit von 10,7 mag auf. Das ist angesichts der bereits erwähnten Kleinplanetenflaute allerdings wenig verwunderlich. Ein leicht zu trennender Doppelstern wird von der schon angesprochenen Panopaea besucht. Alle Zeitangaben beziehen sich auf Mannheim.
Helle Kleinplaneten
In der letzten Maiwoche wird (14) Irene wieder heller als 10. Größe. Sie ist im Sternbild Schütze zu finden und steigert sich am Monatsende auf eine Helligkeit von 9,8 mag. Ihre maximale Höhe, die Kulmination, erreicht sie um 02:43 Uhr MESZ in südlicher Himmelsrichtung.
Am Monatsende wird auch (18) Melpomene wieder heller als 10,0 mag. Sie läuft durch das Sternbild Adler und überquert den Meridian um 04:24 Uhr MESZ.
(21) Lutetia steht am 30. Mai im Sternbild Schlangenträger der Sonne gegenüber und leuchtet dann mit einer Helligkeit von lediglich 10,0 mag – einem Wert, den sie nur für wenige Tage beibehält. Gelegentlich kann sie aber auch einmal 9,4 mag erreichen, wie zuletzt im Jahr 2015. Dazu wird es jedoch erst wieder im Jahr 2034 kommen. In besonders ungünstigen Fällen sind es sogar nur 11,3 mag. Ihre Kulmination erfolgt Ende Mai um 01:22 Uhr MESZ.
In der zweiten Maidekade wird (29) Amphitrite wieder heller als 10. Größe. Ihre Opposition am 29. Mai im Sternbild Skorpion ist in diesem Jahr leider sehr ungünstig. Zum einen wird sie diesmal nur 9,7 mag hell – es geht auch rund 1,0 mag heller –, und zum anderen steht sie dabei sehr weit südlich bei Deklinationen um –30 Grad, etwa vier Grad südlich von Antares (siehe »Amphitrite besucht Antares«). Sie lässt sich daher am besten um die Zeit ihrer Kulmination beobachten, die zur Monatsmitte um 02:27 Uhr MESZ bei einer Helligkeit von 9,9 mag und am Ende des Monats um 01:07 Uhr mit 9,7 mag erfolgt.
Lichtschwächere Kleinplaneten
Seine 14. und zugleich letzte Kleinplanetenentdeckung gelang dem deutsch-französischen Astronomen Hermann Mayer Salomon Goldschmidt am 5. Mai 1861 in Paris. Der Planetoid erhielt den Namen (70) Panopaea, nach einer Meeresnymphe der griechischen Mythologie. Der rund 130 Kilometer große Himmelskörper umrundet die Sonne auf einer mäßig exzentrischen (e = 0,18) und um 11,6 Grad gegen die Ekliptik geneigten Bahn einmal in 4,23 Jahren. In diesem Jahr befindet sich Panopaea am 16. Mai in einer recht günstigen Opposition zur Sonne im Sternbild Waage und erscheint dabei mit einer Helligkeit von 10,9 mag. In ungünstigen Fällen sind es etwa zwei Größenklassen weniger. Der Planetoid kann zwar noch 0,2 mag heller werden, steht dann aber immer sehr weit südlich bei Deklinationen unter –30 Grad. Am 20. Mai zieht Panopaea nur 1,5 Bogenminuten nördlich an dem leicht zu trennenden Doppelstern HIP 75 504 (7,7 mag) vorbei und kann bei dieser Gelegenheit leichter identifiziert werden.
Interessante Begegnungen
Leider gibt es in diesem Monat keine engen Begegnungen von Planetoiden mit Deep-Sky-Objekten. Am spannendsten ist im Mai sicherlich die bereits erwähnte enge Passage von Panopaea am Doppelstern HIP 75 504 (7,7 mag). Ebenso gering ist die Distanz zwischen der lichtschwachen (216) Kleopatra (11,9 mag) und Zeta Scuti (ζ Sct, 4,7 mag) am 26. Mai, dem hellsten Stern in der Liste der engen Begegnungen. Der äußerst lichtschwache Amor-Asteroid (1943) Anteros passiert zudem am 17. und 20. Mai die Sterne HIP 51 832 (6,8 mag) und HIP 53 186 (7,6 mag) in diesem Abstand. Dabei fällt auf, dass der hellste Kleinplanet mit einer engen Begegnung (13) Egeria ist. Sie bringt es dennoch nur auf 10,7 mag und positioniert sich am 11. Mai etwa sechs Bogenminuten vom Stern 80 Virginis (80 Vir, 5,7 mag) entfernt.
Erdnahe Kleinplaneten
Nach längerer Pause kommt im Mai wieder ein erdnaher Asteroid (englisch: Near-Earth Asteroid, NEA) in die Reichweite etwas besser ausgerüsteter Amateurastronomen. Der Planetoid (1943) Anteros wurde am 13. März 1973 von dem US-amerikanischen Astronomen James B. Gibson an der Leoncito-Sternwarte in Argentinien entdeckt. Insgesamt fand Gibson 26 Asteroiden.
Anteros gehört zur Gruppe der Amor-Asteroiden. Diese Objekte besitzen große Halbachsen von mehr als einer Astronomischen Einheit (AE). Dabei entspricht 1 AE der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne (rund 149,6 Millionen Kilometern). Ihr sonnennächster Bahnpunkt, das Perihel, liegt zwischen 1,017 AE – was dem sonnenfernsten Bahnpunkt, dem Aphel, der Erde entspricht – und 1,3 AE, was etwas willkürlich als »erdnah« definiert wird. Amor-Asteroiden können der Erdbahn daher sehr nahe kommen, schneiden sie aber nicht. Namensgeber dieser Gruppe ist der 1932 entdeckte Kleinplanet (1221) Amor.
Die Bahn des rund 2,3 Kilometer großen Anteros ist mit einer Exzentrizität von e = 0,26 deutlich ellipsenförmig und um 8,71 Grad gegen die Ekliptik geneigt. Im Perihel beträgt seine Entfernung 1,06 AE, und im Aphel ist er 1,80 AE von unserem Zentralgestirn entfernt. Für einen Umlauf um die Sonne benötigt der Kleinplanet etwa 1,71 Jahre. Am 30. Mai kommt Anteros mit 0,132 AE in die größte Erdnähe seit seiner Entdeckung. Dabei steigt seine Helligkeit auf 13,6 mag, was ihn zu einem ziemlich anspruchsvollen Ziel macht. Visuell ist er dann mit Teleskopen ab 30 Zentimetern Öffnung aufzuspüren, fotografisch auch schon mit kleineren Instrumenten.
Im Jahr 2038 wird Anteros die 11. Größenklasse und im Jahr 2050 eine Helligkeit von 10,7 mag erreichen. Während des Beobachtungszeitraums wandert er vom Sternbild Wasserschlange weiter durch den Becher bis in die Jungfrau. Seine maximale scheinbare Geschwindigkeit am Himmel liegt bei 4,5 Bogensekunden in der Minute. Bei zwei ziemlich engen Begegnungen mit helleren Sternen aus dem Hipparcos-Katalog (HIP) kann er etwas einfacher aufgespürt werden. Der Name »Anteros« bezeichnet in der griechischen Mythologie übrigens den Gott der Gegenliebe und Bruder des Eros, des Gottes der Liebe. Er hatte im vergangenen Winter seinen großen Auftritt.
Eine für Mannheim gültige topozentrische Ephemeride des Kleinplaneten findet sich in der aufgeführten Tabelle. Grundsätzlich empfiehlt es sich, tagesaktuelle Ephemeriden zu verwenden. Diese lassen sich zum Beispiel auf der Website des Minor Planet Center (MPC) unter http://www.minorplanetcenter.net/iau/MPEph/MPEph.html erstellen.
Positionsmessungen der Planetoiden sind für eine Präzisierung ihrer Bahnelemente von großer Bedeutung. Weitere Hinweise zur Auswertung erfolgreicher Beobachtungen finden sich auf der Website der Fachgruppe »Kleine Planeten« der Vereinigung der Sternfreunde: https://www.kleinplanetenseite.de.
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