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News: Besiegelte Zivilisation

Heute ist das Leben in einer Stadt nicht ungewöhnlich. Vor etlichen Tausend Jahren jedoch war es der Fortschritt schlechthin, der Ursprung der Zivilisation. Funde in Syrien belegen, dass sich die neue Ordnung nicht in einem Zentrum allein, sondern parallel in verschiedenen Regionen entwickelte.
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Die Wiege der Zivilisation stand im südlichen Mesopotamien, so galt es bislang. Durch die wachsende Bevölkerung entstanden dort vor 6000 Jahren die ersten Städte mit völlig neuen Lebensformen und komplexeren sozialen Strukturen, die sich dann auch im Alltagsleben widerspiegelten – von unterschiedlichen Grundrissen bei Häusern bis zu kleinen Schmuckstücken, welche den gesellschaftlichen Stand anzeigten. Und sogar die Schrift als Kommunikationsmittel soll hier die ersten Zeichen hinterlassen haben.

Seit einiger Zeit jedoch zweifeln Wissenschaftler daran, dass sich die Zivilisation nur an einem Ort gebildet und von dort ausgebreitet hat. So belegten Funde in Tell Brak in Syrien oder in Arslantepe in der Türkei, dass auch dort im vierten Jahrtausend vor Christus erste städtische Kulturen entstanden. Und McGuire Gibson von der University of Chicago und seine Mitarbeiter stießen 1999 im Nordost-Zipfel Syriens auf die Überreste einer Siedlung aus derselben Zeit, die beispielsweise große Öfen enthielt, wie sie in Tempeln oder Palästen üblich waren – städtische Merkmale, obwohl die Siedlung mit 15 Hektar Fläche für eine Stadt etwas klein ausfällt.

In ihrer inzwischen dritten Ausgrabungsperiode haben die Forscher nun weitere Hinweise gefunden, dass die ersten Spuren von Zivilisation durchaus zeitgleich an verschiedenen Orten zu finden sind. So gruben sie ein Hausfundament mit gegliedertem Grundriss auf, das sehr aufwändig gebaut war, eines Tages aber offensichtlich abbrannte. Ein solches Gebäude wäre geeignet, um eine Art Behörde, eine Werkstätte oder womöglich gar eine Regierungsinstitution zu beherbergen.

Begraben unter dem Schutt entdeckten Gibson und sein Team nun Hunderte von Artefakten, von großen Vorratsbehältern über Steingefäße, Mörser und Pistillen bis hin zu einigen ungewöhnlichen Gegenständen, die wahrscheinlich für Zeremonien verwendet wurden. Darüber hinaus stießen sie auf eine aus Knochen gefertigte Nachbildung eines Dolches mit Hülle, die auf eine hochwertige Metallverarbeitung hinweist – in einer Zeit, in der Kupfer und Bronze gerade erst entwickelt wurden.

Eine ganze Reihe neu aufgespürter Siegel weist außerdem auf ein komplexes soziales System hin. Denn die kleinen Stempel sind ausgesprochen unterschiedlich: von kleinen Siegeln mit einfachen, geometrischen Figuren bis hin zu größeren Gebilden mit Tierdarstellungen wie beispielsweise einem Löwen – in Mesopotamien damals das Sinnbild des Königs. Diese Unterschiede zeigen nach Ansicht der Forscher, dass es ein fein differenziertes hierarchisches System in dieser vorchristlichen Stadt gab, an dessen Spitze womöglich sogar ein König stand.

Unter den Siegeln finden sich zudem auch zylindrische Exemplare, wie sie damals in Mesopotamien üblich waren – ein Hinweis darauf, dass die Regionen mindestens miteinander in Kontakt standen, vielleicht aber sogar einen intensiven Austausch pflegten. Denn Gibson schließt aus den vielfältigen Hinweisen auf frühe Zivilisationsansätze in der Region, dass der Norden auf der gleichen Entwicklungsstufe stand wie der Süden. Und damit wäre Zivilisation tatsächlich nicht das Ergebnis eines einzigen Ursprungs, sondern Folge mehrerer paralleler Ansätze.

Die Funde vermitteln außerdem einen Eindruck davon, wie Zivilisation begann, erklärt Gibson: "Was all diese Merkmale gemeinsam haben und wirklich den Unterschied zu vorher ausmacht, ist die soziale Organisation – eine Organisation, die über verwandtschaftliche Bande wie Familien- oder Stammeszugehörigkeiten hinausgeht. Erst dies macht Regierung und Zivilisation möglich."

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