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Mathematische Soziologie: Besser im Team

Favoriten stürzen tief. Ob US-Amerikaner beim olympischen Basketball oder Franzosen und Deutsche auf dem Fußballplatz - Mannschaften, die nur aus hochkarätigen Stars bestehen, erleben aus heiterem Himmel ihr blaues Wunder gegen hochmotivierte Nobodys. Kein Wunder, sagen Wissenschaftler, denn Erfolg ist eine Frage der richtigen Mischung.
Die Zeiten der scheinbaren Einzelgänger sind vorbei. Mag Odysseus seine ganze Mannschaft kreuz und quer über das Mittelmeer geführt haben – die Überlieferung rechnet ihm alleine alle Heldentaten an. Ebenso brüteten große Denker wie Aristoteles, Newton und Einstein nicht immer isoliert im stillen Kämmerlein an ihren genialen Ideen, sondern sie tauschten sich mit Kollegen aus, diskutierten zu zweien oder in Gruppen – und schrieben ihre Arbeiten einzig unter dem eigenen Namen. Wie versprengte Lichtlein im Dunkeln kommen uns diese Egos aus heutiger Sicht vor.

Inzwischen ist offene Teamarbeit angesagt. Ob Bundestrainer, Filmemacher oder Wissenschaftler – Expertengruppen schaffen mehr als Einzeltäter und gestehen jedem Teilnehmer ein Stück des Ruhmes zu. Fragt sich nur, nach welchen Regeln eine Traummannschaft gebildet wird. Denn die Erfahrung lehrt, dass weder eine Truppe egozentrischer Spitzenkönner maximale Leistungen bringt, noch der eingeschworene Kreis wenig kompetenter Freunde. Ein Forscherteam um Roger Guimerà und Brian Uzzi von der Northwestern University wollte genauer wissen, worauf es ankommt. Dazu analysierten die Wissenschaftler die freie Bildung zeitlich befristeter Gruppen aus Kunst und Wissenschaft, zwei Bereiche, in denen ein hohes Maß an Können und Kreativität gefordert ist.

Als Beispiel für die Kunst mussten Produktionen von Broadway-Musicals herhalten. 2258 Shows aus den Jahren 1877 bis 1990 werteten die Forscher aus. Sie stellten fest, dass in der Frühzeit dieser neuen Unterhaltungsform noch relativ kleine Teams von durchschnittlich zwei Personen ein Musical auf die Beine stellten. Mit zunehmender Komplexität stieg diese Zahl allerdings an, bis sie um 1930 einen womöglich optimalen Wert annahm. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind im Mittel sieben Leute an der Entwicklung eines Musicals beteiligt, mit speziellen Aufgaben wie Choreografie, Komposition, Libretto und vieles mehr. Selbst große gesellschaftliche Spannungen – immerhin fiel in den Zeitraum von 1930 bis 1990 der Zweite Weltkrieg – haben kaum an der stabilen Siebenergruppe gerüttelt.

Eine ähnliche Entwicklung auf eine optimale Teamgröße ist in den Wissenschaften entweder noch nicht abgeschlossen oder findet gar nicht statt. Die Auswertung zahlreicher Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften lässt zwar einen Anstieg der Gruppengröße erkennen, aber keine Sättigung. Dafür ist hier gut zwischen Neulingen und alteingesessenen Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinde zu unterscheiden. Guimerà, Uzzi und ihre Kollegen analysierten mit Werkzeugen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie sich Teams aus alt und jung zusammensetzen. Dabei beachteten sie, dass jede Zusammenarbeit gewisse Bande zwischen den Mitgliedern entstehen lässt. Man kennt sich eben oder anders ausgedrückt: Es entstehen Seilschaften.

In der Simulation am Computer bildeten sich zunächst kleinere Verbände aus, die gerne miteinander kooperierten. Je sicherer es jedoch war, als erfahrenes Mitglied wieder in ein neues Team zu gelangen, umso mehr Querverbindungen entwickelten sich, bis schließlich jeder über ein paar Ecken jeden kannte. Dieser Effekt ging umso schneller, je größer die Gruppen waren. Für Neulinge bedeutet das: Am schwersten ist es am Anfang, ist man einmal drin, läuft es fast von alleine.

Aber spiegelt die Simulation überhaupt das wahre Leben wider? Um dies zu prüfen, unterzogen die Forscher ihr Datenmaterial den gleichen Berechnungen. Tatsächlich passten Theorie und Praxis gut zusammen. Mit einer Ausnahme: Astronomie. In dieser Teildisziplin scheinen andere Mechanismen am Werke zu sein. Womöglich liegt der Grund darin, dass astronomische Geräte wie Teleskope, Satelliten oder Sonden extrem teuer sind und dementsprechend Messzeiten ein knappes Gut. Notgedrungen teilen sich Astronomen darum Zeiten und Daten, was zu ungewöhnlich großen Gruppen führt – eben typisch astronomische Zahlen.

Insgesamt darf nun als mathematisch-wissenschaftlich gesichert gelten, was intuitiv schon lange klar war: Ein erfolgreiches Team braucht erfahrene Leute, die durch ihre Beziehungen weitere hochkarätige Mitglieder werben, ebenso wie Neulinge mit unkonventionellen Ansichten, damit sich das Denken nicht ständig im Kreis dreht.

Was lehrt uns dies in Hinblick auf die Fußball-WM 2006? Anscheinend ist die Idee eines Führungsteams gar nicht so übel. Allerdings sollte man vielleicht ab und zu einzelne Positionen neu besetzen, um frische Ideen einzubringen. Das könnte mehr Erfolg versprechen, als die bisherige Methode, alle mit einem Schlag auszuwechseln und so auf die gewachsene Erfahrung zu verzichten. Denn wir wissen ja: Es gibt nur einen Rudi Völler! Und einen Jürgen Klinsmann!

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