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Münchhausen-Syndrom: "Betrügerisches Krankspielen steht nicht auf dem Lehrplan"

Kaum jemand wird gerne krank - dennoch gibt es Menschen, die "krank spielen". Das nach dem bekannten Lügenbaron benannte Münchhausen-Syndrom ist bisher wenig bekannt, seine Bedeutung allein in ökonomischer Hinsicht dürfte jedoch beträchtlich sein: Schätzungsweise bis zu fünf Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für sinnlose medizinische Maßnahmen ausgegeben. spektrumdirekt sprach mit dem Psychiater Marc Feldman, der hier als einer der führenden Experten gilt.
spektrumdirekt: Herr Professor Feldman, in Ihrem Buch "Wenn Menschen krank spielen" beschreiben Sie die vier Formen vorgetäuschten Krankseins: die artifizielle Störung, das Münchhausen-Syndrom, das Münchhausen-by-proxy-Syndrom und die Simulation. Was sind deren charakteristischen Merkmale?

Marc FeldmanLaden...
Marc Feldman | Dr. Marc D. Feldman ist Clinical Professor of Psychiatry an der Universität von Alabama. Er gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet des Münchhausen-Syndroms und verwandter Störungen.
Marc Feldman: Bei der artifiziellen Störung simuliert oder löst ein Mensch eine Erkrankung seines eigenen Körpers aus, um die Krankenrolle annehmen zu können. Das Münchhausen-Syndrom ist eine besonders schwer und chronisch verlaufende Form der artifiziellen Störung, bei der die gesamte Lebensführung auf das vorgespielte Kranksein eingestellt wird. Beim Münchhausen-bei-proxy-Syndrom täuscht ein Mensch die Erkrankung eines anderen – zumeist eines Kindes – vor oder löst sie aus, um pflegen zu können. Auf diese Weise will der Mensch Achtung und Aufmerksamkeit für sich selbst und zugleich die Kontrolle über einen anderen bekommen. Bei der Simulation versuchen sich Menschen ihrer Pflichten oder Strafe durch Vortäuschen einer Krankheit zu entziehen. Es ist verständlich, wenn auch illegal, dass Leute, die nicht zum Militär oder ins Gefängnis gehen wollen, dies zu umgehen versuchen, indem sie sich körperlich oder psychisch krank stellen oder sich selbst verletzen.

spektrumdirekt: Sie schreiben, dass in den USA jährlich zehn bis zwanzig Milliarden Dollar für sinnlose medizinische Maßnahmen ausgegeben werden. Wie ist die Lage in Deutschland?

Feldman: Die Ausgaben sind proportional zur Bevölkerung. In den USA leben zurzeit etwa 280 Millionen Menschen; in Deutschland sind es 82 Millionen. Daher kann davon ausgegangen werden, dass in Deutschland jährlich etwa drei bis sechs Milliarden Dollar, also 2,4 bis 4,8 Milliarden Euro, für nutzlose medizinische Aktionen aufgewendet werden.

spektrumdirekt: Warum schenkt man vorgetäuschten Krankheiten so wenig Beachtung – obwohl sie offenbar von hoher wirtschaftlicher Bedeutung sind?

Feldman: Betrügerisches Krankspielen steht nicht auf dem Lehrplan von Ärzten. Regelmäßig erhalte ich E-Mails von Familienangehörigen oder Freunden. Die meisten haben erst etwas von der Störung gehört, als sie sie im Internet beschrieben fanden. Das Phänomen wird vom Großteil der Bevölkerung vollkommen ignoriert. Vielleicht kann dies durch Internet-Foren verändert werden.

spektrumdirekt: Warum wurde bislang nur so wenig Forschung betrieben?

Feldman: Die US-amerikanische und die deutsche Regierung haben bisher keinen einzigen Cent für die Erforschung der artifiziellen Störung oder des Münchhausen-by-proxy-Syndroms ausgegeben.
"Viele Ärzte wollen nicht eingestehen, dass sie sich geirrt und kostspielige Ressourcen unnütz verbraucht haben"
Keine Stiftung zeigte Interesse, und die amerikanische National Alliance on Mental Illness, die seit 1979 für die Interessen psychisch Kranker eintritt, ignorierte alle meine Versuche, ihre Mitglieder auf das Problem aufmerksam zu machen. Artifizielle Störung und Münchhausen-by-proxy-Syndrom sind Verhaltensabweichungen, welche versteckt werden. Ich glaube, dass es unbequem ist, sich mit ihnen zu befassen. Oft bringen die Patienten Ärzte in eine peinliche Lage, und viele Ärzte wollen nicht eingestehen, dass sie sich geirrt und kostspielige Ressourcen unnütz verbraucht haben.

spektrumdirekt: Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es?

Feldman: Die beste Therapie scheint die unterstützende Psychotherapie zu sein, wobei zumeist bestehende schwere Persönlichkeitsstörungen der Patienten berücksichtigt werden müssen. Das Problem besteht darin, dass nur wenige zu therapeutischen Maßnahmen bereit sind. Standhaft leugnen die Patienten, dass sie eine artifizielle Störung oder ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom haben, obwohl deutliche Anzeichen erkennbar sind.

spektrumdirekt: Wie sollte der Arzt dem Patienten die Diagnose mitteilen?

Feldman: Der harte Konfrontationskurs, bei dem der Arzt dem Patienten schonungslos mitteilt, dass er ihn durchschaut hat, scheint ganz und gar nicht zu funktionieren: Die Patienten verlassen das Krankenhaus und gehen an einen anderen Ort, wo sie erneut das Kranksein vortäuschen. Wesentlich besser funktioniert die unterstützende Konfrontation. Bei ihr lässt der Arzt den Patienten wissen, dass dieser tatsächlich unter einer schweren Erkrankung leiden würde – es sei jedoch eine andere Krankheit, als der Patient vorgeben würde.

spektrumdirekt: Kann der Patient medikamentös behandelt werden?

Feldman: Es gibt keine einheitlichen Angaben, welche Medikamente eingesetzt werden sollen. Falls der Patient unter Depressionen leidet, können Antidepressiva hilfreich sein. Viele Patienten zeigen auch Angststörungen, welche mit Anxiolytika wie Benzodiazepin wirksam therapiert werden können.

spektrumdirekt: Wie viele Patienten werden rückfällig?

Feldman: Darüber liegen mir keine genauen Daten vor. Ich gehe davon aus, dass die Rückfallquote hoch ist, da die Patienten zumeist ihren gesamten Lebensstil auf ihr vorgetäuschtes Kranksein eingestellt haben.

spektrumdirekt: Welche Therapieergebnisse sind akzeptabel?

Feldman: Falls ein Arzt die Krankenaufenthalte und Arztbesuche auf die Hälfte reduzieren kann, hat er ein ausgezeichnetes Ergebnis erzielt.
12.05.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.05.2006

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