Beuteltiere: Von wegen seit 6000 Jahren ausgestorben

Australiens Megafauna war bis nach der letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren noch artenreicher als heute: Neben Großtieren wie dem Beutellöwen und dem bärengroßen Riesenwombat Diprotodon starben jedoch auch kleinere Spezies wie der Streifenbeutler Dactylonax kambuayai aus, der die Regenwälder im Osten des Kontinents durchstreift haben soll. Nur Fossilien blieben von diesen Tieren, bis eine biologische Detektivarbeit lebende Exemplare des Streifenbeutlers zum Vorschein brachte: Mehr als 6000 Jahre nach ihrem vermeintlichen Aussterben wies ein Team um Tim Flannery vom Australian Museum in Sydney tatsächlich Dactylonax kambuayai in den Regenwäldern der Vogelkop-Halbinsel auf Neuguinea nach. Gleichzeitig gelang es der internationalen Gruppe, noch eine zweite Spezies »von den Toten« zurückzuholen: den Gleitbeutler Tous ayamaruensis, der ebenfalls nur von Fossilien bekannt war.
Beide Arten haben in Tieflandregenwäldern der Halbinsel überlebt, wobei es keine näheren Verwandten der beiden Spezies auf Neuguinea gibt. Ursprünglich war die Region Teil Australiens, bevor sich das Gebiet geotektonisch vom Fünften Kontinent trennte und Teil Neuguineas wurde. Das erklärt auch ihr früheres Vorkommen auf dem Festland, wo sie schließlich verschwanden. Flannery und Co. hatten verschiedene Fossilien der beiden Beuteltiere untersucht und stießen bei ihrer Arbeit sogar auf ein Museumsexemplar des Streifenbeutlers, das 1992 gesammelt und im Australian Museum hinterlegt worden war: Damals hatte man es allerdings falsch identifiziert und nicht als einzigartigen Fund erkannt. Zudem wurden bereits 2023 Bilder der Tiere während einer von Carlos Bocos und Jon Hall geführten Säugetierexpedition nach Westpapua gemacht und auf der Plattform Mammalwatching hochgeladen, die ebenfalls zur Bestimmung der Streifenbeutler entscheidende Hinweise lieferten. Beide Beuteltiere gelten als »Lazarus-Arten«: Tiere oder Pflanzen, die als ausgestorben betrachtet wurden, aber doch überlebt haben.
Den Streifenbeutler zeichnet eine markante Anatomie aus: Er besitzt einen sehr ausgeprägten Finger, der doppelt so lang ist wie der nächstlängste Finger. Wahrscheinlich kann er damit Insekten aus Pflanzenlöchern ziehen – ähnlich wie die Aye-Aye-Lemuren Madagaskars. Der Gleitbeutler wiederum verfügt über sehr große Augen, unbehaarte Ohren und einen langen, flauschigen Greifschwanz, den er einrollen kann. Das unterscheidet ihn von verwandten Gleitbeutlern in Australien. Er ist die erste neu beschriebene Beuteltiergattung Neuguineas seit 1937 und hat eine hohe kulturelle Bedeutung für die Menschen vor Ort: Sie gelten als heilig, was ihren Regenwald über lange Zeit erfolgreich geschützt hat. Da die Gleitbeutler in Höhlen großer Urwaldbäume ihre Jungen gebären und aufziehen, werden sie durch Abholzung stark bedroht.
In den letzten Jahren nimmt die Rodung auf der Vogelkop-Halbinsel stark zu, um Platz für Plantagen zu schaffen, weshalb beide Arten direkt wieder als gefährdet gelten. Zusammen mit verschiedenen Naturschutzorganisationen und privaten Spendern versuchen die Wissenschaftler gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung, die Ökosysteme beider Beuteltiere zu schützen. Damit wollen sie verhindern, dass die Beuteltiere endgültig verschwinden.
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