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Paläogenetik: Bewegte Altsteinzeit

Über 50 Genome steinzeitlicher Menschen haben Forscher inzwischen in den Datenbanken. Es zeigt sich einmal mehr: Konstant war in Europa Jahrzehntausende lang nur der Wandel.
Mammutjäger-Schädel

Die Zahl der entzifferten Genome altsteinzeitlicher Individuen aus Europa und angrenzenden Regionen liegt inzwischen bei mehreren Dutzend. Aus "Momentaufnahmen" der europäischen Bevölkerungsgeschichte würde langsam so etwas wie ein "Bewegtbild", erläutert David Reich von der Harvard University. Es zeigt, dass Europa mehrfach einen tief greifenden Bevölkerungswandel erlebt hat.

Ein Team der Harvard University sowie der Max-Planck-Institute in Jena und Leipzig hat nun das Erbgut von 38 anatomisch modernen Menschen aus den letzten 40 000 Jahren entziffert und mit dem von weiteren 13 Individuen ähnlichen Alters ausgewertet.

Die ältesten Vertreter des anatomisch modernen Menschen, die vor rund 45 000 Jahren in das damals nur von Neandertalern bewohnte Europa einwanderten, hinterließen praktisch keine genetischen Spuren in den heutigen Europäern. Erst Gruppen, die vor 37 000 Jahren lebten, zählen zu einem gewissen Grad zu den Ahnen heutiger Europäer. Diese frühen Gruppen lassen sich kulturell dem Aurignacien zuordnen.

Eiszeitlicher Jäger | So (oder so ähnlich) kann man sich eiszeitliche Bewohner Europas vorstellen. Zwischen 37 000 Jahre vor heute und dem Einwandern einer Menschengruppe um 14 500 Jahre vor heute findet sich kein Genfluss nach Europa – die Populationen unterscheiden sich zwar, stammen aber allesamt von einer gemeinsamen "europäischen" Linie ab.

Dessen Angehörige wurden jedoch von einer Population abgelöst, die sich kulturell – und wie sich nun zeigt – auch genetisch von ihnen erkennbar unterschied und der Kulturstufe des Gravettien zugeordnet wird. Ihren Beginn legen die Wissenschaftler auf 33 000 Jahre vor heute, ihren Ausgangspunkt auf Südosteuropa. Angehörige des Gravettien waren Mammutjäger, die sich schließlich über große Teile Europas ausbreiteten. Nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit zeigt sich allerdings eine (unerwartete) Wiederkehr von Nachfahren der Population, die auch Angehörige des Aurignacien stellte. Vor ungefähr 19 000 Jahren tragen sie das Magdalénien von Südwesteuropa in den Kontinent hinein. Vermutlich überdauerten ihre Vorfahren in Refugien auf der Iberischen Halbinsel den Höhepunkt der letzten europäischen Vergletscherung.

Sie waren jedoch nicht die einzigen, die danach einen Vorstoß in ein weitgehend entvölkertes Europa machten. Auch aus dem Südosten drangen um 14 500 vor heute Menschen ins Zentrum des Kontinents vor, auf deren genetische Spuren die Forscher jüngst bei Untersuchungen des mitochondrialen Genoms aufmerksam geworden waren. Diese Einwanderungswelle steht zeitlich noch vor der Verbreitung des Ackerbaus und der neolithischen Lebensweise, die schließlich, etwa 6000 Jahre später, mit einer weiteren Welle der Einwanderung einhergeht.

Die Erbgutdaten verraten überdies, dass der Anteil an Neandertalererbgut im Genom der anatomisch modernen Menschen über die Jahrtausende kontinuierlich abnahm – ein deutliches Anzeichen für Selektion. Lag er zu Beginn der europäischen Besiedlung noch bei über vier Prozent, schrumpfte er im Lauf der Zeit auf seinen heutigen Wert von zwei Prozent. Ungünstige Genvarianten wurden dabei vermutlich sukzessive aus dem Genpool entfernt.

Eine Ausnahme machte hier nur ein Individuum in den Datenbanken der Forscher: Der Fund Oase-1 aus Rumänien stammt aus den Reihen der allerersten Pioniere, die keine Nachfahren in den heutigen Europäern haben. Sein Neandertaleranteil ist mit zehn Prozent ungewöhnlich hoch – die Forscher vermuten, dass womöglich noch ein Ururgroßelternteil ein Neandertaler war.

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