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News: Bewusstes Vergessen

Niemand erinnert sich gern an unangenehme Erlebnisse - sie werden verdrängt. Doch kann unser Geist mit Absicht Erinnerungen ins Unterbewusstsein abschieben? Ja, sagen amerikanische Psychologen. Sie versuchten, das bewusste Vergessen experimentell nachzuweisen.
Siegmund Freud öffnete vor einhundert Jahren das Tor zum Unterbewusstsein. Er postulierte, dass unser Gehirn Erinnerungen an traumatische Erlebnissen absichtlich verdrängen kann, indem es sie ins Unterbewusstsein abschiebt. Nach wie vor ist die Freud'sche Hypothese unter Psychologen umstritten. Kann das Gehirn wirklich entscheiden, an was es sich erinnert und was es vergisst? Und wenn ja, kann es diese Entscheidung bewusst fällen?

Freud belegte seine Hypothese mit einer Vielzahl von Beispielen. Doch Naturwissenschaftler bevorzugen Experimente als Beweise, und diese sind in der Psychologie schwierig. Jetzt versuchten Michael Anderson und Collin Green von der University of Oregon einen experimentellen Beleg für bewusstes Vergessen. Sie präsentierten ihren Versuchspersonen Paare aus Wörtern, die nichts miteinander zu tun hatten. So war das Wort "Gottesurteil" mit dem Begriff "Kakerlake" verbunden. Diese Begriffspaare prägten sich die Versuchspersonen ein.

Jetzt folgte Phase zwei des Experimentes. Sie bestand aus zwei Aufgaben: Die Versuchspersonen sollten entweder das zugehörige Wort eines Paares laut sagen, wenn ihnen das jeweils andere präsentiert wurde ("Denk-Aufgabe"), oder – im Gegenteil – nicht an den entsprechenden Begriff denken ("Nicht-Denk-Aufgabe"). Wenn sie also beispielsweise bei der "Nicht-Denk-Aufgabe" das Wort "Gottesurteil" lasen, sollten sie versuchen, nicht an "Kakerlake" zu denken.

Dann kam die entscheidende dritte Phase: Die Versuchspersonen lasen wiederum jeweils einen Begriff eines Wortpaares und sollten das dazugehörige Wort nennen, egal ob es aus der "Denk-" oder der "Nicht-Denk-Aufgabe" stammte.

Es zeigte sich, dass den Versuchspersonen vor allem die Wortpaare aus der "Denk-Aufgabe" einfielen. An die Begriffe aus der "Nicht-Denk-Aufgabe" konnten sie sich nur mit Schwierigkeiten erinnern.

Die Psychologen wollten es noch genauer wissen. Sie testeten das Erinnerungsvermögen ihrer Probanden ein zweites Mal. Diesmal zeigten sie ihnen nah verwandte Begriffe des vergessenen Wortes. Doch auch beim Wort "Insekt" fiel den meisten Testpersonen die "Kakerlake" nicht mehr ein. Sie hatten sie offensichtlich schlicht vergessen.

"Aus unseren Ergebnissen lässt sich schließen, dass es einen Prozess gibt, der Erinnerungen beeinträchtigt, sobald sie absichtlich aus dem Bewusstsein gedrängt werden", meinen die beiden Forscher. Martin Conway von der University of Bristol sieht damit Freuds Hypothese experimentell bestätigt: "Es zeigt eindeutig die Existenz einer bewusst durchgeführten Hemmung der Erinnerung."

Andere Wissenschaftler sehen das kritischer. "Sie können hieraus nichts über das Bewusstsein folgern", behauptet Jeffrey Gray vom Kings College in London und kritisiert, dass die Autoren der Studie die Reaktionszeiten der Probanden nicht berücksichtigten: "Die Zeit, bis etwas bewusst ist, dauert länger als die Zeit für eine verbale Antwort. Das Ganze könnte vielleicht nur die Messung einer automatischen Antwort gewesen sein."

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  • Quellen
BioMedNet
Nature 410: 319–320 (2001)
Nature 410: 366–3369 (2001)

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