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Bewusstsein: Der vermessene Geist

Haben Frösche, Hummeln oder Oktopusse ein Bewusstsein? Seit mehr als 150 Jahren streiten Naturwissenschaftler und Philosophen, woran sich bewusstes Erleben erkennen lässt. Dabei stoßen sie bis heute auf dasselbe grundlegende Problem.
Ein grüner Frosch sitzt auf einer menschlichen Hand vor einem weißen Hintergrund.
Neigt man die Hand, auf der ein Frosch sitzt, stark nach unten, reagiert das Tier auf unvorhersehbare Weise: So könnte er entweder wieder daran hochsteigen oder aber herunterspringen. Ein Frosch ohne Großhirnhemisphären zeigt zwar weiterhin ein bemerkenswertes Gleichgewicht, reagiert aber auf solche Veränderungen seiner Umgebung mechanisch und unflexibel: Er läuft in diesem Fall immer an der Hand nach oben.

Ein Frosch wischt einen ätzenden Säuretropfen auf seiner Flanke weg – selbst wenn ihm zuvor der Kopf abgeschnitten wurde! Wie kann das sein? Zunächst einmal: Bei entsprechender Pflege können Frösche wie auch viele Vögel, Schlangen und andere Reptilien eine solche Amputation eine ganze Weile überleben. Und als der junge deutsche Physiologe Eduard Pflüger 1853 diese Beobachtung veröffentlichte, überraschte sie die Fachwelt gar nicht so besonders: Man wusste schon lange, dass viele Reflexe bei Wirbeltieren, denen das Gehirn fehlt, erhalten bleiben. Berühmt wurde das Experiment vor allem durch das, was dann geschah.

In einem zweiten Schritt amputierte Pflüger dem Frosch auch noch das Bein, mit dem er die Säure weggewischt hatte, und brachte erneut einen ätzenden Tropfen an derselben Stelle auf. Wäre die erste Wischbewegung lediglich ein blinder Reflex gewesen, hätte der kopflose Frosch nun wirkungslos mit dem Beinstumpf herumgefuchtelt. Nach einer kurzen Phase solcher Bewegungen änderte der Frosch jedoch sein Vorgehen: Er versuchte, die irritierende Flüssigkeit mit dem anderen, gesunden Bein loszuwerden.

Pflüger wiederholte das Experiment Dutzende Male, und weitere Forscher bestätigten seine Beobachtungen. Im Lauf der Zeit zeigte sich, dass enthauptete Frösche eine ganze Reihe erstaunlich einfallsreich wirkender Reaktionen auf derartige Irritationen auf Lager hatten, wenn das bevorzugte Wischbein behindert wurde – unter anderem rieben sie sich an Gegenständen in ihrer Umgebung.

Diese Ergebnisse verblüfften, weil die Reaktion des Froschs zielgerichtet wirkte: Er probierte verschiedene Mittel aus, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. So ein Verhalten galt als möglicher Hinweis auf Bewusstsein. Auch Pflüger schrieb daher den enthaupteten Fröschen Bewusstsein zu. Seine Kritiker schlossen aus dem Experiment hingegen, dass selbst zielgerichtet wirkendes Verhalten rein mechanisch entstehen kann, da Bewusstsein ohne Großhirn undenkbar schien. Wer hatte recht?

Bis heute ist unklar, wie sich feststellen lässt, welche Wesen bewusst sind – besonders in Grenzfällen wie etwa bei Insekten, künstlicher Intelligenz oder Menschen im Wachkoma. Wie schon im 19. Jahrhundert stützen sich heute viele Philosophen und Naturwissenschaftler auf vermeintliche Anhaltspunkte oder Marker für Bewusstsein, etwa zielgerichtetes Verhalten oder die Fähigkeit zu lernen oder zu spielen. Doch sie stehen vor demselben Problem wie Pflüger.

Experimente können zeigen, ob ein Lebewesen bestimmte Verhaltensweisen aufweist. Um aber festzustellen, ob ein Verhalten ein sinnvoller Marker für Bewusstsein ist, müsste man prüfen, ob es tatsächlich nur bei bewussten Lebewesen auftritt. Dafür braucht es jedoch wiederum ein verlässliches Kriterium, um bewusste von unbewussten Wesen zu unterscheiden. Genau ein solches Kriterium müsste jedoch erst gefunden werden. Das Problem läuft auf einen klassischen Zirkelschluss hinaus.

Dieses Dilemma wird auch als Messproblem der Bewusstseinsforschung bezeichnet. Trotz einer Flut neuer Untersuchungen zur Frage des Bewusstseins bei zahllosen Organismen vom Oktopus über die Biene bis zum Einsiedlerkrebs steckt die Debatte fest. Vielleicht hilft hier aber ein weiterer Blick in die Vergangenheit.

Ein schwer fassbarer Begriff

Bewusstsein ist notorisch schwer zu definieren. Bereits in den 1850er-Jahren unterschied der schottische Psychophysiologe Alexander Bain nicht weniger als 13 Bedeutungen des Begriffs. Auch heute sind Wissenschaft und Philosophie kaum näher an einem Konsens darüber, was es eigentlich heißt, bewusst zu sein.

1974 bot der amerikanische Philosoph Thomas Nagel in seinem einflussreichen Aufsatz »What Is It Like to Be a Bat?« einen möglichen Denkansatz an. Ein Wesen sei dann bewusst, wenn es spezifische subjektive Erfahrungen erlebt – wenn es sich also so anfühlen kann, als ob man dieses Wesen sei. Nagels Definition sollte die Grenzen der empirischen Bewusstseinsforschung verdeutlichen: Selbst wenn man die Neurophysiologie einer Fledermaus vollständig verstünde, wüsste man noch immer nicht, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Das Bewusstsein der Fledermaus wäre somit nicht wirklich begriffen.

Andere haben objektivere Definitionen vorgeschlagen, etwa die Fähigkeit, durch neuronale Signale kodierte Informationen zu integrieren oder diese Informationen so verfügbar zu machen, dass sie Handlungen steuern können. Doch auch solche Definitionen bleiben umstritten.

Welche Tiere oder Systeme sind überhaupt bewusst?

Daneben gibt es eine zweite, ebenso wichtige Debatte: Welche Tiere oder Systeme sind überhaupt bewusst? Selbst ohne eine allgemein akzeptierte Definition könnte ein breiterer Konsens darüber helfen, zahlreiche gesellschaftliche Fragen zu klären – vom ethischen Umgang mit Labor- und Nutztieren über die Versorgung nicht sprechfähiger Patienten mit Hirnverletzungen bis hin zu unserem sich rasch wandelnden Verhältnis zur künstlichen Intelligenz. Aus evolutionsbiologischer Sicht könnte die Frage, welche Organismen bewusst sind, zudem aufzeigen, welche Äste des Stammbaums des Lebens Geist hervorgebracht haben, wann dies geschah und warum.

Im 19. Jahrhundert nutzten viele Forscher wie der oben genannte Pflüger Vivisektionen – Operationen an lebenden Tieren –, um herauszufinden, welche Fähigkeiten nach der Zerstörung oder Unterbrechung bestimmter Teile des Nervensystems verloren gingen. Entfernt man etwa bei einem Frosch das Kleinhirn, verliert er die Fähigkeit zu springen. Wird zusätzlich die Medulla oblongata zerstört oder vom übrigen Nervensystem getrennt, kann das Tier zudem seine normale Körperhaltung nicht mehr wiederherstellen, wenn man es auf den Rücken dreht.

Nervensystem eines Froschs |

Die Zeichnungen des deutschen Anatomen Alexander Ecker (1816–1887) stellten das Nervensystem der Frösche bemerkenswert detailliert dar. Forscher nutzten solche Abbildungen, um zu ermitteln, welche Bewegungen oder Verhaltensweisen von welchen Teilen des Nervensystems abhängen. Hierfür durchtrennten oder zerstörten sie bei lebenden Tieren Nervengewebe und untersuchten anschließend die dadurch verursachten Funktionsverluste.

Auf das Bewusstsein ließen sich diese Methoden jedoch schwerer anwenden: Ob ein Frosch Bewusstsein aufweist, ist nicht direkt ersichtlich. Daher griffen manche Fachleute auf beobachtbare Verhaltensweisen zurück, die indirekt auf Bewusstsein hindeuten könnten, etwa spontane Bewegungen oder zielgerichtetes Handeln. Andere suchten nach anatomischen Hinweisen, beispielsweise intakten Großhirnhemisphären. Jeder bevorzugte dabei zwangsläufig solche Bewusstseinskennzeichen, die zu den eigenen theoretischen und philosophischen Überzeugungen passten.

Pflüger bezweifelte, dass rein physikalische Mechanismen sämtliches Verhalten von Tieren erklären können. Sonst müsste, so argumentierte er, auf denselben Reiz stets dieselbe Reaktion folgen. Verändert ein Wesen sein Vorgehen, weil ein Versuch scheitert, reagiert es offenbar nicht bloß auf einen Reiz, sondern verfolgt bewusst ein Ziel. Deshalb betrachtete Pflüger zielgerichtetes Handeln als möglichen Marker für Bewusstsein.

Mit dieser Auffassung ähnelte er den sogenannten Vitalisten, schrieb im Unterschied zu diesen den Organismen jedoch keine besondere Lebenskraft zu, die sie von lebloser Materie unterscheiden sollte. Ihm gleichgesinnte Kollegen ergänzten weitere Verhaltensmarker, die zu einer ähnlichen philosophischen Sichtweise passten: Spontaneität, also die Fähigkeit, Handlungen ohne äußeren Anstoß zu beginnen, und Lernen, mit dem sich das Verhalten aufgrund früherer Erfahrungen anpassen lässt.

Der englische Philosoph und Physiologe George Henry Lewes etwa betrachtete Lernen als klares Kennzeichen für Bewusstsein. Ein Hund könne einen Menschen an einem Tag zunächst anbellen, ihn aber am nächsten schwanzwedelnd begrüßen, weil er sich nun daran erinnert, dass dieser ihn tags zuvor gefüttert und gestreichelt hat. Gleicher Reiz, andere Reaktion. Bei einem rein mechanischen System sei das unvorstellbar, so Lewes.

Lewes entwickelte außerdem eine metaphysische Sichtweise, wonach biologische und psychologische Phänomene, einschließlich eines voll ausgeprägten Bewusstseins, aus komplex organisierten physikalischen Strukturen wie einem Nervensystem »emergieren« können – sogar ohne Gehirn. Weder er noch Pflüger bestritten, dass lebende Systeme aus gewöhnlicher Materie bestehen, noch beriefen sie sich auf übernatürliche Kräfte. Laut Lewes entstehen jedoch bei hinreichend komplexer Organisation grundlegend neue Formen von Aktivität, darunter Zielgerichtetheit, Spontaneität und Lernen. Es lag daher nahe, solche Verhaltensweisen als mögliche Marker für Bewusstsein zu betrachten.

Das rivalisierende Lager

In der Physiologie des 19. Jahrhunderts war allerdings eine grundsätzlich andere, mechanistische Sichtweise weit verbreitet. Ihre Vertreter gingen davon aus, dass sich Verhalten vollständig durch physikalische Vorgänge erklären lässt. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Reflexbogen, den der englische Physiologe Marshall Hall ab den 1830er-Jahren etablierte. Dabei handelt es sich um eine lückenlose physikalische Kettenreaktion: Ein sensorischer Reiz trifft ein, wandert durch das zentrale Nervensystem und ruft über die Muskulatur ein Verhalten hervor. Je mehr physiologische Funktionen sich als eine Art Reflexbogen beschreiben ließen, desto eher schien es möglich, die gesamte Physiologie ausschließlich physikochemisch zu erklären – ohne Mitwirkung eines Bewusstseins.

Für Mechanisten wie den englischen Biologen und Anatomen Thomas Henry Huxley bestand die richtige Interpretation von Pflügers Ergebnissen entsprechend nicht darin, dem enthaupteten Frosch Bewusstsein zuzuschreiben. Vielmehr sah er darin einen Beleg dafür, dass Bewusstsein gar keine kausale Rolle bei zielgerichtetem Verhalten spiele, selbst bei gesunden Menschen.

Drei Sichtweisen auf das Bewusstsein |

Der deutsche Physiologe Eduard Pflüger (1829 – 1910; links) und der englische Biologe und Anatom Thomas Henry Huxley (1825 – 1895; Mitte) vertraten unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Merkmale zuverlässige Hinweise auf Bewusstsein liefern. William James (1842 – 1910; rechts) verfolgte einen von der Evolutionstheorie inspirierten Ansatz, der ohne die Verwendung von Verhaltensmarkern auskam.

Huxley hielt die Vorstellung eines kopflosen, aber bewussten Froschs für offensichtlich absurd. Da schwere Schäden beim menschlichen Großhirn zum Verlust des Bewusstseins führen, könnten enthauptete Frösche erst recht nicht bewusst sein. Und wenn unbewusste Frösche ohne Gehirn zu zielgerichtetem Verhalten fähig seien, dann könnten wohl auch unsere eigenen neuronalen Strukturen dieses selbstständig hervorbringen – rein mechanisch und ohne bewusstes Denken.

Dass Bewusstsein existiert, bestritt Huxley nicht. Er argumentierte jedoch, dass es sich nicht auf den Körper auswirke. Schließlich entstehe auch das Pfeifen einer Dampflokomotive zwar dadurch, dass die Maschine Luft durch ein Rohr presst, aber es beeinflusse seinerseits den Motor nicht. Eine ähnliche Einbahnstraße sei die Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein: Das Gehirn erzeuge Bewusstsein, doch Bewusstsein wirke sich nicht auf das Gehirn aus. Es sei lediglich ein kausal wirkungsloses Nebenprodukt.

William James’ Ausweg

In diese festgefahrene Debatte mischte sich schließlich der US-Amerikaner William James ein, der heute als einer der Begründer der empirischen Psychologie gilt. 1879 stand er noch am Anfang seiner Karriere, als er schrieb, die konkurrierenden Interpretationen der Froschexperimente könnten sich »bis in alle Ewigkeit gegenseitig auffressen«. Seine Lösung bestand darin, die Idee der Bewusstseinsmarker ganz aufzugeben. Stattdessen untersuchte er, welche Fähigkeiten nach der Zerstörung bestimmter Strukturen verlorengehen, und fragte dann, ob sich einige dieser Ausfälle durch das Fehlen von Bewusstsein erklären ließen.

James betrachtete also, welche Funktion Bewusstsein in der Gesamtphysiologie eines Organismus ausübt. Dazu führte er zunächst eigene Experimente mit Fröschen durch, deren Großhirnhemisphären er entfernt hatte. Setzte er sich etwa einen solchen Frosch auf seine Hand und neigte diese stark nach unten, kroch das Tier jedes Mal wieder nach oben, sprang aber nie davon. Kniff James ihn unter der Achsel an einer bestimmten Stelle, quakte der Frosch genau einmal. Setzte er ihn ins Wasser, begann er ausnahmslos zu schwimmen. Berührte James dabei allerdings die Hand des schwimmenden Froschs mit einem Stock, stoppte dieser sofort. Der Frosch konnte also durchaus zielgerichtet handeln, verhielt sich dabei jedoch auffallend vorhersehbar und mechanisch – wie bei einer Hampelmannfigur, deren Schnur gezogen wird.

Balanceakt |

Der deutsche Physiologe Friedrich Goltz (1834–1902) zeigte, dass ein Frosch ohne Großhirnhemisphären auf einem Brett im Gleichgewicht stehen bleiben kann, auch wenn es über extreme Winkel geneigt wird. Diese Versuche beeinflussten William James’ weiterführende Experimente.

Außerdem bemerkte James, dass Wesen ohne Großhirnhemisphären kaum etwas aus eigenem Antrieb tun. »Die gehirnlose Taube verhungert, selbst wenn sie auf einem Haufen Korn sitzt«, schrieb er. Pflügers enthauptete Frösche handelten zwar scheinbar zielgerichtet, aber nur als Reaktion auf die Säure. Ohne Reiz saßen sie reglos da.

Und noch ein weiteres Defizit fiel James auf: Solche Tiere schienen außerstande zu sein, mögliche Vor- und Nachteile abzuwägen. Er verwies auf Beobachtungen des deutschen Physiologen Max Schrader an Tauben ohne Großhirn. Diese bewegten sich zwar im Gehege, unterschieden aber nicht zwischen Steinen, anderen Tauben, Katzen, Hunden oder Greifvögeln und versuchten stets, darüber hinwegzuklettern.

Schrader beschrieb solches Verhalten als radikal »unpersönlich«. Sexuelle Anziehung verschwinde ebenso wie Anzeichen von Zu- oder Abneigung. Die Tauben schienen nahezu blind für Werte und Bedeutungen. Ihre Fähigkeit, andere Lebewesen oder unterschiedliche Handlungsoptionen zu beurteilen, war stark eingeschränkt.

Demnach konnten Tiere ohne Großhirnhemisphären zwar weiterhin zielgerichtete Handlungen ausführen, wenn man sie dazu veranlasste, wie Pflüger gezeigt hatte. Insgesamt verhielten sie sich jedoch mit der mechanisch wirkenden Regelmäßigkeit eines Uhrwerks, zeigten kaum Eigeninitiative und schienen nicht in der Lage zu sein, unterschiedliche Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Kurz gesagt: Ihnen fehlte, was James »Prudenz« nannte: die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen, also eine Form besonnener Klugheit.

James schloss daraus aber nicht einfach, dass Klugheit ein Anhaltspunkt für Bewusstsein sei. Gerade darin unterschied sich sein Ansatz von den vorangegangenen Annahmen. Statt nach Markern zu suchen, entwickelte er eine Hypothese über die evolutionäre Funktion des Bewusstseins. Er vermutete, das Bewusstsein entstehe in den Großhirnhemisphären und reguliere Verhalten mittels eben dieser Klugheit.

Ein darwinistischer Ansatz

Charles Darwins berühmtes Werk »Über die Entstehung der Arten« war 1859 erschienen. James studierte damals noch und war bald von Darwins Ideen überzeugt. Ihm zufolge führt die Evolution komplexer Nervensysteme zu einem Zielkonflikt: zwischen Verhaltensstabilität einerseits und Empfindlichkeit gegenüber einer zunehmenden Vielfalt von Reizen andererseits.

Für sehr einfache Organismen könne es vorteilhaft sein, immer gleichförmig und starr zu reagieren, da nur wenige Reizarten für sie wichtig seien. Komplexere Tiere entwickelten dagegen die Fähigkeit zur Fortbewegung, damit sie in Umwelten navigieren können, in denen Nahrung und Gefahren ungleich verteilt sind. Würden sie auf jeden Geruch, jede Berührung, jedes Geräusch und jede Veränderung in ihrem Gesichtsfeld auf mechanische Weise gleich ansprechen, könnten sie schon bei einem nichtigen Anlass übertrieben reagieren.

James’ Hypothese lautete daher: Bewusstsein reguliert das Verhalten von Organismen mit komplexen Nervensystemen, indem es ihnen erlaubt, Situationen und Objekte zu bewerten. Wer auf einem Wanderweg eine Klapperschlange entdeckt, könne schreiend davonlaufen. Man hätte aber auch die Option, innezuhalten und das Risiko eines Bisses gegen jenes einen kräftezehrenden Umwegs abzuwägen, so James.

Für eine derartige Bewertung möglicher Reaktionen auf eine problematische Situation muss man entsprechende bereits gemachte Erfahrungen wieder abrufen können. Die Inhalte solcher Erinnerungen nannte James »abwesende Objekte«, weil sie im Moment der Entscheidung nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Ihm zufolge reguliert Bewusstsein Verhalten, indem es ermöglicht, solche abwesenden Objekte zu berücksichtigen und zu bewerten – einschließlich künftiger Handlungsoptionen.

Laut James findet man überall dort, wo es Bewusstsein gibt, fortwährend Bewertungsprozesse. Das Bewusstsein richte seine Aufmerksamkeit auf einige wenige Dinge und ignoriere viele andere; es unterscheide zwischen mehr oder weniger schädlich, mehr oder weniger schön. Eine völlig neutrale Wahrnehmung sei kaum möglich: Eine Uhr mag akustisch völlig gleichförmig ticken, so James, aber wir hören trotzdem tick-tock, tick-tock, tick-tock.

James erkannte also die Aussichtslosigkeit, verhaltensbasierte Bewusstseinsmarker dadurch zu rechtfertigen, dass man sie bei vermeintlich bewussten Wesen identifiziert und anschließend dieselben Wesen anhand dieser Marker als bewusst klassifiziert. Stattdessen versuchte er zu verstehen, welchen funktionalen Unterschied Bewusstsein für Organismen macht, die es im Verlauf der Evolution entwickelt haben.

Zwar stellen beide Ansätze einen Zusammenhang zwischen Bewusstsein und beobachtbarem Verhalten her, da laut James nur bewusste Wesen zu klugem, abwägendem Handeln fähig sind. Doch James vermied den beschriebenen Zirkelschluss. Die Verbindung zwischen Bewusstsein und Verhalten stützt sich bei ihm auf eine unabhängige evolutionäre Theorie, die die experimentellen Beobachtungen erklärt.

Die Rückkehr der Marker

James starb 1910. Fast könnte man sagen, die wissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins sei mit ihm zu Grabe getragen worden. Drei Jahre später veröffentlichte der US-amerikanische Psychologe John B. Watson ein Manifest, in dem er forderte, die Psychologie solle sich ausschließlich mit beobachtbarem Verhalten befassen. Damit begründete er den Behaviorismus als Forschungskonzept und verdrängte das Bewusstsein für Jahrzehnte aus dem Fokus.

Die Untersuchung führte dazu, dass Tiere wie Krebse, Oktopusse und Hummer für gesetzgeberische Zwecke offiziell als empfindungsfähige Wesen anerkannt wurden

Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts drehte der Trend; inzwischen floriert die Bewusstseinsforschung wieder geradezu. Doch damit kehrte auch die Strategie der Bewusstseinsmarker zurück, besonders bei Tieren. Ein einflussreicher Übersichtsartikel aus dem Jahr 2021nutzte beispielsweise solche Kennzeichen, um zu argumentieren, dass bestimmte Weich- und Krebstiere empfindungsfähig sind – also im minimalen Sinn bewusst, da sie Gefühle wie Schmerz, Durst oder Erregung erleben. Die von der britischen Regierung finanzierte Untersuchung führte dazu, dass Tiere wie Krebse, Oktopusse und Hummer für gesetzgeberische Zwecke offiziell als empfindungsfähige Wesen anerkannt wurden.

Einer der betrachteten Bewusstseinsmarker ist die Fähigkeit, konkurrierende Motivationen gegeneinander abzuwägen. So wurden in einer Studie von 2009 an der Queen’s University Belfast Einsiedlerkrebse, die in für sie unterschiedlich attraktiven Gehäusen lebten, zunehmenden Elektroschocks ausgesetzt. Stark bevorzugte Behausungen verließen die Tiere erst bei stärkeren Schocks, als es bei weniger attraktiven der Fall war. Demnach schienen die Krebse das Bedürfnis, unangenehme Reize zu vermeiden, gegen den Vorteil eines hochwertigen Gehäuses abzuwägen.

Hätte es sich um einen bloßen Schmerzreflex gehandelt, wäre er jedes Mal bei einer festen physiologischen Schwelle, also einer vergleichbaren Schockintensität aufgetreten. Daher werteten die Fachleute ihre Ergebnisse als Hinweis auf Schmerzerleben und nicht lediglich auf einen Reflex. Ähnliche Beobachtungen wurden bei Ratten, Leguanen, Hummeln, räuberischen Schnecken, verschiedenen Fischarten und anderen Tieren beschrieben. Empfindungsfähigkeit bedeutet aber noch nicht automatisch, dass man bewusst über die eigenen Gefühle nachdenkt. Ein anderer Forschungszweig versucht deshalb, Anhaltspunkte für ein solches Selbstbewusstsein zu identifizieren, beispielsweise die Reaktion auf Spiegel.

Selbsterkenntnis |

Einige Bewusstseinsforscher betrachten die Fähigkeit, das eigene Spiegelbild zu erkennen, heute als Merkmal von Bewusstsein. Im Jahr 2001 berichteten Fachleute der Columbia University in New York und der Emory University in Georgia, dass zwei Delfine einen Spiegel nutzten, um Markierungen auf Körperstellen zu untersuchen, die sie sonst nicht sehen konnten, etwa oberhalb des Auges (links). Fünf Jahre später beschrieb man dieselbe Fähigkeit bei einer Asiatischen Elefantin (Mitte), die in den Spiegel blickte und eine markierte Stelle mit ihrem Rüssel berührte (rechts).

Viele Tiere – und auch menschliche Säuglinge – reagieren auf ihre Abbilder in einem Spiegel zunächst so, als sähen sie ein anderes Individuum. Eine klassische Studie an der Tulane University in Louisiana aus dem Jahr 1970 zeigte jedoch, dass Schimpansen lernen können, sich selbst zu erkennen. Nachdem die Primaten sich an Spiegel gewöhnt hatten, brachten die Forscher unbemerkt einen roten Farbfleck auf der Stirn der Tiere an. Sahen die Schimpansen diesen nun im Spiegel, berührten sie wiederholt die entsprechende Stelle ihres eigenen Gesichts.

Ähnliches Verhalten wurde später bei Asiatischen Elefanten, Großen Tümmlern und sogar Putzerfischen beobachtet, die mithilfe von Spiegeln Markierungen von ihrem Körper entfernen können. Hunde, Wölfe und Strumpfbandnattern bestanden Varianten des Tests, die auf dem Geruchssinn beruhen. Trotz anhaltender Diskussionen betrachten manche Fachleute die Fähigkeit zur Selbsterkennung im Spiegel inzwischen als Kennzeichen dafür, sich seiner selbst bewusst zu sein.

Auch Spielen gilt als möglicher Hinweis auf Bewusstsein. In einer Studie von 2022 an der Queen Mary University of London erhielten Hummeln kleine Holzkugeln, mit denen sie offenbar ohne jeden praktischen Zweck spielten: Das Herumrollen der Kugeln diente weder der Nahrungssuche noch der Fortpflanzung oder dem Freiräumen von Hindernissen. Den Autoren zufolge deutet das Verhalten auf Empfindungsfähigkeit bei diesen Insekten hin.

Hummelspiel |

Ein Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Queen Mary University of London gab Hummeln Holzkugeln und beobachtete, wie die Insekten diese offenbar ohne erkennbaren praktischen Nutzen umherrollten. Die 2022 veröffentlichten Ergebnisse zeigten, dass jüngere Hummeln besonders verspielt waren – ähnlich wie bei Säugetieren. Einige Forscher interpretieren Spielverhalten als mögliches Merkmal von Bewusstsein.

Für einige Fachleute legt die Gesamtheit solcher Studien nahe, dass viele Tiere tatsächlich Bewusstsein besitzen. 2024 unterzeichneten mehr als 600 Philosophen und Neurowissenschaftler die »New York Declaration on Animal Consciousness«. Demnach gibt es starke wissenschaftliche Hinweise auf Bewusstsein bei zahlreichen Säugetieren und Vögeln sowie möglicherweise sogar bei allen Wirbeltieren und vielen Wirbellosen.

Wie schon im 19. Jahrhundert herrscht jedoch Uneinigkeit über die Bedeutung entsprechender Marker. Ein Problem besteht darin, dass deren konsequente Anwendung zu unglaubwürdigen Ergebnissen führen kann. So besitzt der mikroskopisch kleine Fadenwurm Caenorhabditis elegans nicht einmal 400 Neurone und zeigt dennoch vermeintliche Bewusstseinskennzeichen wie Lernen und das Abwägen konkurrierender Motivationen.

Andere Theoretiker glauben, Bewusstsein entstehe erst, wenn man der eigenen Gefühle, Gedanken oder Handlungen gewahr wird

Für die meisten Forscher ist die Großhirnrinde unabdingbar für menschliches Bewusstsein. Einige vertreten jedoch die Ansicht, bereits der obere Hirnstamm könne eine minimale Form von Bewusstsein hervorbringen. Denn Kinder, die ohne Großhirnrinde geboren wurden, sind zwar schwer beeinträchtigt, zeigen aber einige vermeintliche Bewusstseinsmarker, darunter Schlaf-Wach-Rhythmen, einfache Emotionen und Vorlieben sowie zielgerichtetes Verhalten. Solche Deutungen sehen Bewusstsein eher im körperlichen Handeln und Erfahren sowie in biologischer Regulation verankert als in jenen höheren kognitiven Fähigkeiten, die typischerweise den Großhirnhemisphären zugeschrieben werden.

Andere Theoretiker glauben dagegen, Bewusstsein entstehe erst, wenn man der eigenen Gefühle, Gedanken oder Handlungen gewahr wird. Einsiedlerkrebse mögen etwa Schmerzen gegen den Wert eines guten Gehäuses abwägen, doch daraus folgt nicht zwangsläufig, dass sie sich über ihre Präferenzen im Klaren sind. Solche Ansichten verorten Bewusstsein nicht in biologischer Regulation, sondern in der Kognition – insbesondere in der Fähigkeit des Geistes, einen eigenen Zustand darzustellen.

Dementsprechend betonen Vertreter dieser Sichtweise andere Bewusstseinsmarker, etwa metakognitive Fähigkeiten. In entsprechenden Experimenten gilt es nicht nur eine Aufgabe zu lösen, sondern auch anzuzeigen, wie sicher man sich mit der Antwort ist. So können etwa Affen mit einer Leckerei als Einsatz darauf wetten, dass das Resultat stimmt. Sind sie überzeugt, dass sie die Aufgabe richtig gelöst haben, setzen sie eine größere Nahrungsportion aufs Spiel, als wenn sie daran eher zweifeln.

Erneuter Blick zurück

Ein neuerer Ansatz, einen Konsens über Bewusstseinsmarker zu erreichen, ist die sogenannte iterative Methode. Wenn Bewusstsein eine einheitliche, stabile Eigenschaft ist, so die Überlegung, dann sollten verschiedene Marker in denselben Organismen gemeinsam auftreten. Indem man prüft, welche intuitiv plausiblen Kennzeichen tatsächlich zusammen vorkommen, ließe sich ein Katalog verlässlicher Bewusstseinsmarker erstellen und durch Aussortieren ungeeigneter Kandidaten schrittweise verfeinern. Allerdings löst auch diese Vorgehensweise das grundsätzliches Problem nicht vollständig. Denn es ist ebenfalls nicht gefeit davor, in immer weiter auseinanderdriftenden philosophischen Weltbildern zu enden, die letztlich unvereinbar bleiben.

Letztlich sind wir heute also nicht viel weiter als im 19. Jahrhundert. Daher lohnt sich vielleicht ein erneuter Blick auf die Überlegungen von William James. Er wäre von den heutigen Studien zur Tierkognition vermutlich beeindruckt gewesen. Wahrscheinlich hätte er jedoch ebenso davor gewarnt, allein aufgrund bestimmter Verhaltensweisen auf Bewusstsein zu schließen – oder weil irgendwelche Kennzeichen gut zur jeweils bevorzugten philosophischen Theorie passen. Ihm zufolge werden solche Schlüsse nur dann plausibel, wenn sie in einen evolutionären Rahmen eingebettet sind, der selbst nicht auf derartigen Indizien beruht.

Gäbe es also unabhängige Gründe dafür, dass die evolutionäre Funktion des Bewusstseins der Verhaltenssteuerung dient, dann sollten bewusste Wesen verschiedene Motivationen abwägen können. Und wenn es aus evolutionstheoretischer Sicht für ein abwägendes Vorgehen Bewusstsein braucht, lässt sich – wie James es tat – argumentieren, dass Pflügers Frösche ein gestörtes Bewusstsein hatten. Damit können wir anhand der Evolutionsgeschichte versuchen zu verstehen, wann, warum und in welchen Tiergruppen sich ein solch kluges, abwägendes Verhalten erstmals entwickelt hat.

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  • Quellen

Bayne, T. et al., Trends in Cognitive Sciences 10.1016/j.tics.2024.01.010, 2024

Merker, B., Behavioral and Brain Sciences 10.1017/S0140525X07000891, 2007

Shea, N., Bayne, T., British Journal for the Philosophy of Science 0.1093/bjps/axp046, 2010

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