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Wissenschaft im Alltag: Bilder, die unter die Haut gehen

Vor zwanzig Jahren noch stigmatisierten Tätowierungen ihren Träger zum Außenseiter, heute sind sie gesellschaftsfähig.
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Fast zehn Prozent der Deutschen tragen Rosen, Adler, geometrische Muster und anderes als Körperschmuck. Manche Tattoos zieren Arm oder Schulter, andere offenbaren sich nur dem Intimpartner, und eine dritte Variante soll gar nicht als Tätowierung erkannt werden: so genanntes Permanent-Make-up, das Lippen verbreitert oder Augenbrauen dunkler wirken lässt.

Weil sich die Zellen der obersten Hautschicht (Epidermis) regelmäßig erneuern, verschwindet dort aufgebrachte Farbe nach einigen Wochen. Erst in der ein bis vier Millimeter tiefer liegenden Lederhaut (Dermis) bleiben Farbpigmente zum großen Teil erhalten. Zwar versuchen die Gesundheitspolizisten des Körpers, die Makrophagen (Fresszellen), diese enzymatisch oder chemisch zu zerstören. Doch dazu müssen sie die Pigmente aufnehmen. Die winzigen Kristalle lassen sich nicht nur nicht abbauen, sie nutzen obendrein diese Gelegenheit, um miteinander zu verbacken. Die Fresszellen schwellen an, und viele können ihre Fracht nicht einmal mehr in Blut- und Lymphgefäße abtransportieren. Aus Sicht des Immunsystems werden die Pigmente unschädlich gemacht, indem sie mit einer Proteinhülle abgekapselt werden.

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Tätowiermaschine | Fließt Strom durch die Spulen der Tätowiermaschine, erzeugt er ein Magnetfeld, das die Ankerstange anzieht und damit die Nadel in die Haut drückt. Dabei bewegt sich auch eine Feder und löst sich von einem Kontaktpunkt. Der Stromkreis wird unterbrochen und die Feder drückt die Ankerstange wieder in die Ausgangslage. Der Stromkreis schließt sich und die Bewegung beginnt erneut.
Um in tiefere Schichten zu gelangen, muss die Haut verletzt werden. Tattookünstler verwenden dazu Tätowierungsmaschinen, in denen sich drei bis fünfzehn Nadeln mit fünfzig bis dreitausend Stichen pro Minute auf- und abbewegen. Zuvor taucht man sie in die gewünschte Farbe, die durch Kapillarkraft in die Führung der Nadeln gezogen wird. Beim Tätowieren fließt diese Suspension außen an den Nadeln herunter – sie haben keinen Hohlraum wie eine Spritze. Teile davon dringen mit dem Metall bis in die Lederhaut ein und werden dort abgestreift.

Je größer das Bild oder Muster, desto großflächiger die verletzte Hautpartie. Wie bei jeder Wunde besteht die Gefahr von Infektionen. "Ein gutes Tattoostudio achtet deshalb peinlich auf die Hygiene, verwendet nur Einmalnadeln, -farbbehälter und -hand schuhe sowie sterilisierte Griffe und benutzt andere Teile der Tätowierungsmaschinen fachgerecht", erklärt Rald Michel vom Tintenhersteller Deep Colours! in Neuburg. Entsprechende Vorschriften sind in Deutschland übrigens Ländersache.

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Wie ein Tattoo entsteht | Die Tätowiernadel befördert Farbpigmente aus dem Tintenfilm ein bis vier Millimeter tief in die Lederhaut (Dermis). Dort werden einige der Pigmente in den Papillarkörpern dauerhaft eingekapselt.
Dennoch: Die Farbstoffe bergen ein nur schwer kalkulierbares Gesundheitsrisiko. Laut dem Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung fehlen gesetzliche Vorschriften für Reinheit, Qualität und gesundheitliche Unbedenklichkeit. Da keine Stoffe auf die Haut gebracht werden, haben Verordnungen für Kosmetika keine Gültigkeit. Regelungen aus dem pharmazeutischen Bereich kommen ebenfalls nicht zur Anwendung, denn mangels wissenschaftlicher Modelle für die biologischen Wirkungen gibt es weder verbindliche Positiv- noch Negativlisten von Tattoofarben. Deshalb sind Verunreinigungen mit Schwermetallen und Bakterien nicht selten, warnt der Dermatologe Wolfgang Bäumler von der Universität Regensburg. Einige der beliebten Azo-Pigmente, die leuchtend bunte Bilder ergeben, stammen aus Großproduktionen für Autolacke – mit den entsprechenden niedrigen Anforderungen an die Reinheit. Forscher haben bei diesen Farben besondere Bedenken, denn manche davon zerfallen unter UV-Licht in gesundheitsschädliche oder Krebs erregende Stoffe wie Amine, Nitrotoluol oder Methyl-Niroanilin.

Gerade Ärzte, die Tätowierungen wieder entfernen sollen, wünschen sich Datenblätter der Farben, weil sie nur so die richtige Laserwellenlänge bestimmen können. Aber auch Tattoostudios könnten von Positivlisten profitieren, denn die amerikanische Food and Drug Administration hat bereits im Juli 2004 wegen der Farbstoff problematik Alarm geschlagen: Erste Schadenersatzprozesse sind nur noch eine Frage der Zeit.

Für alle, die eine Tätowierung nach einiger Zeit bereuen – Skeptiker behaupten, fast die Hälfte aller so Geschmückten tut dies irgendwann – bieten Hautärzte eine zeitaufwändige und relativ teure Laserbestrahlung an. Sie soll die Farbpigmente ausbleichen oder zerstören – mit dem Risiko, dass dabei die erwähnten Schadstoffe entstehen. Da aber kaum jemand weiß, welche der mehreren hundert Farbmixturen unter der Haut stecken, können solche Behandlungen fehlschlagen. Dann hilft nur Kreativität, wie bei Pamela Anderson: Nach der Trennung von ihrem Mann wurde aus dem "Tommy" ihre "Mommy".

Wussten Sie schon?

  • Der Der Gletschermann Ötzi trug bereits vor 5000 Jahren insgesamt fünfzig Zeichen auf Rücken, Fußknöcheln und Knien: die ältesten bekannten Tätowierungen. Als Farbstoff diente Holzkohle. Aus der Lage dieser Punkte schlossen Forscher, dass Medizinmänner dort mit Akupunktur Ötzis Gelenkschmerzen lindern wollten, denn auch heute noch werden in der chinesischen Medizin an diesen Stellen Nadeln gesetzt.

  • Die Bezeichnung Tattoo prägte der Entdecker James Cook, der 1769 auf Tahiti, einer der Hauptinseln Französisch-Polynesiens, Tätowierte sah. Dort stand das Wort "tatau" für "kennzeichnen".

  • Ein leichtes Kitzeln, ein heftiger Stich – die Schmerzen, die der Kunde im Tattoostudio ertragen muss, variieren. Sie rühren von den Nervenzellen in der Lederhaut her, die bei der Nadelung getroffen werden. Direkt über Knochen ist die Haut meist empfindlicher als über Muskelpolstern, deshalb schmerzt ein Schultertattoo mehr als eines am Oberarm. Auch die Fertigkeit des Tätowierers ist wichtig, denn er muss tief genug einstechen, um die Lederhaut zu erreichen, zu tiefe Stiche aber schmerzen und bluten unnötig.

  • Die Pharmakokinetik der Tattoos ist bislang kaum erforscht. Untersuchungen an Leichen in der Gerichtsmedizin zeigen aber, dass ein Teil der Pigmente durchaus in den Körper gelangt und zum Beispiel in den Lymphknoten oder in den Filterorganen Leber, Milz und Niere verbleibt.

  • Viele modebewusste Menschen entscheiden sich für die Temptoos oder Bio-Tattoos, die – so versprechen Kosmetikstudios – nach einigen Wochen oder Monaten wieder verschwinden. Denn die Farbe wird nur in die 0,04 bis 1,5 Millimeter dicke Oberhaut gebracht, die sich innerhalb von dreißig Tagen erneuert. Weil diese Schicht aber so dünn ist, sticht die Nadel nicht selten zu tief und hinterlässt ein echtes Tattoo.
  • 09.09.2006

    Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.09.2006

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