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Psychische Gesundheit: Die heilsame Kraft der Vögel

Amsel, Meise und Rotkehlchen zu beobachten, tut der Psyche gut. Die gesundheitsförderlichen Wirkungen von Birding könnten überraschend vielseitig sein.
Ein Rotkehlchen sitzt auf einem moosbedeckten Baumstumpf in einem üppigen, grünen Wald. Das Bild zeigt das Rotkehlchen in einem natürlichen Lebensraum, umgeben von verschiedenen Pflanzen und Gräsern. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Ruhe und Naturverbundenheit.
Rotkehlchen gehören zu den Vogelarten, die vielen Menschen im Grünen begegnen. Sie bewusst zu beobachten oder ihrem Gezwitscher zu lauschen, kann das Wohlbefinden verbessern.

Lange Bürotage, monotone Routinen, Alltagsstress: Belastende Phasen kennen die meisten Menschen. Der Rat »Geh doch mal an die frische Luft« klingt dann schnell banal. Wie wäre es, wenn Sie draußen nicht tief einatmen, sondern stattdessen Vögel beobachten würden?

Wir alle hören sie gelegentlich singen oder sehen, wie sie durch Baumkronen flattern. Dennoch nehmen wir Vögel in unserer Umgebung oft nur am Rande wahr. Dabei könnte es unserer Psyche guttun, sie gezielt zu beobachten oder ihrem Gezwitscher bewusst zu lauschen. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass Menschen dadurch ruhiger, aufmerksamer und erholter werden.

Wild lebende Vögel in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten – auch »Birding« genannt –, liegt seit einigen Jahren im Trend. Während der Pandemie entdeckten viele Menschen das Hobby für sich, und es tauchte zunehmend in den Feeds sozialer Medien auf. Viele Neulinge stellten damals fest, was erfahrene Vogelbeobachterinnen und Vogelbeobachter längst wussten: Der Vogelwelt Aufmerksamkeit zu schenken, kann überraschend erfüllend sein.

Zahlreiche Studien zeigen, dass Zeit in der Natur Gesundheit und Wohlbefinden positiv beeinflussen kann. Laut einer Übersichtsarbeit, die mein Team und ich 2024 veröffentlichten, sind Begegnungen mit Vögeln besonders wohltuend. Sie könnten die Stimmung heben, Stress mindern, die Aufmerksamkeit schärfen – und soziale Beziehungen stärken, wenn Menschen gemeinsam auf Erkundungstour gehen. Womöglich motivieren sie einen sogar dazu, mehr auf die Umwelt zu achten.

Vögel zu beobachten, könnte mehr Nutzen bringen als andere Aktivitäten im Freien. So berichtete eine Gruppe um Nils Peterson von der North Carolina State University im Jahr 2024, dass ein Spaziergang zur Vogelbeobachtung das Wohlbefinden stärker steigerte und Stress deutlicher verringerte als ein gewöhnlicher Naturspaziergang.

Mein Team am Morehouse College in Atlanta kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Für unsere Studie untersuchten wir, wie achtsam sich Studierende verhielten, bevor und nachdem sie an einer Vogelbeobachtungstour oder einem normalen Naturspaziergang teilgenommen hatten. Eine dritte Gruppe sah sich lediglich eine Naturdokumentation an.

Achtsam auf Vogelschau

Als Zeichen von Achtsamkeit galt, sich mit dem gegenwärtigen Moment verbunden zu fühlen, Emotionen oder körperliche Empfindungen bewusst wahrzunehmen und sich zeitweise besonders wach und aufmerksam zu fühlen. Der Vogelspaziergang machte die Teilnehmenden achtsamer als die anderen beiden Aktivitäten. Offenbar hilft Vogelbeobachtung Menschen dabei, selbst im »Hier und Jetzt« zu sein.

Achtsamkeitsübungen können sich bekanntermaßen positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Bei jungen Erwachsenen reduzieren sie Stress, Angstzustände und Depressionen, wie aus einer Übersichtsarbeit eines spanischen Teams hervorgeht.

Die heimische Vogelwelt zu entdecken, ist ein Erlebnis für mehrere Sinne: Wir sehen die Vögel zwischen den Zweigen sitzen, hören sie zwitschern oder im Laub rascheln. Damit sie uns guttun, müssen wir sie jedoch gar nicht unbedingt zu Gesicht bekommen. Schon ihre Gesänge wirken wohltuend. So geht aus einer Studie des Neurowissenschaftlers Emil Stobbe und seiner Kollegen hervor, dass Vogelgesang Ängste und paranoide Gedanken verringert.

Hobbyornithologen lernen, verschiedene Arten anhand ihres Federkleids, ihrer Größe und ihrer Körperform zu unterscheiden. Auch Verhalten, Rufe und Lebensraum liefern Hinweise. Wer regelmäßig Vögel bestimmt, übt dabei, Muster zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Studien haben die Vogelbestimmung zudem mit erhöhter Aufmerksamkeit und einem besseren Gedächtnis in Verbindung gebracht. So konnten Fachleute um den Neurowissenschaftler Erik Wing von der York University in Toronto zeigen, dass erfahrene Vogelkundler eine stärkere Aktivität in Hirnregionen aufweisen, die wichtig für die Verarbeitung von optischen Reizen, das Arbeitsgedächtnis und das Erkennen von Objekten sind.

Noch ist allerdings unklar, ob wirklich das Birding die positiven Veränderungen bewirkt oder ob Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten von vornherein eher dazu neigen, mit Bestimmungsbuch und Fernglas die Vogelwelt zu erkunden. Der mögliche Zusammenhang zwischen Birding und Gesundheit muss noch weiter erforscht werden.

Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse denken einige Fachleute – mich eingeschlossen –, dass Vogelbeobachtung Menschen mit Angsterkrankungen oder Depressionen auf einfache und kostengünstige Weise helfen könnte. Gerade junge Menschen sind von diesen psychischen Störungen immer häufiger betroffen.

Zudem könnte das Hobby auch bei Krankheiten einen Vorteil bieten, die Aufmerksamkeit und Gedächtnis beeinträchtigen – von ADHS bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Eine ärztliche Empfehlung zum Vogelbeobachten erscheint da vielleicht gar nicht so abwegig.

Vogelbeobachtung auf Rezept

Sollten sich die Hinweise auf gesundheitliche Vorteile bestätigen, könnte sich Vogelbeobachtung nach dem Vorbild von Initiativen wie »Park Rx America« in den USA oder »PaRx« in Kanada als Maßnahme zur Förderung der psychischen Gesundheit etablieren. In diesen Programmen empfehlen medizinische Fachkräfte ihren Patientinnen und Patienten Aufenthalte in der Natur.

Vögel zu beobachten, macht nicht nur allein Spaß, es bringt auch Menschen zusammen. Viele Vogelfreunde engagieren sich etwa im Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) oder im Naturschutzbund (NABU) und tragen dazu bei, Vögel und ihre Lebensräume zu schützen und Wissen über sie zu vermitteln. Gemeinsam brechen die Mitglieder zu Beobachtungstouren auf oder treffen sich bei anderen Veranstaltungen rund um die Vogelwelt.

Darüber hinaus teilen Millionen Freiwillige ihre Sichtungen in Citizen-Science-Projekten wie eBird und Project FeederWatch des Cornell Lab of Ornithology in Ithaca (New York). In Deutschland bietet der DDA Monitor-Programme an. Die so gewonnenen Daten helfen Biologen, Vogelbestände zu überwachen. Gleichzeitig können sich Vogelfreunde über die Projekte vernetzen. Alle können mitmachen, unabhängig davon, ob sie schon seit Jahren Birdwatcher sind oder gerade erst damit anfangen.

Ersten Untersuchungen zufolge stärkt Birding das Umweltbewusstsein im besten Fall auch ganz allgemein. Einige Studien zeigen, dass sich Vogelbegeisterte häufiger umweltfreundlich verhalten und Naturschutzmaßnahmen eher unterstützen. Wer die Tiere aufmerksam beobachtet, fühlt sich der Natur womöglich stärker verbunden und ist dadurch eher bereit, sie zu schützen.

Vögel zu beobachten, ist unkompliziert. Weil überall auf der Welt unterschiedliche Arten leben, lassen sich Vögel fast an jedem Ort entdecken – in abgelegener Wildnis ebenso wie inmitten der Großstadt. Dafür braucht es weder viel Zeit noch weite Reisen oder eine teure Ausrüstung.

Man kann auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule Ausschau halten oder einfach für einige Minuten vor die Tür gehen. Statt in der Mittagspause durch die sozialen Medien zu scrollen, lohnt es sich, eine Runde um den Block zu drehen und zu zählen, wie viele Vogelarten man sieht oder hört.

Neulinge können beispielsweise die kostenlose App »Merlin« des Cornell Lab of Ornithology verwenden. Mit ihr lassen sich Vögel ganz leicht anhand ihrer Rufe oder ihres Aussehens bestimmen.

Den Alltag unterbrechen

Auch wenn die bisherigen Forschungsergebnisse vielversprechend aussehen, braucht es für verlässliche Aussagen weitere Studien. So ist bislang unklar, ob bestimmte Vogelarten oder Lebensräume erholsamer wirken als andere, wie lange die Effekte auf die psychische Gesundheit anhalten und wer besonders vom Birding profitiert.

Fest steht jedoch: Begegnungen mit Vögeln können unser Leben bereichern. Viele von uns verbringen den größten Teil des Tages in Innenräumen und vor Bildschirmen. Umso wichtiger könnte es sein, den Blick regelmäßig nach draußen zu richten, um einen Vogel am Himmel zu beobachten, oder für einen Moment die Augen zu schließen, um seinem Gesang zu lauschen.

Um sein eigenes Wohlbefinden zu verbessern, braucht es also womöglich nicht immer teure Technik oder aufwendige Behandlungen. Manchmal genügt es vielleicht, ein Fenster zu öffnen oder vor die Tür zu treten, um die Vögel bewusst wahrzunehmen, die schon immer da waren.

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  • Quellen
  • Andrews, J. et al., Ecopsychology 10.1089/eco.2024.0019, 2024
  • Peterson, M. N. et al., Journals of Environmental Psychology 10.1016/j.jenvp.2024.102306, 2024
  • Randler, C. et al., Ecopsychology 10.1089/eco.2021.0062, 2022
  • Stobbe, E. et al., Scientific Reports 10.1038/s41598–022–20841–0, 2022
  • Wing, E. A. et al., The Journal of Neuroscience 10.1523/JNEUROSCI.1307–25.2026, 2026

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