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Kryptowährung: Eine freie Menschheit braucht den Bitcoin

Bitcoin ist eine wichtige Alternative zu dem bestehenden Geldsystem. Die Kryptowährung kann die Gewaltenteilung stärken. Daher müssen wir digitales Geld dringend mehr diskutieren. Ein Gastbeitrag
Bitcoin: Bulle und Bär kämpfen

Mir ist kaum ein Thema bekannt, das die Gemüter der Menschen aktuell so stark spaltet wie der Bitcoin. Auf der einen Seite stehen die selbst ernannten toxischen Bitcoin-Maximalisten, die nach dem Mantra »Bitcoin fixes this« (Bitcoin repariert das) in der Kryptowährung die Antwort auf sämtliche Probleme der Welt sehen. Auf der anderen Seite warnen einige »IT-ler« davor, dass Bitcoin die Welt zerstören werde und daher unbedingt gestoppt werden müsse. Spreche ich mit Journalistinnen und Journalisten, höre ich oft, dass sie das Thema wegen der diffusen Informationslage am liebsten meiden. Gerade wegen des von den Befürwortern hervorgehobenen Potenzials und der von Kritikern genannten Schwächen ist eine ausgewogene Debatte aber extrem wichtig.

Bitcoin ist die älteste und bedeutendste Kryptowährung auf dem Markt. Dabei handelt es sich um ein Geldsystem, das unabhängig von Staaten oder Zentralbanken funktioniert.

Der dezentrale Aufbau von Bitcoin ähnelt dem des World Wide Web: Es gibt keine zentrale Einheit, auf der alle Daten liegen und welche die Inhalte steuern kann. Dadurch ist es extrem unwahrscheinlich, dass der Bitcoin in absehbarer Zeit wieder verschwinden wird. Das hat die Politik sowohl in Europa als auch in den USA erkannt. Es fehlt jedoch ein ausgewogener und breiter öffentlicher Diskurs darüber, wie wir als Gesellschaft mit einem solchen Geldsystem umgehen möchten – und welche Probleme und Potenziale das mit sich bringt.

Mai Thi Nguyen-Kim | Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin greift in ihrer ZDF-Sendung »MaiThink X« das Thema Bitcoin auf.

Dementsprechend war meine Hoffnung groß, als sich die für ihr Interesse an gesellschaftlichen Fragestellungen bekannte Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim am 16. Oktober 2022 in ihrer ZDF-Sendung »MaiThink X« mit dem Thema Bitcoin auseinandergesetzt hat. Das Stück imponiert durch den für Mai-Thi Nguyen-Kim typischen nerdigen Stil, in dem sie mit Witz zunächst Geld, Geldschöpfung und schließlich Bitcoin als alternatives und dezentralisiertes Geldsystem akkurat erklärt.

Zum Ende der Sendung legt Nguyen-Kim dar, weshalb sie Bitcoin für keine gute Alternative hält. Auch wenn ihre vorgebrachten Kritikpunkte durchaus angebracht sind, hat sie diese mit nicht ganz treffenden Beispielen unterlegt und zudem einseitig beleuchtet. Da vermutlich einige Personen ihre Bedenken teilen, möchte ich die angestoßene Debatte aufgreifen und darlegen, worin ich die Probleme der Kryptowährung sehe und warum ich – unter Berücksichtigung der Gegenargumente – Bitcoin aktuell dennoch für nützlich halte.

Neutral ist nicht zwangsläufig besser

Weil Bitcoin ein dezentrales System ist, können Einzelne ihn nicht steuern – er ist folglich völlig neutral. Auch wenn viele Menschen das Wort »neutral« eher positiv werten, sollte Neutralität als genau das gesehen werden, was es bedeutet: neutral – und damit weder positiv noch negativ. Nguyen-Kim erklärt, dass das für eine Währung nicht zwangsläufig wünschenswert sei.

Das verdeutlichen Beispiele aus der Geschichte des Bitcoins. So setzte 2010, ein Jahr nach dem Erscheinen der Kryptowährung, die Organisation Wikileaks Bitcoin ein, um auf die Sperrung ihrer Konten durch Paypal zu reagieren und dennoch Spenden empfangen zu können. Ob das nun gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters. Etwa betonte der Erfinder von Bitcoin, er hätte sich die damalige mediale Aufmerksamkeit in einem anderen Kontext gewünscht und verglich die Aktionen von Wikileaks mit dem Treten eines Hornissennests. Auch Edward Snowden merkte erst kürzlich in einem Vortrag an, dass er die Server-Infrastruktur für seine NSA-Leaks mit Bitcoin bezahlt habe.

Neben derart brisanten und häufig kontrovers diskutierten Beispielen führen Bitcoin-Kritiker eindeutig negative Probleme an, die sich aus der Neutralität ergeben: Laut Statista ist seit 2013 die Anzahl von Lösegeldzahlungen, die mit Bitcoin (und anderen Kryptowährungen) erfolgreich durch Ransomware-Attacken erpresst wurden, fast monoton gestiegen. Derartige Verbrechen, die insbesondere unzureichend gesicherte IT-Systeme ausnutzen, werden durch eine neutrale Technologie wie Bitcoin begünstigt, da keine Justiz die Zahlungsvorgänge unterbrechen oder rückabwickeln kann.

»Es fehlt ein ausgewogener Diskurs darüber, wie wir als Gesellschaft mit einem dezentralen Geldsystem umgehen möchten«
René Pickhardt

Genau diese Eigenschaft sehen Befürworter von Bitcoin hingegen als mächtiges Werkzeug zur Gewaltenteilung: Wenn (Zentral-)Banken gar nicht erst in in den Zahlungsverkehr eingreifen oder die Geldmenge steuern könnten, begrenzt das deren Macht – was das Risiko von Korruption und Machtmissbrauch senken würde.

Dezentralität führt zu einer Machtverschiebung

Als Nächstes kommt Nguyen-Kim auf eine weitere Folge der Dezentralität zu sprechen: Da niemand Spezifisches das Sagen hat, können Interessengruppen den Wechselkurs der Kryptowährung für ihre Zwecke beeinflussen. Dabei nennt die Wissenschaftsjournalistin den Unternehmer Elon Musk, der vermeintlich Wertschwankungen des Bitcoin und anderer Kryptowährungen ausgelöst hat. Ja, Musk mag eine gewisse Reichweite haben, aber sein Handeln spielt für Bitcoin und dessen Entwicklung keine besondere Rolle. Seine Aussagen haben den Wechselkurs zwar kurzzeitig beeinflusst, das hatte aber keine langfristigen Konsequenzen. Ähnliches ist auch mit Tesla-Aktien passiert, als Musk zum ersten April öffentlich scherzte, sein Unternehmen sei pleite. Die Kursschwankungen sagen nichts darüber aus, ob Tesla ein wirtschaftliches Unternehmen ist – oder ob Elektroautos grundsätzlich für die Zukunft der Welt zuträglich sind. So verhält es sich auch mit Bitcoin: Anhand des Handelns von Musk darüber zu urteilen, wie nützlich Bitcoin ist, misst dem Unternehmer eine völlig übertriebene Bedeutung bei.

Spannender erscheint mir die Frage, ob sich die von Zentralbanken und Staaten verlorene Macht in einer Bitcoin-Welt an eine andere Stelle verschiebt. Zum Beispiel ließe sich die Weiterentwicklung der Kryptowährung beeinflussen. Denn Bitcoin ist kein statisches System, sondern wird immer wieder durch Updates nachgebessert. Aber wie kann man ein dezentrales System überhaupt an allen Stellen aktualisieren, wenn beispielsweise eine Sicherheitslücke entdeckt wird? In solchen Fällen kristallisiert sich heraus, wie dezentral die Technologie bei ihren Entscheidungen tatsächlich ist. Zum Beispiel scheinen manche Entwickler in der Bitcoin-Community Vertrauen zu genießen, weshalb von ihnen empfohlene Sicherheitsupdates breit akzeptiert werden.

2018 wurden einige Entwickler über einen kritischen Bug im System informiert. Hätte man die Schwachstelle publik gemacht, hätten Angreifer diese ausnutzen können. Daher hat eine kleine Gruppe von Entwicklern in Zusammenarbeit mit einigen Minern den Bug repariert und unter einem harmloseren Vorwand erfolgreich das Netzwerk aufgefordert, die Software zu aktualisieren. Das war möglich, weil den Entwicklern gegenüber Vertrauen herrscht. Und dieses haben sie in dem Fall auch nicht missbraucht, denn offenbar gibt es bezüglich derart nachvollziehbarer Handlungen zumindest einen impliziten Konsens. Dadurch haben die Entwickler eine gewisse Macht, die jedoch auch jederzeit wieder entzogen werden kann – die Nutzer müssen dafür nur die vorgeschlagenen Software-Updates ablehnen.

Braucht Bitcoin letztlich doch Vertrauen?

Wer bei Bitcoin das Vertrauem von wem genießt, spielt auch in einem anderen Punkt eine wichtige Rolle. Denn eine entscheidende Eigenschaft der Kryptowährung ist, dass man – zumindest prinzipiell – ihre Funktionsweise und die Korrektheit des Logbuchs überprüfen kann. Das steht in Kontrast zu unserem aktuellen Geldsystem, das auf Vertrauen basiert. Natürlich ist es völlig legitim, so weit an den Staat und die Gesellschaft zu glauben, dass man mit deren Macht über unser Geld einverstanden ist – und daher Bitcoin für unnötig erachtet. Allerdings teilen nicht alle Menschen diese Haltung. Einige möchten selbst entscheiden, wem man warum vertraut.

Nguyen-Kim und andere kritisieren jedoch, dass Vertrauen nur in der Theorie des Bitcoins nicht benötigt werde. In der Praxis sei es für die meisten Menschen zu kompliziert, die Funktionsweise der Kryptowährung selbst zu prüfen, weshalb man letztlich doch einem Dienstleister oder der verwendeten Software vertrauen müsse.

Ob eine prinzipielle Transparenz ausreicht, ist keine Bitcoin-spezifische Frage, sondern taucht in vielen Bereichen auf. So merkt Nguyen-Kim selbst in einem Interview über ihren Youtube-Kanal an, dass ihre Redaktion zwar Fachartikel unter den Videos teilt, aber die wenigsten Menschen wohl in der Lage seien, deren Inhalte zu überprüfen. Vielmehr scheint sie sich mit der Tatsache zu begnügen, dass es für Expertinnen und Experten möglich sei. Warum sollte man bei Bitcoin einen anderen Anspruch haben?

»Musk mag eine gewisse Reichweite haben, aber sein Handeln spielt für Bitcoin keine besondere Rolle.«
René Pickhardt

Nguyen-Kim verdeutlicht ihre Argumentation am Beispiel der Insolvenz des Verleihers von Kryptowährungen »Celsius«, durch den zahlreiche Menschen sehr viel Geld verloren haben. Die Vertrauensfragen bei Bitcoin mit dem Desaster von Celsius zu begründen, ist aus meiner Sicht grundsätzlich falsch. Schließlich war es auch nicht die Schuld des US-Dollars oder des Euros, dass Lehman Brothers pleite gegangen ist.

Wie beim Untergang von Lehman Brothers zeigt der Fall Celsius – sowie vergleichbare Vorfälle –, dass Bitcoin als Geldsystem funktioniert: Bei dem Vorfall haben sich Kunden – beziehungsweise der Dienstleister – verspekuliert und das Geld verzockt. Anders als bei der Bankenkrise wurden die Verluste aber nicht vergesellschaftet. Stattdessen müssen die Menschen mit den Konsequenzen ihres Handelns, Vertrauens und Zockens leben. Schließlich war niemand gezwungen, Bitcoins an Celsius zu verleihen, um zusätzliche Renditen zu erhalten. Die Frage ist viel eher, ob man einen besseren Verbraucherschutz braucht, der Menschen über die Gefahren aufklärt, die mit solchen Dienstleistern einhergehen.

In einem weiteren Punkt ist Bitcoin aber definitiv auf Vertrauen angewiesen: Man muss darauf vertrauen, dass genug andere Menschen das System in dieser Form verwenden möchten. Das gilt aber für jedes Zahlungsmittel. Historisch konnte man häufig genug beobachten, dass Währungen das Vertrauen der Menschen verloren haben und dadurch abgestürzt sind.

Trotz der technischen Hürden und der skizzierten Gefahren, dass Interessengruppen die Technologie der Kryptowährung in ihrem Sinne beeinflussen könnten, sehe ich in Bitcoin ein demokratisches Werkzeug, das die Gewaltenteilung stärkt und durch sein optionales Angebot eine wichtige Alternative zu unserem bestehen Geldsystem darstellt, auf das Menschen bei Bedarf umsteigen können. Entsprechend sage ich: »Doch Frau Nguyen-Kim, natürlich braucht die freie und selbstbestimmte Menschheit eine Technologie wie den Bitcoin!«

René Pickhardt stand sowohl in Hintergrundgesprächen als auch wegen eines Zitats in der Sendung mit der Redaktion von MaiThink X im Kontakt.

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