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Harninkontinenz der Frau: Wenn Wasserlassen zur ständigen Qual wird

Harninkontinenz ist auch bei jungen Frauen weit verbreitet. Trotzdem ist sie noch immer schambehaftet, und viele Betroffene trauen sich nicht, offen darüber zu sprechen. Dabei lässt sich die Blasenschwäche gut behandeln.
Frau mit Blasenschwäche vor Klo
Harninkontinenz bei Frauen ist eine Volkskrankheit. Wie viele wirklich betroffen sind, lässt sich auf Grund der Dunkelziffer schwer sagen. (Symbolbild)

Birgit Bulla dachte lange, sie sei allein mit ihrem Leiden. Als es begann, setzte sie sich im Kino, Biergarten oder Café möglichst nah an die Toiletten, hatte immer Wechselunterwäsche dabei, bei Treffen warnte sie die Leute vor: »Nimm es mir nicht übel, wenn ich alle zehn Minuten aufs Klo muss.« Doch nach und nach erzählten Freundinnen und Bekannte der Sachbuchautorin von ganz ähnlichen Problemen.

Für die Urologin und Professorin Ricarda Bauer aus München ist das nicht überraschend: »Harninkontinenz bei Frauen ist eine Volkskrankheit.« Wie viele wirklich betroffen sind, lässt sich auf Grund der Dunkelziffer schwer sagen. Während internationale Studien eine Inzidenz von 13 Prozent angeben, zeigte eine deutsch-dänische Untersuchung 2017, dass 48 Prozent der über 18-Jährigen unfreiwillig Urin verlieren – also jede zweite Erwachsene. So steht es in der ersten vereinheitlichten Leitlinie zur Harninkontinenz der Frau, an der sich Ärzte und Ärztinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit Anfang 2022 orientieren. Die Blasenschwäche kann weit reichende Folgen haben: Schlafprobleme, Harnwegsinfekte und starke Einschränkungen im Alltag. Hieraus können auch Depressionen entstehen. Dabei lässt sich die Erkrankung mit Physiotherapie, Medikamenten oder gar Botox gut behandeln.

Ein »hochkomplexer Prozess«

Birgit Bulla merkte erstmals während eines Aufenthalts in den USA, dass etwas nicht stimmte: Die damals 27-Jährige fuhr mit ihrer Zwillingsschwester quer durchs Land, besuchte San Francisco und lernte eine Gruppe »österreichischer Jungs« kennen. Doch gerade als ihre Schwester ein Foto von allen machen wollte, ging es plötzlich los: »Ich musste von null auf hundert auf die Toilette«, erzählt Bulla: »Es hat sich so angefühlt, als wäre ich zwei Tage nicht gegangen.« Sie kniete sich hin, presste die Ferse in den Beckenboden und als das Foto geschossen war, rannte sie zur Toilette. Doch die Blase war nicht annähernd voll, sie konnte nur wenig Urin lassen. Ab dann musste sie jedoch im Viertelstundentakt aufs Klo.

Bulla entwickelte damals eine Reizblase – ein Symptomkomplex, der mit einer Dranginkontinenz einhergehen kann. Die Frauen mit Dranginkontinenz spüren dann häufig einen überfallartigen Harndrang oder haben das Gefühl, sie können den Urin nicht mehr halten. Der Blasenschließmuskel ist hier grundsätzlich intakt, reagiert jedoch überempfindlich: Bereits bei geringer Füllung zieht er sich zusammen und es kommt zu einem unwillkürlichen Harnabgang. Die Dranginkontinenz ist neben der Belastungsinkontinenz (früher: Stressinkontinenz) eine der häufigsten Arten des ungewollten Urinverlusts. Bei letzterer verlieren Menschen etwa beim Heben, Tragen, Niesen oder Lachen unkontrolliert Flüssigkeit.

»Harninkontinenz bei Frauen ist eine Volkskrankheit«Ricarda Bauer, Urologin

Bei der Dranginkontinenz kenne man zwar noch nicht die genauen Ursachen, die Belastungsinkontinenz entwickle sich »durch alle Belastungen, denen der Beckenboden im Leben einer Frau ausgesetzt ist«, sagt Professorin Christl Reisenauer, leitende Ärztin der Sektion Urogynäkologie an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Das könnten vor allem Geburten oder Schwangerschaften sein. Deshalb sind Frauen häufiger von einer Harninkontinenz betroffen als Männer.

Außerdem steigt das Risiko mit zunehmendem Alter durch hormonelle Veränderungen oder Alterungsprozesse im Gewebe. Laut Urologin Bauer ist das Wasserlassen und -halten ein »hochkomplexer Prozess«, der sich im Lauf des Lebens immer schlechter steuern lässt. Während ältere Menschen vielleicht noch perfekt laufen können, bereitet ihnen die Kontinenz bereits Probleme. Blasenschwäche kann zudem andere, vielfältige Ursachen haben: Laut Ricarda Bauer ist Übergewicht ein wichtiger Faktor, aber auch die Ernährung könne eine entscheidende Rolle spielen. So steigere schon ein halber Liter Kaffee am Tag das Risiko, an einer Dranginkontinenz zu leiden, um 20 Prozent.

Alltagstipps bei Harninkontinenz:

Ziehen Sie sich in der kalten Jahreszeit warm an. Bei Kälte zieht sich die Muskulatur zusammen und es kann zu ungewolltem Urinverlust kommen.

Beschäftigen Sie sich. »Wenn manche meiner Patientinnen mit dem Auto nach Hause kommen, ist plötzlich der Harndrang wahnsinnig stark«, erzählt Christl Reisenauer: »Ein Trick ist dann, rückwärts einzuparken, um abgelenkt zu sein.«

Klingt banal, aber: Räumen Sie den Weg frei. Wenn man nachts schnell zur Toilette eilt, kann man an etwas hängen bleiben oder ausrutschen. Denn eine Harninkontinenz erhöht das Risiko für Knochenbrüche.

Weniger trinken hilft nicht. Damit schwächen Sie eher den Körper.

Gehen Sie den Ursachen auf den Grund: Spargel kann den Harndrang fördern. Auch saurer Orangensaft, Ananassaft oder scharfe Gewürze können bei entsprechender Empfindlichkeit dazu führen, öfter aufs Klo zu müssen.

Auch Birgit Bulla versuchte nach ihrer Reise, Gründe für den ständig wiederkehrenden Urinverlust zu finden. Die erste Ärztin untersuchte sie nicht einmal, erzählt sie, schob die Probleme auf eine Blasenentzündung und verschrieb Antibiotika. Als diese nicht halfen, begann für die Autorin eine »Odyssee«: Viele Mediziner schickten sie wieder nach Hause, da sie sich eher auf die Prostata spezialisiert hatten. Mit einer Reizblase kannten sich die wenigsten aus. Bulla ließ sich im MRT untersuchen, begann verschiedene Medikamente zu nehmen, probierte eine Psychotherapie aus, versuchte sogar Hypnose. Nichts half. Doch dann schlug ihr eine Ärztin eine Behandlung mit Botox vor.

Für Bauer und Reisenauer ist das kein ungewöhnlicher Weg: Auch manche ihrer Patientinnen hätten schon viele Praxen durch, ehe sie zu ihnen kämen. Dabei ließe sich laut der aktuellen Leitlinie durch gezielte und standardisierte Fragen bereits bei bis zu 80 Prozent der Frauen die Harninkontinenz als Belastungs-, Drang- oder eine Mischharninkontinenz kategorisieren. Nach gewissen Untersuchungen, die jenen beim Gynäkologen ähneln, kann die Behandlung dann beginnen.

Harninkontinenz bei Männern

Am häufigsten sind Männer von einer Dranginkontinenz betroffen, die etwa durch den Alterungsprozess, Veränderungen der Prostata oder Übergewicht entsteht.

Eine Belastungsinkontinenz hingegen tritt hauptsächlich nach einer Operation an der Prostata auf.

Vor allem die Physiotherapie hat in der Behandlung einen hohen Stellenwert: Hier gilt es zunächst, das Bewusstsein für den eigenen Beckenboden zu schaffen. Danach übt der Patient mit dem Therapeuten oder der Therapeutin die gezielte Kontraktion des Beckenbodens.

Zunächst versuche man Operationen zu vermeiden, erklärt Reisenauer. Bei einer Physiotherapie können Frauen das gezielte An- und Entspannen des Beckenbodens lernen, was sowohl bei Drang- als auch Belastungsinkontinenz hilfreich ist. Wichtig sei dabei, dass jemand mit einer entsprechenden Weiterbildung die Patientinnen anleite. Spezielle Vaginaltampons aus weichem, schwammartigem Kunststoff könnten bei einer Belastungsinkontinenz vor allem beim Sport, Tanzen oder bei Hustenanfällen die Harnröhre stützen und den Blasenverschluss stärken. Verlieren die Frauen beim Sex durch eine Dranginkontinenz ungeplant Urin, liegt dies vielleicht an einer unwillkürlichen Kontraktion des Blasenmuskels. In dem Fall würden vom Arzt oder von der Ärztin verschriebene Medikamente helfen.

Ohne Windeln im Hochzeitskleid tanzen

Wenn jedoch weder Physiotherapie etwas nützt noch Pillen helfen oder wenn sich die Frauen nicht mehr auf Hilfsmittel wie Tampons verlassen wollen, raten Fachleute wie Christl Reisenauer zu einer Operation: Sie habe beispielsweise eine junge Patientin behandelt, die unbedingt im Hochzeitskleid ohne Windel tanzen wollte. Nach einer Operation brauchte sie nicht einmal mehr Einlagen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Bei einigen Therapien wird eine Schlinge unter die Harnröhre gelegt, um sie wieder besser im Beckenboden zu stabilisieren.

Bei anderen wird ein Laser eingesetzt. Eingeführt in die Vagina, regt er die Durchblutung und die Bildung von Kollagen an, was wiederum die Vaginalwand stärkt. Dadurch werden Blase und Harnröhre besser unterstützt. »Das ist gerade ganz en vogue, um eine Harninkontinenz zu behandeln«, sagt Bauer. »Doch wenn man sich die Studienlage dazu anschaut, ist das nicht so überzeugend, wie es von einigen Kollegen oder der Industrie dargestellt wird.« Laut der aktualisierten Leitlinie könne die Lasertherapie zumindest »für eine ausgewählte Gruppe von Frauen mit Belastungsinkontinenz« empfohlen werden.

»Ich will, dass die Leute merken: Man ist nicht allein auf der Welt«Birgit Bulla, Buchautorin und Betroffene

Birgit Bulla half schließlich ein Eingriff mit Botox: »Als meine Ärztin mir vorgeschlagen hat, Botox zu spritzen, dachte ich erst ›Oh Gott, auf gar keinen Fall‹«, sagt die 37-Jährige. Das Spritzen des Nervengifts in die Harnröhrenwand ist bei einer überaktiven Blase laut der Leitlinie wirksam – und dann anzuraten, wenn andere Therapien versagen. Der Wirkstoff blockiert vorübergehend die Nerven und sorgt somit dafür, dass sich die Blasenmuskulatur entspannt und weniger reizbar ist. Zirka 30 Prozent der Patientinnen werden vollständig geheilt und 60 Prozent zeigen einen Rückgang der Symptome um die Hälfte. Nebenwirkungen können Entzündungen sein. Bulla hatte wahnsinnige Angst: Schon ein Harnröhrenabstrich sei für sie extrem schmerzhaft gewesen – »wie sollte das dann werden, wenn die mir etwas reinspritzen?«, sagt sie.

Doch nach dem Eingriff, den sie live über einen Monitor mitverfolgen konnte, und nach dutzenden Stichen in die Harnröhre war sie erleichtert: »Es hat ein wenig gebrannt, aber ich hatte davor viel mehr Angst, als nötig war.« Für sie hat sich seitdem einiges verändert: Nun müsse sie seltener auf Toilette und könne auch mal eine halbe Stunde warten. Interviews mit prominenten Personen kann die Autorin meistens durchziehen und muss nicht sofort danach auf Toilette. Bulla hat der Eingriff sehr geholfen, ihr sei aber vor allem wichtig, »dass man offen drüber spricht, sich Leuten anvertraut und sich Hilfe holt«. Dann könne man gemeinsam mit dem Arzt oder der Ärztin die genaue Behandlungsmethode herausfinden.

An wen kann man sich wenden?

Erste Anlaufstelle bei Harninkontinenz sind Gynäkologen oder Urologen. Alternativ kann man sich auch an ein Kontinenz- und Beckenbodenzentrum wenden. Über die Website der Deutschen Kontinenz Gesellschaft lassen sich entsprechende Beratungsangebote finden.

Bulla geht mittlerweile offen mit ihrer Erkrankung um, hat einen Blog über die Harninkontinenz erstellt (https://pinkelbelle.de/), ein Buch mit dem Titel »Noch ganz dicht? Alles Wissenswerte über die Blase« geschrieben und ließ sich sogar beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei ihrer Botox-Behandlung filmen. »Ich will, dass die Leute merken: Man ist nicht allein auf der Welt«, sagt sie: »Es gibt so viele, die betroffen sind.« Für sie bedeutet eine Behandlung vor allem eines: mehr Lebensqualität. Somit ist die Blase vielleicht nicht das Wichtigste im Leben, aber ein weitaus wichtigerer Aspekt, als vielen bewusst ist.

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