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Sozialverhalten: Blauer Engel für die Ehe

Von Steuervorteilen bis Liebe - die Gründe, den Bund fürs Leben einzugehen, sind so romantisch wie pragmatisch. Pünktlich zur Klimakonferenz in Bali erfahren wir nun noch, dass Heiraten auch die Umwelt schont. Oder umgekehrt: Wenn der Bund eben nicht fürs Leben hält, leidet darunter weit mehr als das Gemüt der Beteiligten.
Zerbrochene Partnerschaft
"In guten wie in schlechten Zeiten" – ob mit oder ohne Gottes Hilfe, da stehen sie nun, die frisch Getrauten, mit ihrem gegebenen Versprechen. Vorsichtige und vielleicht auch realistische Zeitgenossen verzichten von vorneherein auf den Zusatz "bis dass der Tod euch scheidet", doch würden selbst sie an diesem Tag wohl nicht darüber sinnieren wollen, wie lange der Ehestempel auf ihrer Beziehung prangt. Denn aller Liebe, Hoffnung und Zuversicht zum Trotz: In Deutschland wurden im Jahr 2006 zwar 374 000 Ehen geschlossen, aber auch 191 000 geschieden. Der Bund fürs Leben erweist sich immer häufiger als Lebensabschnittselement mit Verfallsdatum.

Viel ist untersucht und geschrieben worden über die psychischen und wirtschaftlichen Folgen für die Betroffenen, ihre Kinder, die sich verändernden Sozialstrukturen in der Gesellschaft. Längst sind neue Formen des Zusammenlebens Realität. Doch davor die Augen verschließend, heben konservative Parteien und Kirchenvertreter Ehe und Familie (aber nur mit Trauschein) als Ideale weiterhin in den Himmel und geißeln alternative Modelle. Sie werden sich freuen, nun weiteres Argumentationsmaterial für den gesetzlich verbrieften Ringtausch zu bekommen, zumal aus der "grünen" Ecke.

Gemeinsam statt einsam ...

Denn: Ehen schonen die Umwelt. Das zumindest ist die goldene Botschaft von Eunice Yu und Jianguo Liu von der Staatsuniversität Michigan. Die beiden Forscher, an sich zuhause am Zentrum für Systemintegration und Nachhaltigkeit der Abteilung für Fischerei und Natur, haben eine Bilanz aufgestellt, dass in die Brüche gegangene Ehen im Jahr 2005 die USA 38 Millionen Zimmer, 73 Milliarden Kilowattstunden Strom und 2,4 Milliarden Kubikmeter Wasser gekostet haben – weil sie mehr Ressourcen verbrauchen als Haushalte Verheirateter.

Dahinter steckt ein Phänomen, das sich mitnichten auf zerbrochene Partnerschaften beschränkt, aber davon weiter verstärkt wird: Seit Jahren nimmt die Zahl der Haushalte zu, selbst bei sinkender Bevölkerungszahl. Vor allem in den Industrieländern leben immer mehr Menschen allein, und das in immer größeren Wohnungen. Wochenendbeziehungen mit mehreren Wohnsitzen innerhalb einer einzigen Familie breiten sich arbeitsmarktbedingt aus. Und nachdem Liu die negativen Effekte dieses Trends auf die Biodiversität schon Anfang 2003 mit Kollegen beschrieben hatte, konzentriert er sich in der aktuellen Auswertung auf Scheidungsdaten aus zwölf Ländern.

Der Vollständigkeit halber ein paar Zahlen. "Geschiedene" Haushalte sind, wenig überraschend, kleiner als "verheiratete". So lebten in den vier untersuchten Industrieländern – Griechenland, Rumänien, Spanien und USA – im Schnitt 1,3 Personen weniger in einer von Scheidung betroffenen Gemeinschaft als in einem mit Trauschein. In Entwicklungsländern sind es sogar 1,5, doch hier ist die Zahl der Köpfe pro Haushalt generell höher. Würde man die Kopfdichte der geschiedenen Haushalte auf die der verehelichten erhöhen, gäbe es in den zwölf untersuchten Ländern insgesamt 7,4 Millionen weniger Haushalte, begleitet von einem enormen Einsparungspotenzial.

... spart Raum, Wasser und Energie

Denn, auch das zeigte sich klar, die Geschiedenen beanspruchten nicht nur erheblich mehr Raum (61 Prozent mehr Zimmer pro Person), sondern auch vergleichsweise mehr Wasser (53 Prozent pro Person) und Strom (42 Prozent pro Person). So mussten sie auch etwa um die Hälfte mehr Geld berappen als eheliche Wohngemeinschaften. Leicht nachzuvollziehen: Häufig bleibt einer der Partner in der alten, nun nicht mehr gemeinsamen Wohnung, und dafür benötigen nun beide Kühlschrank, Waschmaschine, Heizung und Licht. Man solle auch nicht vergessen, dass nach einer Trennung Dinge weggeworfen und neu angeschafft werden und beispielsweise die gegenseitigen Elternbesuche von Scheidungskindern den Energieverbrauch und Treibhausgasausstoß steigern könnten, bemerken die beiden Autoren.

Falls nun Eheberater, Extrem-Ökos oder Experten aus kirchlichen Kreisen auf die Idee kommen sollten, daraus die Überlegenheit der Ehe über andere Modelle ableiten zu wollen, halten Sie getrost entgegen: Gerade in klassisch katholischen Ländern wie Italien und Portugal oder Staaten mit scharfem Scheidungsrecht wie Chile liegt die Zahl getrennt Lebender höher als in vielen freiheitlicher eingestellten Ländern.

Aber es muss ja nicht gleich Liebe sein, auch Wohngemeinschaften anderer Art "könnten eine Möglichkeit darstellen, den Umweltbeeinträchtigungen durch Trennung und Scheidung entgegen zu wirken." In jedem Fall sollte man diese Effekte in der Wahl des persönlichen Lebensstils und der politischen Entscheidungsfindung berücksichtigten, mahnen Yu und Liu. Und verweisen dann doch noch auf die – rein umweltpolitisch gesehen empfehlenswerte – Wiederheirat.

Also Leute, traut euch – der Umwelt zuliebe. Ob mit oder ohne Ring und fürs Leben oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.

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