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Sozialverhalten: Blickkontakt hält ehrlich

Wer seinem Gegenüber in die Augen gesehen hat, sagt daraufhin häufiger die Wahrheit.
Augenpaar eines Mannes mittleren Alters, freundlich in die Kamera lächelndLaden...

Eigentlich gilt es als Irrglaube, dass Menschen beim Lügen häufiger den Blick abwenden: Solche nonverbalen Lügenmerkmale halten die meisten Experten für unzuverlässig. Eine finnische Studie gibt dem alten Mythos jedoch neues Futter. Wie Psychologen der Universität in Tampere in der Fachzeitschrift »Consciousness and Cognition« berichten, fällt uns das Schwindeln schon nach einem kurzen Augenkontakt schwerer.

Das Team um den Sozialpsychologen Jari Hietanen hatte rund 50 Studierende zu einem Spiel am Computer eingeladen. Dabei konnten sie dadurch Punkte sammeln, dass sie eine falsche Angabe machten: Sie brauchten ihrem Gegenüber lediglich einen blauen Kreis auf dem Bildschirm fälschlich als roten zu melden. Was sie nicht wussten: Ihr Gegenüber war eingeweiht und blickte die Versuchsperson in der Hälfte der Fälle vor dem Erscheinen eines Kreises kurz in die Augen. Und das machte einen kleinen, aber signifikanten Unterschied. Bei den 60 Malen, die ein blauer Kreis erschien, logen die Probanden im Schnitt 23-mal, davon 11-mal nach Augenkontakt und 12-mal ohne. Ein kurzer Blick in die Augen minderte demnach die Wahrscheinlichkeit einer Lüge um 8,5 Prozent.

Dass der Effekt nicht allzu groß ausfiel, war zu erwarten: Das Mogeln gehörte zum Spiel dazu; es handelte sich in dieser Situation also nicht um eine sonderlich unmoralische Lüge. Warum veränderte der Blickkontakt dann überhaupt das Verhalten? Die finnischen Psychologen vermuten unter anderem, dass das Lügen nach dem Augenkontakt mehr geistigen Aufwand erforderte. Und wie Seniorautor Hietanen an anderer Stelle schreibt, weckt ein direkter Augenkontakt eher positive Gefühle, was das Schwindeln erschweren könnte. Ältere Experimente hatten allerdings gezeigt, dass allein schon die Abbildung eines Augenpaares ehrliches Verhalten fördere. Die Versuchspersonen, so eine mögliche Erklärung, würden sich unter diesen Umständen beobachtet fühlen und ihr Verhalten entsprechend anpassen.

46/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 46/2018

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