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Liebe: Blind auf den ersten Blick

Finden wir jemanden auf Anhieb anziehend, nehmen wir nicht mehr so genau wahr, was für einen Menschen wir da eigentlich vor uns haben.
Mann und Frau sitzen im Café am Tisch und plaudernLaden...

Sehen wir einen potenziellen Partner bereits beim ersten Treffen durch die rosarote Brille? Diese Frage untersuchten Psychologinnen und Psychologen jüngst mit einer Reihe von Speed-Dating-Events. Das Team um Lauren J. Human von der McGill University in Montreal warb dazu mehr als 500 junge Erwachsene an, teils im kanadischen Montreal, teils an der Universität Münster in Deutschland. Bedingung: Heterosexuell und Single sollten sie sein. Insgesamt kamen so mehr als 4000 unterschiedliche Paarkonstellationen zu Stande.

Vor dem Event beantworteten die Freiwilligen zunächst Fragen zur eigenen Person. Dann trafen sie für drei Minuten auf die Vertreter des anderen Geschlechts, die beim selben Speed-Dating-Event anwesend waren. Die Frauen saßen die ganze Zeit an einem Platz, während die Männer im Dreiminutentakt die Tische wechselten. Zwischendrin notierten alle Teilnehmenden, wie sie die Persönlichkeit ihres letzten Dates einschätzten, wie interessiert sie an ihm oder ihr waren und ob sie ihre Kontaktdaten hinterlassen wollten.

Wer Interesse an seinem Gegenüber bekundete, hatte auch einen guten Eindruck von dessen Persönlichkeit. Soweit wenig verwunderlich. Aber die Hypothese der rosaroten Brille bestätigte sich ebenfalls: Je größer das Interesse an einer Person, desto weniger stimmte das Urteil über ihre Persönlichkeit mit ihrer Selbsteinschätzung überein. Das galt besonders für introvertierte Menschen; bei sehr extravertierten Menschen hingegen fanden Lauren Human und ihr Team den Zusammenhang nicht. Wie die Forscher schreiben, sei das plausibel: Extravertierte gäben in der Regel mehr über sich preis als Introvertierte. Daher sei es einfacher, ihre Persönlichkeit richtig einzuschätzen.

Trübt die Romantik den Blick oder der scharfe Blick die Romantik?

Auch für das getrübte Urteilsvermögen bieten die Autoren Erklärungen an. Zum einen könne romantisches Interesse den Blick auf negative Eigenschaften verstellen; zum anderen könne umgekehrt der scharfe Blick die Romantik trüben. Ebenso denkbar: Das Interesse sinke, wenn sich jemand allzu sehr offenbart. Oder: Die Unsicherheit, die ein unklarer erster Eindruck stiftet, wirke womöglich anziehend. Ein wenig »mysteriös« zu erscheinen, lohne sich vielleicht gerade für Menschen mit weniger attraktiven Eigenschaften.

Das alles sind Spekulationen, doch eines ist offenbar sicher: Wer seine Chancen auf ein zweites Date wahren möchte, sollte beim ersten Mal lieber einen guten Eindruck hinterlassen – und nicht etwa für einen möglichst korrekten Eindruck sorgen. Diesen Schluss untermauert Koautor Mitja Back mit Kolleginnen noch in einer weiteren, bislang unveröffentlichten Analyse der Münsteraner Daten. Wie man wahrgenommen wird, war demnach für den Erfolg beim anderen Geschlecht wichtiger, als wie man wirklich ist. Ein etwaiger falscher Eindruck beim ersten Treffen erwies sich zumindest in den nächsten sechs Wochen als folgenlos.

25/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25/2020

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