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News: Blinddarmentzündung - ohne Entzündung

Schon lange wundern sich Ärzte über Patienten, die zwar alle Schmerzsymptome eines akut entzündeten Blinddarms aufweisen - aber unerklärlicherweise einen völlig normalen Blinddarm besitzen. Jetzt haben Schweizer Forscher herausgefunden, daß diese gesunden Wurmfortsätze von biochemischen Substanzen durchdrungen sind, die Schmerzsignale übertragen.

Die akute Blinddarmentzündung Appendizitis ist das abdominale Leiden, das am häufigsten Notoperationen erforderlich macht. Allerdings haben von den Operierten mit den klassischen Symptomen einer Blinddarmentzündung bis zu 20 Prozent der Patienten keinen akut entzündeten Wurmfortsatz – das klinische Kennzeichen einer Appendizitis. "Für die Chirurgen ist das eine altbekannte Geschichte, und die Patienten sind unglücklich, wenn sie hören, daß ihr Blinddarm normal war", sagt Markus Büchler von der Universität Bern. Er und seine Kollegen wußten von früheren Arbeiten über die Bauchspeicheldrüse, daß Schmerz mit einer pathologischen Anhäufung von Nerven, Immunzellen und Neuropeptiden – Signalüberträgern zwischen Nerven – in Verbindung gebracht werden kann. Daher fragten sie sich, ob ein ähnliches Phänomen Schmerzen an augenscheinlich gesunden Wurmfortsätzen erklären könnte.

Die Forscher untersuchten Blinddarmgewebe von 16 Patienten mit gesicherter Appendizitis und von 15 Patienten mit Verdacht auf Appendizitis, aber keiner Entzündung. Zusätzlich verglichen sie die Proben mit denen von 16 Patienten, die aus anderen Gründen operiert worden waren, ihre gesunden Blinddärme aber zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt hatten. Das Team fügte den Proben Antikörper gegen drei Neuropeptide bei, die an der Übertragung von Schmerzsignalen und der Stimulation von Immunzellen beteiligt sind: Substance P (SP), Vasoactive Intestinal Protein (VIP) und das Growth-Associated Protein 43 (GAP-43).

Dann untersuchten die Wissenschaftler, wieviel der Antikörper an Proteine gebunden hatten. Sie fanden heraus, daß bei nicht-entzündeten Appendices 50 Prozent mehr Nervengewebe mit SP und VIP reagiert hatte als bei akut entzündeten Blinddärmen. Nachdem sie die Zellen gefärbt hatten, um die an Proteine gebundenen Antikörper zu finden, stellten die Forscher fest, daß die nicht-entzündeten Wurmfortsätze wesentlich mehr GAP-43 produzierten als die akut entzündeten. Zusätzlich berührten diese mit Neuropeptiden beladenen Nerven Trauben von Lymphocyten, speziellen Immunzellen, was auf eine gegenseitige Verstärkung hindeuten könnte, die Schmerzen verursacht. Die Wissenschaftler tauften das Leiden "Neuroimmune Appendizitis" (The Lancet vom 7. August 1999)."Es ist ziemlich einfach zu folgern, daß dies etwas mit den Schmerzen im unteren Quadranten zu tun hat, da die Schmerzen verschwinden, wenn der Blinddarm entfernt wird", erklärt Büchler.

Der Fund bietet einen interessanten neuen Blick auf eine alte Krankheit, meint Andre Campbell von der University of California. Aber ein pathologische Befund hilft dem Patienten nicht, wenn nicht ein Test für diese Art von Blinddarmentzündung entwickelt werden kann, erklärt er. Büchler fügt hinzu, daß es später möglich sein könnte, Patienten mit einer neuroimmunen Appendizitis die Operation zu ersparen, wenn die Krankheit nicht-invasiv diagnostiziert werden könnte.

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