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News: Blindes Vertrauen

Fast täglich entscheiden wir, ob wir mit Menschen kooperieren oder nicht. Forscher konnten nun erstmals den Bereich des Gehirns sichtbar machen, der an diesen Entscheidungen maßgeblich beteiligt ist.
Das Szenario ist fast jedem aus dem ein oder anderen Krimi bekannt: Ein von der Polizei frisch auf der Tat ertapptes Gangster-Duo wird in halbdunklen Räumen getrennt voneinander verhört. Die Kommissare arbeiten dabei mit subtilen Mitteln: Sie setzen die Gesetzesbrecher mit Drohungen unter Druck, locken sie verbal in die Falle oder ködern sie mit einer Strafmilderung, falls sie ihren Komplizen verraten. Die schnelle Freiheit vor Augen und den Drang verspürend die eigene Haut zu retten, befinden sich beide Straftäter jedoch in einem Dilemma. Denn woher weiß der eine, ob der andere dicht hält oder letzendlich nicht doch zum Judas wird? Ist es sinnvoll dem anderen zu vertrauen, und bringt der Partner einem das gleiche Vertrauen entgegen? Oder wird er der Verlockung erliegen, sodass man besser als erster den strafmildernden Verrat ausüben sollte?

Das als Gefangenendilemma bekannte Phänomen beschäftigt schon seit langem Evolutionsbiologen, Verhaltens- und sogar Politikforscher. Oftmals haben sich Wissenschaftler schon gefragt, wieso sich der Mensch in einigen Situationen kooperativ zeigt, in anderen dagegen nicht. Jetzt haben sich James Rilling von der Emory University und seine Kollegen mittels funktioneller Kernspin-Tomographie die hierbei beteiligten Gehirnregionen näher angeschaut.

Dafür ließen sie insgesamt 36 Frauen an einem Spiel teilnehmen, dass der Situation des Verhörs gleicht: In verschiedenen Spielrunden sollten die Frauen unabhängig voneinander wählen, ob sie mit ihrer "Komplizin" kooperieren oder ob sie – durch Geld bestochen – ihre Mitspielerin verraten. In einer weiteren Variante des Spiels übernahm ein Computer die Rolle der Partnerin.

Die entstandenen Gehirnaufnahmen zeigten dabei interessante Muster auf. Offenbar schien das Wissen um einen menschlichen, also sozialen Partner andere Hirnbereiche zu aktivieren, als dies bei einem technischen Gegenüber der Fall war.

Und noch eines zeigte sich häufig: Waren beide Spieler Menschen, so dominierte die wie durch eine unsichtbare Absprache getroffene Kooperation, selbst im Angesicht der höchstmöglichen Belohnung für den Verrat am Mitspieler. Dabei konnten die Forscher die neuronale Aktivität einem Gehirnbereich zuordnen, der für die Verarbeitung von Belohnungen zuständig ist – einem Zentrum, dass unsere Eltern schon im Kindesalter zu Erziehungszwecken benutzen.

"Dies ist der erste Beweis dafür, dass soziale Zusammenarbeit eine wirklich lohnende Sache für das menschliche Gehirn darstellt", erklärt Gregory Berns, Mitautor der Studie. "Es scheint so, als sei der Antrieb für uneigennütziges Handeln biologisch in uns verankert – sei es auf genetischer Ebene oder durch den in unserer Kindheit und dem Heranwachsen erworbenen Sozialisierungsgrad." Und Rilling ergänzt: "Die gegenseitige Zusammenarbeit bringt einen Belohnungskreislauf in Gang, der oftmals ausreicht, um den anschließenden Verlockungen, egoistisch zu sein zu wiederstehen. Das motiviert uns, miteinander zu kooperieren und den Nutzen aus dieser Zusammenarbeit zu ziehen."

Mit Hilfe der funktionellen Kernspin-Tomographie erhoffen sich die Wissenschaftler weitere Erkenntnisse im Bereich des sozialen Verhaltens, auch im Hinblick auf damit verbundene Erkrankungen wie beispielsweise Autismus, Drogenabhängigkeit und der Unfähigkeit, soziale Kontakte zu bilden. "Vielleicht", so hofft Clint Kilts von der Arbeitsgruppe, "können wir damit irgendwann erklären, warum Kriege geführt werden und Beziehungen auseinandergehen."

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