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Das aktuelle Stichwort: Blutdoping

Am 1. Juli startet die 93. Tour de France. Nicht dabei: Jan Ullrich. Es sollte der krönende Abschluss seiner Radsportkarriere werden. Schwere Doping-Vorwürfe machten diesen Plan zunichte. Sind sie eigentlich wissenschaftlich fundiert?
Rot
"Ich habe noch nie in meiner Karriere betrogen", sagte Radsport-Profi Jan Ullrich am Mittwoch vor laufenden Kameras. Die Verantwortlichen des Team T-Mobile haben ihm offenbar nicht geglaubt und ihn sowie Kollege Oscar Sevilla und Betreuer Rudy Pevenage mit sofortiger Wirkung suspendiert. Zu schwer wog der Verdacht, in Spanien sichergestellte Blutkonserven könnten für Ullrich bereitgestellt gewesen sein – zum Eigenblutdoping.

Die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff zu befördern, ist gerade für Ausdauersportarten wie Skilanglauf, Marathon und Radfahren von besonderer Bedeutung. Die O2-Transportkapazität lässt sich durchaus auf legalem Wege steigern, etwa beim Höhentraining. Dabei kompensiert der Körper den geringen Sauerstoffdruck, indem er vermehrt rote Blutkörperchen bildet, die dann entsprechend mehr O2-Moleküle binden können.

Kein Mittel für Kurzentschlossene: Epo

Modetrend im Dopinggeschäft ist derzeit, künstlich nachzuhelfen, den Gehalt des Blutes an Erythrozyten zu erhöhen. Das ginge etwa mit Erythropoetin – im Jargon Epo genannt. Dieses vor allem in der Niere gebildete Peptidhormon kurbelt die Produktion roter Blutkörperchen an. Per Gentechnik lässt sich das menschliche Protein auch in Tieren herstellen und kann dann den Sportlern gespritzt werden. Anfangs war es schwierig, den Missbrauch nachzuweisen. So kam der Epo-Skandal bei der Tour 1998 erst durch eine Razzia ans Licht, als Fahnder die Präparate im Gepäck des Festina-Teams aufspürten.

Seit 2000 steht jedoch eine Nachweismethode zur Verfügung. Diese unterscheidet in Tieren produziertes von körpereigenem Epo anhand verschiedener Zuckermoleküle, die dem Molekül bei seiner Biosynthese angeheftet werden. Die Injektion von fremdem Epo ist so noch nach einigen Tagen zu belegen. Ein entsprechender Missbrauch während der Tour ist daher eher unwahrscheinlich – er müsste schon im Vorfeld in Abwesenheit von Kontrollen geschehen.

Solche Vergehen in der Trainingsphase sind nie auzuschließen, da die Mittel der Kontrollbehörden wie der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) nicht ausreichen, um eine flächendeckende Überwachung zu gewährleisten. Ein in aller Abgeschiedenheit trainierender Athlet kann also immer noch – abhängig davon, wie strikt sein Team möglichen Missbrauch sanktioniert – die Schlupflöcher im Kontrollsystem ausnutzen. So erregt beispielsweise die Leistungsexplosion von Santiago Botero im letzten Frühjahr viel Skepsis. Nachdem der Zeitfahrweltmeister von 2002 seine zwei Jahre beim Team Telekom in einem gähnenden Leistungsloch verbracht hat, schien er beim schon mehrfach aufgefallenen Phonak-Team wieder zu alter Form gefunden zu haben. Er wurde im Zusammenhang mit dem aktuellen Doping-Skandal bereits Anfang Juni von seinem Rennstall von Starts ausgeschlossen und kündigte an, seine Karriere zu beenden – den Kontakt zu Eufemiano Fuentes, Mannschaftsarzt des spanischen Profi-Radrennstall Liberty Seguros und Hauptverdächtiger in der Affäre, hat er zugegeben.

Mit Eigenblutdoping zum Sieg?

Eigenblutdoping, das nun neben Ullrich auch mehr als fünfzig weiteren Radsportlern vorgeworfen wird, ist im Gegensatz zu Epo kaum nachzuweisen. Bei dieser Methode wird dem Sportler während der Trainingsphase Blut abgezapft. Mit den aufkonzentrierten und konservierten Blutkörperchen können die Athleten dann später im Wettkampf ihr Erythrozytenkontingent aufpäppeln. Diese Betrugstaktik muss der Sportler, beziehungsweise sein Betreuer, aber rechtzeitig planen, denn bis der Körper das bei der Spende verlorene Erythrozytenvolumen wieder vollständig regeneriert, vergehen mehrere Wochen. Die Alternative für kurz entschlossene Doper – die Transfusion von Fremdblut, egal ob von Tieren oder Menschen – ist laut dagegen gut zu entlarven: Über spezielle Antigene lassen sich sogar Spenden von Verwandten identifizieren, wenn es sich bei diesen nicht gerade um eineiige Zwillinge handelt.

Als indirekter Nachweis für Blutdoping dient die Bestimmung des Hämatokritwertes. Dieser Parameter gibt den Anteil der zellulären Bestandteile des Blutes wieder. Ein Hämatokrit von etwa 40 Prozent gilt als normal. Ab einem Wert von 50 Prozent erhalten Radsportler Startverbot. Die Sperre erfolgt aus gesundheitlichen Gründen, weil das Blut mit steigendem Hämatokritwert immmer zähflüssiger wird, und damit bei zusätzlichem Wasserverlust das Risiko für Blutgerinnsel steigt.

Des Dopings überführt sind Radfahrer mit unnatürlich hohen Hämatokriten aber nicht – schließlich bestehen große individuelle Unterschiede im Hämatokritprofil. Ein zweifelsfreier Hinweis wären die Werte nur, wenn sie aus langfristig aufgezeichneten persönlichen Parametern herausragen würden. Ein solcher kontrolltechnischer Aufwand ist aber derzeit nicht zu leisten. Selbst bei Wettkämpfen, wird nur ein Teil der Sportler kontrolliert, zumeist die Erstplatzierten und einige zufällig ausgewählte Stichproben.

Erst Gentest bringt Klarheit

Die bloße Zuordnung der aufgespürten Blutkonserven ist damit kein Schuldbeweis gegen Ullrich. Allein ein DNA-Test kann klären, ob das Blut direkt von ihm stammt oder von einer anderen Person. Und selbst dann wäre noch nicht erwiesen, dass das Blut zu Dopingzwecken gelagert wurde. Der ebenfalls unter Verdacht geratene Alexander Winokurow hat sich diesem Test bereits unterzogen, Ullrich hatte angekündigt, ihn erst nach der Tour machen zu wollen. Keine glückliche Entscheidung, wie sich nun zeigt.

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