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Immunsystem: Blutplättchen entscheiden über Immunreaktionen

Das System um unsere Blutplättchen kennt man seit Langem als effizienten Notfallklebstoff, mit dem Blessuren und Leckagen des Körpers schnell verschlossen werden – es verhindert so innere und äußere Blutungen und das Eindrigen von Keimen. Zudem spielen die Blutplättchen aber auch eine Rolle als Balanceregler der Immunreaktionen: Sie bestimmen mit darüber, ob eingedrungene Keime eher schnell bekämpft werden – oder eher nachhaltig, berichtet ein Forscherteam um Dirk Busch von der TU München.

Die typischen Abwehrreaktionen gegen in den Körper eingedrungene Bakterien – wie das bei Lebensmittelvergiftungen beteiligte Listeria monocytogenes – gleichen einer Gratwanderung zwischen zwei Extremen: der raschen, gründlichen Vernichtung und einer langsameren, riskanteren Abwehrstrategie, die dem Immunsystem dafür aber erlaubt, die Bakterien kennen zu lernen und für spätere Attacken dann besser gerüstet zu sein. Ohne Mitwirkung der Blutplättchen werden Keime dabei deutlich effizienter im Blut vernichtet, zeigten die Experimente von Busch und Kollegen an Mäusen. Gleichzeitig entwickelt sich dabei aber keine langfristige Immunität durch spezialisierte T-Zellen, die die Keime bei eventuellen späteren Infektionen gezielt attackieren.

Dies hängt damit zusammen, dass die Keime ohne die Mitwirkung der Blutplättchen nicht in bestimmte Bereiche der Milz gelangen, in denen dendritische Zellen als Immunsystemwächter auf Eindringlinge warten. Diese dendritischen Zellen in der Milz stoßen mit anderen Zellen wie Makrophagen einen Erinnerungsprozess an Keime an, mit denen sie in Kontakt gekommen sind. Daraufhin werden spezifische T-Zellen aktiv, die in der Zukunft den erkannten Feind sehr effizient attackieren. Der Prozess kann aber offenbar nur dann anlaufen, wenn die Blutplättchen – beziehungsweise das mit ihnen einhergehende Komplementsystem – die Keime im Blut mit einer Hülle umgeben. Nur die umhüllten Partikel bleiben offenbar in den fraglichen Regionen der Milz hängen und geben den Keimen so Gelegenheit, mit den dendritischen Zellen in Kontakt zu kommen und die T-Zellproduktion auszulösen.

Die Keime nicht sofort abzutöten, sondern sie dem Immunsystem in der Milz als Vorlage für die spezifische T-Zellproduktion zu präsentieren, ist für den Organismus allerdings ein zweischneidiges Schwert, so die Wissenschaftler. Denn für Keime wie L. monocytogenes sind die dendritischen Zellen der Milz, zu denen die Komplementumhüllung ihnen Zutritt verschafft, ein natürlicher Lebensraum, in dem sie sich ausbreiten können. So – in ihrer intrazellulären Form – werden die Erreger bei immungeschwächten Patienten oder Schwangeren überhaupt erst gefährlich. Dieses Risiko der Infektion scheint das Immunsystem aber in Kauf nehmen zu müssen, um die langfristige antibakterielle Immunisierung über die dendritischen und T-Zellen zu erreichen. Die neuen Zusammenhänge, meinen die Immunologen, sollten auch bei der Planung und Entwicklung neuer Impfstoffe berücksichtigt werden: Schließlich dürften sie bei vielen Verwandten der grampositiven Listeria-Bakterien ähnlich sein. (jo)

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