Biologisches Alter: Bluttest verrät Alter von Zellen und sagt Krankheitsrisiko voraus

Ein Bluttest kann das biologische Alter einzelner Organe sichtbar machen und damit das Risiko für Krankheiten wie Herzinsuffizienz oder Alzheimer vorhersagen. Das zeigte ein Forschungsteam der Stanford University bereits Mitte 2025. Besonders das ermittelte Alter des Gehirns erwies sich dabei als zentraler Faktor für die Lebenserwartung. Nun zeigt dasselbe Team in »Nature Medicine«, dass sich dieser Ansatz weiter verfeinern lässt – bis auf die Ebene einzelner Zelltypen.
Die Forscher um den Neurowissenschaftler und bekannten Altersforscher Tony Wyss-Coray untersuchten hierzu Blutproben von mehr als 60 000 Menschen aus mehreren großen Kohorten. Sie bestimmten die Konzentrationen von mehr als 7000 Proteinen. Anschließend nutzten sie Daten aus Einzelzellanalysen, um die Proteine mehr als 40 Zelltypen zuzuordnen , darunter Neurone, Astrozyten, verschiedene Immunzellen und Muskelzellen. Ein Machine‑Learning‑Modell berechnete daraus für jede Zellpopulation ein biologisches Alter und verglich es mit altersüblichen Referenzwerten. So wurde sichtbar, welche Zelltypen bei einer Person schneller oder langsamer gealtert waren. Zwischen 20 und 25 Prozent der Teilnehmenden zeigten ein beschleunigtes Altern in mindestens einem Zelltyp, bei ein bis drei Prozent betraf es mehrere Zelltypen gleichzeitig.
Diese zelltypspezifischen Alterungsmuster standen in engem Zusammenhang mit späteren Krankheiten, insbesondere neurodegenerativen Erkrankungen. Für Alzheimer erwies sich das biologische Alter der Astrozyten als stärkster Vorhersagefaktor. Personen mit stark gealterten Astrozyten erkrankten deutlich häufiger: Ihr Risiko lag etwa zwölfmal höher als bei Menschen mit »jungem« Astrozytenprofil und noch rund fünfmal höher als bei Personen mit durchschnittlichem Zellalter. Umgekehrt reduzierte ein jugendliches Profil das Risiko um mehr als 60 Prozent. Auch bei anderen Krankheiten zeigten sich deutliche Effekte. So hatten Menschen mit gealterten Muskelzellen ein mehr als zwölfmal höheres Risiko, an amyotropher Lateralsklerose (ALS) zu erkranken – ein Signal, das sich bereits mehr als drei Jahre vor einer späteren Diagnose nachweisen ließ.
Auffällig war zudem ein gegensätzlicher Einfluss genetischer Risikofaktoren auf verschiedene Zelltypen. Träger von zwei Varianten des APOE4‑Gens, die mit einem hohen Alzheimerrisiko verbunden sind, wiesen im Schnitt stärker gealterte Astrozyten auf. Gleichzeitig zeigten ihre Makrophagen, also zentrale Immunzellen, ein vergleichsweise junges Profil. Beim als schützend geltenden APOE2 ergab sich das umgekehrte Muster. Die Ergebnisse legen nahe, dass genetische Risiken die Alterung einzelner Zelltypen unterschiedlich beeinflussen und teils gegensätzliche Effekte auslösen.
Die Studie erweitert damit die früheren Arbeiten der Forscher zum biologischen Alter von Herz oder Hirn um eine feinere Perspektive. Sie zeigt, dass sich Unterschiede im Alterungsprozess bereits innerhalb von Organen herausbilden und Krankheitsverläufe prägen. Das könne nach Einschätzung der Forschenden helfen, Gesundheitsrisiken früher zu erkennen und gezielter einzugreifen, bevor Symptome auftreten.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.