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News: 'Böse Geister, seid gebannt!'

Zwischen dem vierten und siebten Jahrhundert nach Christus 'schützten' die Bewohner der Stadt Nippur im Zweistromland ihre Häuser mit Zauberschalen gegen den Zugriff böser Dämonen. Heute werden diese einzigen Schriftzeugnisse des Ostaramäischen aus dieser Zeitspanne von Wissenschaftlern entschlüsselt. Die Arbeit - so schwierig und spannend wie ein Kreuzworträtsel - offenbart einen einzigartigen Einblick in die Kultur-, Sprach- und Religionsgeschichte.
Wenn Christa Müller-Kessler im Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität Jena den Schrank öffnet, zieht ein ganzes Arsenal recht wundersamen Geschirrs den Blick des Besuchers an. Im Format wie Suppentassen oder Aschenbecher, diente diese alte Keramik aus dem vierten bis siebten nachchristlichen Jahrhundert niemals profanen Haushaltszwecken: Die 66 aramäischen Zauberschalen schützten in der zentralmesopotamischen Stadt Nippur Häuser und ihre Bewohner vor dem Unwesen böser Geister. Erst allmählich kommt die Wissenschaft den geheimnisvollen Bannsprüchen auf der Innenseite der Schalen auf die Schliche.

Ganze Scharen von Dämonen findet Müller-Kessler verzeichnet: Lilits etwa, die für Kinderlosigkeit verantwortlichen Incubus- und Succubus-Geister oder der Monddämon Sideros sind benannt, lauter üble Wesen, die den Menschen mit Krankheit, Fieber, Schüttelfrost und Blindheit schlugen, den Hausrat zertrümmerten, das Vieh verdarben oder seine Kinder töteten. Manchmal entziffert Müller-Kessler auch regelrechte Kurzgeschichten. Wie die von der tapferen Semamit, deren zwölf Kinder von Sideros gemeuchelt wurden. Die zu Tode betrübte Mutter erklomm einen Berg und rief mit Zaubersprüchen den hilfreichen Saunios, einen guten Geist, herbei, der schließlich den Bösen erwürgte – eine deutliche Warnung an alle Dämonen!

Die Texte sind reich an Nuancen, aber es gibt durchaus einen Kanon an blumigen Bannungsformeln, die im Deutschen nur sehr unzureichend mit "geh raus", "verschwinde" oder "du bist gebannt" wiedergegeben werden können. Häufig stehen religiös differenzierte Sequenzen am Anfang und Ende, zum Beispiel die Schlussformel "im Namen des großen Lebens" oder "das Leben ist siegreich über alle bösen Taten". "Die Übersetzung einer Schale dauert oft Monate, mitunter Jahre", gesteht die Forscherin, die Texte sind epigraphisch schwierig, stark verkürzt und überdies poetisch verschlüsselt oder rituell verklausuliert. "Es ist wie ein großes Kreuzworträtsel."

Erschwerend kommt hinzu, dass Nippur, eine blühende Handelsmetropole im alten Zweistromland, von einer multikulturellen Gesellschaft bevölkert wurde, von Babyloniern und Iranern, dem Glauben nach entweder Juden, Christen oder Anhänger gnostischer Sekten, die ihre Botschaften an die Zwischenwelt von Priestern oder professionellen Schreibern in verschiedenen Sprachen und Schriftsystemen verfassen ließen: aramäischer Quadratschrift, Mandäisch, syrischer Estrangela oder Protomanichäisch. Manche Schalen sind sogar zweisprachig beschriftet – zur Sicherheit, denn wer vermochte schon zu sagen, welcher Sprache die Dämonen mächtig waren.

In einigen Schalen finden sich Bibelzitate, andere bedienen sich aus dem jüdisch-babylonischen Talmud, wieder andere verweisen auf altorientalisches Gedankengut oder die mandäisch-gnostische Mythologie. Damit die "weiße Magie" auch wirkte, bildete man mitunter zusätzlich auf dem Grund des Gefäßes einen gefesselten Dämon ab, umschlang ihn spiralförmig mit Bannsprüchen und vergrub die Schale umgestülpt unter der Türschwelle oder an den vier Eckpfosten des Hauses. Rund 500 solcher Zauberschalen sind aus Nippur bekannt.

"Damals war jedes Haus vor bösen Geistern geschützt", berichtet Christa Müller-Kessler. Die meisten der magischen Tonwaren lagern heute im University Museum of Archaeology and Anthropology in Philadelphia, einige in Museen in Istanbul und Bagdad, und die 66 Jenaer Exemplare kamen über die Frau des Orientforschers Hermann Vollrat Hilprecht, der an den ersten mesopotamischen Grabungskampagnen zwischen 1 890 und 1 900 teilnahm, samt einer Sammlung babylonischer Keilschrifttexte an die Friedrich-Schiller-Universität. Schon damals vermutete man in den Zauberschalen einen hohen kulturhistorischen Wert; heute weiß die Semitistin Müller-Kessler, dass sie die einzigen schriftlichen Zeugnisse für das mesopotamische Aramäisch aus dieser Periode in Händen hält.

"Papyri oder Pergamente sind aus der vorislamischen Zeit nicht mehr erhalten", klagt sie. "Wir kennen außerdem nur noch metallene Amulette, deren Texte mit denen der Zauberschalen inhaltlich korrespondieren." Mit diesem Fundus spürt die Wissenschaftlerin in einem auf zwei Jahre angelegten Projekt den religiösen und literarischen Traditionslinien einer alten, versunkenen Kultur nach. Die aramäische Sprache, einstmals lingua franca zwischen Indus und Nil, wurde vom Arabischen verdrängt und ist heute nur noch in kleinen türkischen, irakischen und syrischen Sprachinseln präsent.

Aber ob die Zaubersprüche auch gewirkt haben? – "Ganz sicher!" lacht Christa Müller-Kessler. "Etwa genauso wie die guten Wünsche, die wir aufgeklärten Mitteleuropäer in Metallpatronen unter den Grundsteinen großer Neubauten im Erdreich versenken."

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