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Brain Fog: Das missverstandene Long-Covid-Symptom

Bewusstseinstrübung kommt bei Long Covid häufig vor. Dennoch ist das Symptom wenig erforscht und wird oft falsch eingeschätzt. Viele Betroffene bekommen keine Hilfe.
Ein Kopf mit Hirn und undefinierbarem Nebel davor.
Brain Fog ist eine Störung der »exekutiven Funktionen« – darunter Konzentration, das Behalten von Informationen und das Ausblenden von Ablenkungen.

Bewusstseinstrübung »tauchte in der Liste der möglichen Covid-Symptome zu Beginn der Pandemie gar nicht auf«, schreibt Ed Young. »Allerdings berichten 20 bis 30 Prozent der der Patienten in den drei ersten Monaten nach ihrer Infektion von diesem Phänomen … Und es kann auch junge Menschen in ihren mental gesehen besten Jahren treffen.«

Der Zustand hat im Englischen einen Namen, der eher vage klingt: »brain fog«, Gehirnnebel. Er ist allerdings nicht einfach nur ein Überbegriff für verschiedene mentale Probleme. Die Neurologin Joanna Hellmuth erklärte Ed, dass es sich bei Bewusstseinstrübung fast immer um eine Störung der »exekutiven Funktionen« handelt – jener Art geistiger Fähigkeiten, zu der Konzentration, das Behalten von Informationen und das Ausblenden von Ablenkungen gehören. »Diese Fähigkeiten sind so grundlegend, dass ein großer Teil des mentalen Gebäudes einer Person zerfällt, wenn sie verloren gehen«, berichtet Ed.

Als Ed mit Patienten sprach, die unter Bewusstseinstrübung litten, bekam er Geschichten über Gehirne zu hören, die bei Aufgaben, die einst einfach waren, plötzlich ins Stottern kamen oder ihren Dienst versagten. Eine Patientin schrieb gerade eine SMS, als sie plötzlich feststellte, dass sie die letzte Nachricht eines Freundes nicht verstand; wieder eine andere sagte, sie sei nicht in der Lage, die Spülmaschine einzuräumen, weil, wie Ed schreibt, »es zu kompliziert war, einen Gegenstand zu identifizieren, sich zu merken, wo er hingehört, und ihn dann hineinzustellen«.

Eds Artikel untersucht, wie die Medizin bei der Behandlung von Bewusstseinstrübung versagt – und was wir über Möglichkeiten der Linderung bisher wissen. Es lohnt sich, seine Geschichte in voller Länge zu lesen. (Vielen Menschen mit Bewusstseinstrübung fällt es schwer, lange Artikel zu lesen, weswegen Ed eine Audioversion aufgenommen hat, die in seinen Artikel eingebettet ist.)

Ed erzählte mir, was er seit der Veröffentlichung des Artikels gelernt hat. Dieses Interview ist eine Kurzfassung eines Telefongesprächs und einer anschließenden E-Mail.

Isabel Fattal: Erzählen Sie mir ein wenig über die Reaktionen, die Sie auf Ihren Artikel erhalten haben.

Ed Yong: Ich hatte eine Flut von Nachrichten in meinem Posteingang und in den sozialen Medien von Menschen, die sich gesehen fühlen. Sie verstehen jetzt, was ihnen geschehen ist, oder sind erleichtert, dass eine große Publikation ihre oft verdrängten Erfahrungen bestätigt hat. Wieder andere haben jetzt erst die Begrifflichkeiten, um über ihre Erfahrungen zu sprechen, oder haben endlich eine Möglichkeit, mit der sie ihr Leben und ihre Bedürfnisse ihren Freunden, Kollegen oder Ärzten erklären können.

Dies geschieht jedes Mal, wenn ich über Long Covid, komplexe chronische Krankheiten, immungeschwächte Menschen und Gruppen mit ähnlichen Problemen schreibe. Das ist sehr erfreulich, aber auch zutiefst traurig. Es gibt so viele Menschen da draußen, die unter erheblichen Einschränkungen leiden und denen nicht die geringste Spur von Verständnis entgegengebracht wird. Ich bin froh, dass Texte wie dieser helfen können, aber ich möchte vor allem dazu beitragen, dass sie eines Tages überflüssig werden.

Fielen Ihnen irgendwelche interessante oder auffällige Muster in den Antworten auf?

Ich habe in dem Artikel erwähnt, dass es neben Covid noch viele andere Dinge gibt, die zu genau der gleichen Konstellation von Symptomen der Bewusstseinstrübung führen können. Darunter sind Myalgische Enzephalomyelitis  /Chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS), Fibromyalgie, HIV-Infektionen, Chemotherapien und epileptische Anfälle. Mehrere Personen haben mir geschrieben, dass sie die von mir beschriebenen Probleme mit den exekutiven Funktionen auch als Folge von Gehirnerschütterungen und traumatischen Hirnverletzungen, der Menopause und schwerer ADHS erlebt haben.

Wie Sie in Ihrem Artikel anmerken, gibt es einen echten Mangel an Forschung und Verständnis für diesen Aspekt von Long Covid. Wo können sich Leserinnen und Leser über neue Forschungsergebnisse oder Versuche, die Krankheit zu verstehen, informieren?

Ich versuche Menschen, für die Bewusstseinstrübungen neu sind, zu ermutigen, Gemeinschaften von Menschen zu finden, die Erfahrung mit diesem Symptom haben. Sie sind ein wahres Füllhorn an Verständnis und Weisheit. Viele haben mir geschrieben, dass sie sich sehr einsam damit fühlen. Aber das müssen sie nicht. Um es mit den Worten von Fiona Robertson, die ich befragt habe, auszudrücken: »Kommen Sie zu uns Menschen mit Einschränkungen, wir stehen hinter Ihnen!«

Sie haben geschrieben: »Als ich im Jahr 2020 begann, über Covid-19 zu berichten, wurde klar, dass die übliche Art der wissenschaftlichen Berichterstattung völlig unzureichend sein würde.« Wie hat die Pandemie das wissenschaftliche Schreiben für Sie verändert?

Die Wissenschaft ist keine neutrale, passive Ansammlung von Fakten. Sie ist ein menschliches Unterfangen, und sie wird zutiefst davon beeinflusst, wer überhaupt Wissenschaftler sein darf, von unseren kulturellen Normen und Werten, von den Eigenschaften und Konzepten, die wir in sie einbringen. Die Wissenschaft kann nicht vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt werden. Das war mir schon vor vielen Jahren klar, aber während der Pandemie wurde es unbestreitbar und entscheidend, denn etliche unserer Versäumnisse sind darauf zurückzuführen, dass wir das Problem als ein ausschließlich medizinisches betrachteten. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, zu erzählen, woher wir wissen, was wir wissen, und wie die Kultur der medizinischen Welt zu der Art von Ablehnung beigetragen hat, die viele Menschen mit Long Covid oder anderen chronischen Krankheiten heute erfahren.

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