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Guam: Schlange verursacht ökologischen Zusammenbruch

Die eingeschleppte Braune Nachtbaumnatter wirkt sich auf die Pazifikinsel Guam verheerend aus. Nicht nur die direkten Opfer der Schlange leiden.
Braune NachtbaumnatterLaden...

Die Katastrophe begann schleichend vor etwa 70 Jahren: An Bord von militärischen Transportflugzeugen gelangten einige Braune Nachtbaumnattern (Boiga irregularis) aus ihrem eigentlich Verbreitungsgebiet rund um Neuguinea auf die Pazifikinsel Guam, die zu den USA gehört. Nach und nach fraß sich das Reptil durch die heimische Tierwelt und rottete dabei unter anderem zehn der zwölf einheimischen Vogelarten aus; andere Tiere wie Flughunde wurden sehr selten. Dadurch begann eine ökologische Kettenreaktion: Arachnophobiker beispielsweise sollten den Regenwald der Insel meiden, denn ohne Fressfeinde und Konkurrenten vermehrten sich Spinnen explosionsartig. Mittlerweile hängen ihre Netze überall zwischen den Ästen und Zweigen des Unterholzes. Andere Veränderungen sind subtiler, aber langfristig für die Insel noch bedenklicher, wie eine Studie von Haldre Rogers von der Iowa State University und Kollegen vermuten lässt: Der Verlust der Vögel und Flughunde sorgt dafür, dass die Samen von fruchttragenden Bäumen nur noch sehr schlecht verbreitet werden, was ihre Naturverjüngung erschwert oder verhindert.

Die Wissenschaftler hatten untersucht, wie viele Früchte und Samen von zwei typischen Regenwaldbäumen auf Guam und benachbarten, noch schlangenfreien Eilanden direkt vor Ort herabregnen beziehungsweise abtransportiert werden. Auf Guam enden 90 Prozent davon direkt unter der Mutterpflanze, während es auf den anderen Inseln nur 40 Prozent sind. Dadurch verringert sich auf Guam die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Bäume erfolgreich vermehren und der Wald verjüngt wird: In der Nähe der Mutterpflanze ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schädlinge oder Krankheiten den Bestand dezimieren, viel größer als bei einer zufälligen Verteilung über eine größere Fläche. Da zwei Drittel aller Baumarten Guams von Tieren weiterverbreitet werden, fürchten die Ökologen, dass sich das Ökosystem auch zukünftig gravierend verändern wird – um 60 bis zu über 90 Prozent könnte der Anteil an jungen Bäumen zurückgehen und sich die Zusammensetzung des Waldes wandeln. Fraglich ist, ob dieser seine ökologischen Funktionen wie Bodenschutz oder Wasserspeicherung dann noch ebenso gut erfüllen kann wie gegenwärtig. Guam stellt laut den Autoren der Studie bislang weltweit das einzige Ökosystem dar, in dem alle Früchte fressenden Tiere ausgerottet und nicht durch andere eingeschleppte Arten ersetzt wurden.

Wegen der immensen ökologischen und ökonomischen Schäden – allein die finanziellen Folgen der durch Schlangen ausgelösten Stromausfälle geht in die Millionenhöhe – beschäftigen sich Wissenschaftler schon länger mit Plänen, die Nachtbaumnattern intensiv zu bekämpfen. Da die Reptilien auch Aas nicht verschmähen, wurde mit vergifteten Mäusen experimentiert. Diese wurden in einem Versuch tot und mit Paracetamol vollgepumpt aus dem Flugzeug abgeworfen – das Medikament verursacht bei ihnen letale Blutungen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Schlangen diesen Köder schlucken. Ob sich damit die Plage eindämmen lässt, kann man aber noch nicht beurteilen.

Auf Guam leben schätzungsweise zwei Millionen der Reptilien ohne natürliche Feinde; ihre Siedlungsdichte wird auf rund 5000 Exemplare pro Quadratkilometer geschätzt: eines der höchsten Verhältnisse weltweit. Warum der Bestand auf Grund von Nahrungsmangel noch nicht zusammengebrochen ist, können sich Biologen nicht erklären. Die Tiere sind allerdings wenig wählerisch und fressen fast jegliche Beute, die sie überwältigen können. Da Guam einen stark frequentierten Militärflughafen besitzt, befürchten Fachleute schon lange, dass die reiselustigen Nachtbaumnattern auf weitere Inseln gelangen und dort die Artenvielfalt ebenfalls reduzieren können.

11/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11/2017

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