Direkt zum Inhalt

Klimastreiks: »Protest wird erlernt«

Weltweit demonstrieren Schülerinnen und Schüler im Rahmen der »Fridays for Future« für ein Umdenken in der Klimapolitik. Bildet sich hier eine neue Protestgeneration?
Greta ThunbergLaden...

Warum für eine Zukunft lernen, die nicht lebenswert ist? Weltweit schließen sich junge Menschen den Schulstreiks an und fordern eine nachhaltigere Klimapolitik. An Aufgeben ist für sie nicht zu denken: Allein am 24. Mai 2019, dem Protesttag vor der Europawahl, sollen laut Veranstaltern 320 000 Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen sein. Doch ein radikaler Wandel in der Klimapolitik steht bislang nicht auf dem Plan. Was bedeutet das für die Bewegung? Der Soziologe und Protestforscher Simon Teune von der Technischen Universität Berlin ist den Demonstrationen auf der Spur.

Herr Doktor Teune, was macht die »Fridays for Future«-Bewegung so interessant für Sie?

Ein Großteil der Mobilisierung läuft direkt auf dem Schulhof. Das Alter wird zum Teilnahmegrund, zum Teil der kollektiven Identität, nach dem Motto: Wir jungen Leute gehen jetzt auf die Straße, weil die Erwachsenen es nicht hinbekommen haben. Mich beeindruckt, mit wie viel Kreativität sie ihren Protest zum Ausdruck bringen. Es gibt nicht die eine Parole, die alle nachrufen. Allein zum Thema Plastikmüll habe ich dutzende Schilder entdeckt. Das ist nichts, was eine Organisation vorgibt.

Simon Teune, Technischen Universität BerlinLaden...
Der Soziologe und Protestforscher Simon Teune von der Technischen Universität Berlin

Die Befragung zeigt: Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammen aus der Mittelschicht, haben Eltern mit akademischem Hintergrund und sind eher links eingestellt. Warum ist gerade diese Gruppe so stark vertreten?

Das ist das gängige Bild bei Demonstrationen. »Fridays for Future« bildet da keine Ausnahme. Man sieht aber auch: Protest wird erlernt. Die von uns befragten Erwachsenen sind häufig selbst schon demoerfahren. Das legt den Schluss nahe: Viele Kinder haben diese Form, sich politisch zu artikulieren, aus ihren Familien übernommen.

Bildungslevel der Demonstrierenden
© Spektrum der Wissenschaft
(Ausschnitt)
Bildungslevel der Demonstrierenden

Wie erforscht man eigentlich eine Bewegung?

Es gibt sehr viele Methoden. Bei »Fridays for Future« befragen wir die Menschen direkt auf der Demo. Wir führen Kurzinterviews mit ihnen und drücken ihnen Flyer mit Hinweis auf einen Online-Fragebogen in die Hand.

Wie reagieren die Demonstrierenden darauf, angesprochen zu werden?

Es kommt auf die Demo an: Wenn die Stimmung nicht zu konfliktgeladen ist, haben wir es leicht. Bei Pegida hingegen wurden unsere Teams angegangen, zum Teil auch sexistisch oder rassistisch beleidigt. Es kann einen ganz schön mitnehmen, so eine Befragung durchzuführen.

Geschlechterverteilung bei unterschiedlichen Demonstrationen
© Spektrum der Wissenschaft
(Ausschnitt)
Geschlechterverteilung bei unterschiedlichen Demonstrationen

Sind die Ergebnisse überhaupt repräsentativ?

Wir können uns einer repräsentativen Stichprobe immer nur annähern. Das tun wir, indem wir sicherstellen, dass alle auf der Demo die gleiche Chance haben, von uns angesprochen zu werden. Dazu teilen wir bei der Auftaktkundgebung den Platz auf und schicken Teams in jeden Sektor. Sie sollen dann jede zehnte Person ansprechen. So verhindern wir, dass die Auswahl nach persönlicher Sympathie erfolgt. In der Realität verläuft es aber trotzdem manchmal chaotisch: Leute bewegen sich schließlich. Bei »Fridays for Future« kommt hinzu, dass wir aus rechtlichen Gründen nur Jugendliche ab 14 Jahren interviewen können. Außerdem lässt sich schlecht sagen, wer von den Angesprochenen den Fragebogen dann tatsächlich auch ausfüllt. Im Fall der Klimastreiks waren wir näher an der Repräsentativität als bei anderen Befragungen.

Fridays for Future – Schülerdemonstration in München, 2019Laden...
Fridays for Future | Demonstrierende Schüler und Erwachsene mit Plakaten in München, 2019.

Kurz vor der Europawahl erschienen mehr als 300 000 Menschen zu den Demonstrationen – und das allein in Deutschland. Überrascht Sie der lange Atem, den die Bewegung beweist?

Diese immensen Teilnehmerzahlen gab es vor allem an zwei Terminen; sonst sind es deutlich weniger. Trotzdem zeigt die Bewegung eine starke Kontinuität. Die Falle regelmäßiger Proteste ist ja die absehbare Entwicklung, dass sie mit der Zeit immer kleiner werden. Dadurch wird es unattraktiver hinzugehen. Meist entsteht so eine Abwärtsspirale. Bei »Fridays for Future« ist das bislang noch nicht der Fall. Ihnen kommt zugute, dass die bestehenden Umweltorganisationen die Streiks einhellig unterstützen. Auch der Rückhalt aus der Klimaforschung hat die Dringlichkeit der Anliegen noch einmal bestätigt.

Mehr als 26 000 Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unterstützen die Bewegung. Ist die Verzahnung von Wissenschaftsbetrieb und Protestkultur ein neues Phänomen?

Die Zahl muss man mit Vorsicht genießen – oft wird nahegelegt, das seien alles Klimaforscher. Auf der Liste stehen beispielsweise auch Sozialwissenschaftler wie ich. Dennoch gibt es in der Forschung einen starken Konsens, dass ein anderes politisches Handeln notwendig ist. Zwar gab es auch bei früheren Protesten schon wissenschaftlichen Rückhalt, etwa bei Attac oder der Antiatombewegung. Die Breite, mit der das Anliegen unterstützt wird, existierte aber vorher noch nicht.

Um zu den Protesten zu gehen, schwänzen die Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Das sorgt für Aufmerksamkeit, macht die Bewegung jedoch auch angreifbar. Ist das strategisch klug?

Als erster Impuls war es wichtig, nicht einfach eine Demo zu organisieren, sondern deutlich zu machen: Es hat keinen Sinn für uns, weiter zur Schule zu gehen, wenn die Welt in 30, 40 Jahren unbewohnbar sein könnte. Die Debatte ums Schwänzen wird auch nur in Deutschland so geführt, glaube ich. Diese Stimmen sind inzwischen aber deutlich leiser geworden. Schließlich wird die Schulpflicht damit begründet, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit anderen Weltanschauungen auseinandersetzen und zu mündigen Bürgern werden sollen. Doch so lässt sich schlecht gegen die Beteiligung an einer Demo argumentieren – denn genau das tun die Jugendlichen ja.

Wie begegnet die Öffentlichkeit der Bewegung?

Die Reaktionen sind gemischt. Grüne und Linkspartei stehen ihr freundlich gegenüber. Die Regierung ist da etwas zögerlicher – und versucht, an die Schulpflicht zu erinnern. Politiker der AfD versuchen wiederum, die Bewegung lächerlich zu machen. Sie sprechen von »Klimareligion« – oder betonen Greta Thunbergs Autismus. Auch die Schulen reagieren gespalten: Einige gehen auf die Protestierenden zu und sanktionieren die Demobesuche nicht. Andere versenden Bußgeldbescheide.

Parteipräferenz der Demonstrierenden der Fridays for Future Bewegung
© Spektrum der Wissenschaft
(Ausschnitt)
Parteipräferenz der Demonstrierenden

Was macht das mit der Bewegung selbst?

Die Unterstützung von außen motiviert. An Kritik und Beleidigungen kann man sich allerdings ebenfalls hochziehen und sich selbst versichern, auf der richtigen Seite zu stehen. Insofern hilft beides dabei, weiterzumachen – oder neu einzusteigen.

Die Schulstreik-Initiatorin Greta Thunberg verfolgt ein medialer Hype. Die vielen anderen protestierenden Jugendlichen rücken dagegen in den Hintergrund. Warum braucht eine Bewegung überhaupt Ikonen?

Progressive Bewegungen legen es meist nicht darauf an, Ikonen zu haben. Dennoch ist ein Vorbild für viele der Protestierenden hilfreich. Greta Thunberg spricht eine klare Sprache, ihr Ausdruck ist resolut und kompromisslos. Das erleben viele als der Situation angemessen. Ikonen sind aber auch für Medien interessant. An ihnen kristallisieren sich Konflikte. Das hilft dabei, Geschichten zu erzählen. Wenn es um Greta Thunberg geht, hat die Berichterstattung manchmal religiöse Anklänge – als wäre sie eine Prophetin, die von außen auf die Welt schaut.

Was bewirken die Proteste bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst?

Sie sind nicht nur auf der Straße aktiv, sondern auch in persönliche Reflexionsprozesse verwickelt. Im Zuge der Proteste könnten sie sich beispielsweise entscheiden, weniger zu fliegen, vegan zu leben, auf Produktionsbedingungen zu achten. Wenn man erst einmal damit anfängt, stellt man schnell fest: Die Herstellung meiner Jeans hat viel Wasser verbraucht an einem Ort, wo es nicht viel davon gibt. Das Handy, mit dem ich den Protest organisiere, wird mit seltenen Erden aus Konfliktgebieten gebaut.

Klima-Engagement und Lifestyle der Demonstrierenden
© Spektrum der Wissenschaft
(Ausschnitt)
Klima-Engagement und Lifestyle der Demonstrierenden

Den privaten Lebensstil zu überdenken, wird die Klimakrise allein jedoch kaum abfedern.

Den persönlichen Lebenswandel zu hinterfragen, ist ein Aspekt, aber natürlich nicht die Lösung des Problems. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen tun es schon allein deshalb, um die Kritik von außen vorwegzunehmen. Denn es heißt sonst schnell: Seht her, die Schulstreik-Organisatorin Luisa Neubauer ist selbst schon geflogen.

Aktuell geht es bei »Fridays for Future« vor allem um ein Thema: den Klimaschutz. Bleibt es dabei – oder weitet sich der Protest auch inhaltlich aus?

Eine typische Entwicklung wäre: Ich engagiere mich für ein Thema, laufe damit aber gegen Wände, finde kein Gehör. Das führt dann dazu, dass ich mich grundlegender mit dem Funktionieren von Demokratie auseinandersetze. Dafür gibt es viele Beispiele, von der Antiatombewegung bis Stuttgart 21. In beiden Fällen begann der Protest mit einem thematisch eher begrenzten Konfliktfeld. Später weitete es sich dann aus zu der Frage: Wie werden Entscheidungen überhaupt getroffen – und welche Kräfte können sich durchsetzen?

Können die Schulstreiks denn einen Wandel anstoßen?

Es ist absehbar, dass die Verantwortlichen nicht, wie gefordert, zu radikalen Maßnahmen greifen werden. Verbunden mit dem sich schließenden Zeitfenster für die Eindämmung der Erderwärmung liegt es nahe, dass sich die Bewegung radikalisiert.

Was bedeutet das für die Zukunft von »Fridays for Future«?

Ein mögliches Szenario: Wenn die Proteste abnehmen, werden die jungen Menschen in bestehenden Klimaschutzinitiativen aktiv – oder engagieren sich in Parteien. Gleichzeitig kann es passieren, dass sich ein Teil der Proteste radikalisiert. Die Aktiven finden dann andere Formen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bei der »Extinction Rebellion« blockierten die Protestierenden beispielsweise Verkehrswege, bei »Ende Gelände« gar die Abläufe im Braunkohletagebau. Bewegungsgeschichtlich ist das eine klassische Entwicklung: Ein Teil geht in die Institutionen, ein anderer setzt auf stärker konflikthafte Protestformen.

Wird ein Teil der Aktivisten also zu immer rabiateren Mitteln greifen – wie etwa früher in der 68er-Bewegung?

Es ist ja nicht so, dass sich Geschichte immer wiederholt. Es gibt auch Lerneffekte. Wenn ziviler Ungehorsam auf der Tagesordnung steht, heißt das noch lange nicht, dass der nächste Schritt darin besteht, Strommasten umzusägen.

Ist denn eine Radikalität in der Bewegung überhaupt angelegt?

Natürlich sind die Klimaproteste nicht durch die Bank antikapitalistisch. Radikal sind sie trotzdem, weil sie die Art, wie wir leben und produzieren, wie wir unser Verhältnis zu anderen Menschen auf der Erde gestalten, grundsätzlich in Frage stellen. Das betrifft den eigenen Alltag genauso wie die Forderungen an die Politik. Der Gestus, mit dem die Schülerinnen gestartet sind – da kann man sich schlecht auf Kompromisse einlassen.

5/2019 (September/Oktober)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 5/2019 (September/Oktober)

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos