Direkt zum Inhalt

News: Brücken gegen die Vereinsamung

Ganz allgemein kann Naturschutz schon durch gesunden Menschenverstand begründet werden. Schwerer zu erbringen sind konkrete wissenschaftliche Beweise für den Sinn einzelner Naturschutzmaßnahmen - auch wenn diese ganz einleuchtend klingen.
Schon in den sechziger Jahren leuchtete ein: dem zunehmenden Verlust der Artenvielfalt in den schnell entwickelten Industrie-Landschaften moderner Zivilisationsgesellschaften müssen Naturschutz-Maßnahmen entgegengesetzt werden. Straßenbau, Holzeinschlag und Siedlungstätigkeit fragmentierten bereits damals den natürlichen Lebensraum der Organismen. Also setzte man sich nicht nur für den Verbleib einzelner Naturschutzgebiete ein, sondern auch dafür, diese möglichst durch Habitatkorridore netzartig verbunden zu halten. Somit wäre ein Kontakt zwischen einzelnen Arten stets gewährleistet – und die Gefahr gebannt, dass einzelne Spezies lokal isoliert würden und schließlich aussterben.

Eine gute Idee – der aber die wissenschaftliche Legitimation lange Zeit fehlte: Ob Habitatkorridore tatsächlich der Biodiversität nachhaltigen Rückhalt geben können, ist nämlich gar nicht so leicht nachzuweisen. Ein bislang gängiges Modellprovisorium über die Ausbreitung von Insekten entlang habitatverbindender Korridore fand beispielsweise auf einem gerade einmal etwa 130 Quadratzentimetern großen Versuchflecken aus Moos statt – in einem Maßstab also, der sich kaum ohne weiteres auf natürliche Dimensionen komplexer Ökosysteme übertragen lässt.

Ein Forscherteam um Josh Tewksbury von der University of Florida strebte daher ein ökologisches Langzeitexperiment in bislang unerreichter Größenordnung an: Als Betätigungsfeld diente ihnen ein unberührtes Waldgebiet von etwa 1260 Quadratkilometern Größe im Süden der USA, das – zu Zeiten des kalten Krieges als mögliches nukleares Testgebiet auserkoren – unbesiedelt geblieben war.

Hier kartierten die Forscher acht vergleichbare Testflächen von je etwa 64 Hektar Größe. In den dichtstehenden Kiefernwald jeder dieser acht Testflächen schlugen Holzfäller im Jahr 1999 eine etwas weniger als einen Hektar große zentrale Lichtung. Um diese herum schufen die Forstarbeiter in einigem Abstand jeweils vier weitere Lichtungen, von der sie nur eine durch einen wald- und vegetationsfreien Korridor mit der Zentrallichtung verbanden.

Nach Abschluss der Holzarbeiten bot das Forstgebiet mit seinen insgesamt 40 Lichtungen und acht Verbindungskorridoren in Luftaufnahmen aus großer Höhe einen beeindruckenden Anblick – ein menschengemachtes Waldanalogon zu den legendenumrankten, gerade erst wieder zu Hollywood-Filmehren gelangten Getreidekornkreis-Bildnissen.

Auf den Lichtungs-Freiflächen und Korridoren entwickelte sich im Laufe der Zeit eine typische Feldvegetation, die in den bewaldeten Habitaten zuvor nicht auftrat, und die sich über die trennenden Waldgebiete auch nur schwer ausbreiten konnten. Auf diese Weise wurden die einzelnen Vegetationsgebiete lokal begrenzt und fragmentiert – ganz ähnlich wie dies in industriell-zivilisatorisch geprägten Landschaftsräumen der Fall ist. Die Rolle der überbrückenden Vegetationsstreifen zwischen den Habitatinseln urbaner Wüsten spielten im Experiment die Verbindungskorridore zwischen den einzelnen Lichtungen.

Die Bedeutung dieser Korridore für das Ökosystem ermittelten die Forscher anhand mehrerer Experimente. Für eines pflanzten sie inmitten der Zentrallichtung einen männlichen Stechpalmenstrauch sowie, in die vier umgebenden Lichtungen, weibliche Stechpalmen. Diese sind, um Früchte bilden zu können, auf den Antransport der bestäubenden männlichen Pollen durch fliegende Insekten angewiesen.

Am Ende einer Vegetationsperiode ernteten die Wissenschaftler dann Stechpalmenfrüchte – und zwar deutlich mehr von jenen weiblichen Stechpalmen, die über den Korridor zugänglich waren. Die bestäubenden Insekten hatten tatsächlich häufig den einfachsten Weg zwischen männlicher und weiblicher Pflanze gesucht, anstatt mitten durch den trennenden Wald zu fliegen.

In einem weiteren Experiment fütterten die Wissenschaftler Vögel in der Zentrallichtung mit Myrte- und Stechpalmensamen. Das Vogelfutter wurde zuvor mit einem klebrigen, fluoreszierenden Markerpulver präpariert – nach dessen Spuren die Forscher dann den Vogelkot verschiedener Nester aus den peripheren Lichtungen durchsuchten. In monatelang andauernden Laboruntersuchungen Tausender Kotproben untermauerten sie dann, was zu vermuten war: Zwischen korridorverbundenen Lichtungen wechseln offenbar deutlich mehr Vögel als zwischen isolierten.

Damit, schließen die Forscher, steht die Bedeutung von Verbindungskorridoren für die Aufrechterhaltung von Biodiversität regionaler Lebensräume fest – obwohl nur die zwei Parameter Bestäubung und Samenverbreitung untersucht wurden. Schließlich hätten genau diese Parameter eine enorme, sich selbst verstärkende Bedeutung für die Ausbreitung von Organismen im vernetzten Ökosystem: Je intensiver die Pflanzen bestäubt werden, desto größere Fruchtmengen produzieren sie, desto mehr Vögel locken sie auch an, und desto weiträumiger werden ihre Samen – und damit ihre Art – auch verbreitet.

"Korridore verbinden also", so Tewksbury, "und scheinen daher nützlich zu sein, um dass Populations-Netzwerk in zunehmend fragmentierten Landschaften nachhaltig aufrechtzuerhalten." Ein langgesuchtes wissenschaftliches Argument also für eine lang praktizierte Maßnahme des Naturschutzes. Im Wettstreit mit ökonomischen Interessen sind seit den sechziger Jahren gute Argumente schließlich nicht weniger wichtig geworden.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte