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Vögel in Deutschland: Wie viele Stimmen hat der Wald?

Vögel zu zählen und Daten zur Artenvielfalt zu erheben, dient nicht nur der Forschung, sondern ist ein Naturerlebnis. Unsere Autorin hat es ausprobiert.
Ein Specht mit rotem Kopf und schwarz-weißem Gefieder sitzt auf einem mit Flechten bedeckten Ast. Der Vogel breitet seine Flügel aus, als ob er zum Flug ansetzen möchte. Der Hintergrund ist dunkel, was den Fokus auf den Specht lenkt.
Der Kleinspecht (Dryobates minor) ist eng mit Bunt- und Mittelspecht verwandt. Da er so klein und leicht zu übersehen ist, ist die Bestandssituation nur sehr schwer einzuschätzen.

Ferngläser sind eine tolle Erfindung, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Man kann sie nur mit den Augen benutzen. Es ist, soweit ich weiß, noch kein Beobachtungsgerät entwickelt worden, mit dem sich weit entfernte Laute so gezielt heranzoomen lassen, dass man ihre Quelle identifizieren kann.

Deshalb bin ich bis heute nicht sicher, ob ich ihn an diesem Frühlingsmorgen tatsächlich gehört habe: den Vogel, der zurzeit weit oben auf meiner Wunschliste zu beobachtender Arten steht. Der Kleinspecht ist nicht nur seltener als seine größeren Verwandten Bunt- und Mittelspecht, er ruft und trommelt überdies ausschließlich im zeitigen Frühjahr – und auch das eher spärlich.

Noch vor wenigen Jahren hätte ich das zarte, hohe Keifen, das ich bei einem Spaziergang durch ein norddeutsches Flusstal aus der Ferne vernahm, als eine von vielen rätselhaften Naturstimmen verbucht und nicht weiter beachtet. Aber mittlerweile bin ich mehr als »nur« eine Beobachterin. Ich zähle Vögel und führe systematisch Buch über alle, die ich draußen in der Natur sehe oder höre. »Kartieren« nennt man das in der Fachsprache der Vogelkunde.

Daten sind wichtig für Naturschutz und Umweltpolitik

Ich kartiere nicht für mich, jedenfalls nicht nur. Seit 2018 gehöre ich zu den mehr als 11 000 vogelkundigen Menschen, die regelmäßig an den Monitoring-Programmen des »Dachverbands Deutscher Avifaunisten«, kurz DDA, mitarbeiten. Dieser kleine, in Münster ansässige Verein, gegründet von Vogelexperten aus ganz Deutschland, erhebt seit mehr als 30 Jahren Daten über den Zustand der Vogelwelt, der Avifauna, zwischen Meeresküsten und Alpen. Diese Daten liefern eine der wichtigsten Grundlagen für Naturschutz und Umweltpolitik in Deutschland, aber auch auf EU-Ebene. Denn es sind, neben Insekten und Pflanzen, vor allem die Vögel, deren zahlenmäßige Entwicklung anschaulich zeigt, wie sich unsere Landschaften – Wälder, Agrarflächen, Gewässer und Städte – verändern; wie wir sie verändern. Und was wir tun können, um unsere Umwelt lebensfreundlicher und resilienter zu gestalten – für die gesamte bei uns heimische Artenvielfalt, aber auch für uns selbst.

Die Arbeit des DDA wird unter anderem vom Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz finanziert. Dazu gehört es, die Monitorings zu organisieren, Beobachtungsdaten auszuwerten und vieles mehr. Das Datensammeln draußen in der Natur ist dagegen ein Ehrenamt. Und zwar eines, das sowohl Zeit als auch Expertise erfordert: Man muss an mehreren Tagen, vorwiegend im Frühjahr, festgelegte Zählstrecken ablaufen und möglichst alle dabei entdeckten Vögel sicher identifizieren können. Außerdem sollte man dazu bereit sein, früh aufzustehen, denn die meisten Vögel sind kurz vor und nach Sonnenaufgang am aktivsten und daher am leichtesten aufzuspüren.

Es war nicht zuletzt die Notwendigkeit regelmäßigen Frühaufstehens, die mich lange vom Kartieren abgehalten hat. Und als ich im Frühjahr 2018 damit anfing, tat ich es zunächst eher aus Pflichtgefühl: um einen kleinen Beitrag zum Schutz jener Lebewesen zu leisten, an deren Schönheit und Vielfalt ich mich so viele Jahre gratis erfreut hatte.

Waldstimmung am frühen Morgen |

Um Vögeln beim Singen zuzuhören, muss man früh aufstehen. Belohnt wird man mit einer fast magischen Atmosphäre. Manchmal spielt einem dann auch die Fantasie einen Streich – oder liegen da wirklich Mooskrokodile im von der Sonne beschienenen Laub?

Was ich damals nicht ahnte: Mir bereitet das Kartieren ein viel größeres Vergnügen als das unverbindliche Hingucken und -horchen, das ich bislang praktiziert hatte. Es eröffnet mir einen neuen, intensiveren Zugang zur Vogelwelt – derselben Vogelwelt, die mir nach mehr als 50 Jahren Beobachtungserfahrung längst vertraut erschienen war. Und ich lerne, neben den Vögeln, auch die übrige Natur besser kennen als je zuvor.

Meine Zählstrecke verläuft durch einen Mischwald südlich von Hamburg. Beim Bestimmen bin ich daher vor allem auf mein Gehör angewiesen; zu sehen bekomme ich die Vögel zwischen dichtstehenden Stämmen und belaubten Baumkronen nur selten. Zwar hatte ich vor meiner ersten Zählrunde schon einige Übung im Erkennen von Vogelstimmen. Aber ich habe Jahre gebraucht, um mir mit einem Aufnahmegerät und der Merlin-App, die Vogellaute mithilfe von KI identifiziert, die gesamte Stimmenvielfalt des Waldes entlang meiner Zählstrecke zu erschließen: die feinen Unterschiede zwischen den Gesängen von Sommer- und Wintergoldhähnchen, das umfangreiche Lautrepertoire fünf verschiedener Meisenarten, das breite Spektrum von Warn-, Lock- und Ich-bin-hier-Rufen, mit denen sich Kleiber, Misteldrosseln und Eichelhäher untereinander verständigen.

Ich erkenne jetzt – endlich – auch die Vogelarten, die selbst geübte Kartierende häufig überhören, weil ihre Rufe besonders einsilbig, leise oder leicht verwechselbar sind: Grauschnäpper, Kernbeißer sowie Kleinspecht, dessen Stimme ich erst im vergangenen Jahr bewusst wahrgenommen habe.

Spektakel am Wegrand

Das Belauschen, Erkennen und Notieren Dutzender, oft gleichzeitig erklingender Vogellaute erfordert Konzentration – manchmal so sehr, dass ich die sichtbare Natur darüber weitgehend ausblende. Aber der Wald holt mich immer wieder durch Spektakel am Wegrand zurück, die selbst für meine zerstreuten Augen unübersehbar sind. Ein Feuersalamander, der plötzlich aus einem Bachlauf hervorleuchtet. Dunkelrot blühender Waldziest. Ein Waschbär, der laut fauchend hinter einem Fichtenstamm hervorguckt. Ein Reh, das wenige Meter vor mir aus dem Wald hervorprescht und bei meinem Anblick vor Schreck über seine Beine stolpert. Es vergeht kaum eine Zählrunde, von der ich nicht mit einer solchen Zugabe zurückkehre, neben meinem von Vogelnamen-Kürzeln überquellenden Zählbogen.

Kartieren |

Der Notizzettel quillt nach einer Runde durch das Zählgebiet, einen Mischwald südlich von Hamburg, über vor beinahe unlesbaren Vogelnamen-Kürzeln. 

Kartieren beschert aber nicht nur schöne Naturerlebnisse. Wenn ich im März zur ersten Zählrunde des Jahres aufbreche, spüre ich immer eine leise Anspannung: Werde ich sie alle wieder hören? Werde ich noch genauso viele Singdrosseln und Zaunkönige zählen wie im vergangenen Jahr? Werden die Wintergoldhähnchen an ihrer gewohnten Stelle singen? Wird der Trauerschnäpper, den ich einmal und nie wieder gehört habe, erneut auftauchen?

Bislang habe ich in der Vogel-Community »meines« Waldes zu meiner Erleichterung nur wenige Veränderungen registriert; die Zahl der Arten (30) wie auch der gezählten Brutreviere (192) ist seit 2018 weitgehend konstant. Aber das muss nicht so bleiben. Sechs Jahre sind, in Monitoring-Maßstäben, schließlich kaum mehr als ein Wimpernschlag.

Wenn ich Nachrichten zum Zustand der Artenvielfalt lese, in Deutschland oder anderswo, dann frage ich mich oft, ob Kartieren langfristig mehr sein kann als das Protokollieren unaufhaltsamer Verluste. Ob die Daten, die Tausende Freiwillige so gewissenhaft sammeln, letztlich nur schwarz auf weiß belegen, dass die Naturvielfalt unseres Planeten allmählich vor die Hunde geht.

Zum Glück ist das nicht so. Jedenfalls nicht, was die Vogelwelt betrifft.

Vor einigen Wochen habe ich den Landschaftsökologen und Ornithologen Jonas Brüggeshemke getroffen, um über ADEBAR2 zu reden, das jüngste Datensammelprojekt des DDA. Der neue Atlas deutscher Brutvogelarten– die erste Auflage erschien 2014 – ist gemessen an Aufwand und Teilnehmerzahl vermutlich hierzulande das umfangreichste Citizen-Science-Projekt des Jahrzehnts. Seit Anfang 2025 sind mehr als 3000 Menschen unterwegs, um bis Ende 2029 auf 4000 Probeflächen möglichst alle dort vorkommenden Vogelarten aufzuspüren und nach einheitlichen Standards zu zählen. Die Flächen sind jeweils 30 bis 32 Quadratkilometer groß und decken somit mehr als ein Drittel der deutschen Landesfläche ab; die dort erhobenen Daten sollen den bislang detailliertesten Überblick zu den mehr als 300 bei uns brütenden Spezies liefern. Und sie werden damit auch Aufschluss darüber geben, wie sich unsere heimischen Naturräume im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert haben.

Ich war vor dem Gespräch mit Brüggeshemke eher auf schlechte Nachrichten gefasst gewesen, habe mich danach aber mehr denn je zum Weiterzählen motiviert gefühlt. Denn die Lage der Vögel in Deutschland ist nicht durchweg düster – das legen zumindest die Ergebnisse der ersten ADEBAR-Kartiersaison nahe. Diese seien, so betont es der DDA-Experte, natürlich noch vorläufig. Sie zeigten jedoch schon jetzt zweierlei: Die Vogelwelt ist mehr denn je in Bewegung. Einerseits gab es noch nie so wenige Spezies mit stabilen Populationen wie heute. Andererseits aber ist die Zahl der Arten, deren Population in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zugenommen hat, höher als je zuvor – höher auch als die mit abnehmender Tendenz.

Es gibt positive Nachrichten zum Vogelbestand

Das allein sei noch kein Grund zum Jubeln, sagt Brüggeshemke. Denn die meisten im Bestand zunehmenden Arten seien Generalisten, die nur geringe Ansprüche an ihre Lebensräume stellen – wie Raben- und Nebelkrähen, Ringeltauben, Singdrosseln und Haussperlinge. Dass gerade letztere im Aufwind sind, dürfte viele Vogelfreunde überraschen, die an der NABU-Zählaktion »Stunde der Gartenvögel« teilgenommen haben: Diese verzeichnete 2026 neun Prozent weniger gemeldete Haussperlinge als im Vorjahr. Die ADEBAR-Zahlen sind jedoch verlässlicher, weil sie nicht nur an einem einzigen Termin und auch nicht nur in Gärten, sondern in der gesamten Landschaft erhoben werden.

Und sie enthalten noch mehr positive Nachrichten. Unter den »Gewinnern« sind nämlich auch Arten, die aufgrund ihrer langen Zugwege – jedes Jahr einmal über die Sahara und zurück – eher zu den Sorgenkindern des Naturschutzes gehören: etwa Nachtigall, Gartenrotschwanz, Wiedehopf, Schilfrohrsänger und – zumindest im Westen Deutschlands – Trauerschnäpper. Einige von ihnen könnten ihren Aufschwung, so erstaunlich das klingt, auch dem Klimawandel verdanken: Höhere Temperaturen begünstigen wärmeliebende Spezies wie die Nachtigall, trockenere Frühjahre Bodenbrüter wie die Heidelerche; längere Sommer ermöglichen Arten, die bislang nur einmal im Jahr Nachwuchs großgezogen haben, eine zweite Brut. Es könnte daher sein, dass ich den Trauerschnäpper in meinem Wald künftig wieder häufiger hören werde.

Überhaupt sind es die Waldvögel, deren Entwicklung besonders anschaulich zeigt, wie sich die Klimaerwärmung auf die Natur auswirkt – positiv wie negativ. So haben die Dürreperioden der vergangenen Jahre nicht nur Nadelbaumforste großflächig absterben lassen, sondern auch Arten zurückgedrängt, die an sie gebunden sind: Tannenmeise, Tannenhäher und Wintergoldhähnchen. Der Umbau klimagestresster Nadelforste zu artenreicheren Mischwäldern kommt den meisten Waldvögeln dagegen eher zugute. Kleiber, Wald- und Gartenbaumläufer, Hohltaube, sieben von sechs heimischen Spechten sowie zahlreiche weitere Singvogelarten sind seit Jahrzehnten im Aufwind – kein Wunder, dass der Frühchor in »meinem« Wald unverändert reich und vielstimmig ist.

Nicht nur die ADEBAR-Zahlen, auch die Ergebnisse langfristiger Monitoringprogramme zeigen in aller Deutlichkeit: Vögel reagieren oft verblüffend schnell und flexibel auf Umweltveränderungen. Was der Waldumbau bewirkt hat, könnte gleichfalls in anderen Lebensräumen gelingen – etwa indem die EU-Renaturierungsverordnung konsequent umgesetzt wird.

Agrarwende lässt auf sich warten

Wie leicht ließe sich, zum Beispiel, ein Birkhuhn- und Bekassinen-Boom auslösen – würden Moore zügig wiedervernässt! Was für einen Aufschwung könnten Rebhuhn, Feldlerche, Braunkehlchen und Bluthänfling erleben, würde die leer geräumte deutsche Agrarlandschaft um wenige Anteile an Brachen und Feldhecken bereichert! Leider zeigen die ADEBAR-Daten zur Entwicklung der meisten Feld- und Wiesenvögel nur allzu deutlich, dass die viel beschworene Agrarwende weiter auf sich warten lässt. Blühstreifen, Lerchenfenster und andere EU-geförderte Umweltmaßnahmen schlagen sich bislang allenfalls punktuell in den Zählungen nieder.

Fundstücke am Wegesrand |

Der Feuersalamander ist eine europäische Amphibienart aus der Familie der Echten Salamander. Da die Schwanzlurche vorwiegend nachtaktiv sind, bekommt man sie nur selten zu Gesicht.

Aber das kann sich ändern. Die Arbeit am großen Vogelatlas hat erst begonnen, und die kommenden Jahre, so hoffen Jonas Brüggeshemke und seine Kollegen, werden noch viele neue Erkenntnisse bringen. Vögel sind stets für Überraschungen gut. Und es gibt selbst unter den mitteleuropäischen Arten immer noch etliche, über deren Entwicklung man wenig bis gar nichts weiß: weil sie nachtaktiv sind, sich in großen Revieren bewegen oder in schwer zugänglichen Lebensräumen wie etwa Schilfzonen zu Hause sind.

Zu diesen rätselhaften Geschöpfen zählt auch der schweigsame, seltene und aufgrund seiner Größe leicht zu übersehende Kleinspecht.

Neulich stand ich wieder am Ufer des Flüsschens, an dem ich ihn – vielleicht – einige Wochen zuvor gehört hatte. Die Luhe, ein Zufluss der Elbe, durchquert eine der Flächen, die ich neuerdings für ADEBAR2 erkunde, neben den regelmäßigen Zählungen in meinem Stammrevier.

Ich hatte mir auf diese Exkursion vorsorglich eine Klangattrappe mitgenommen, eine Tonaufnahme des Kleinspecht-Balzrufs und seines Trommelsignals. Solche Attrappen können helfen, besonders schwer aufzuspürende Vogelarten aus der Reserve zu locken. Man sollte sie natürlich nur zu Forschungszwecken nutzen, nicht für private Beobachtungen, weil sie Vögeln die Anwesenheit möglicher Rivalen vortäuschen und daher unnötig irritieren können.

Einmal hatte ich Ruf und Trommelsignal schon abgespielt, ohne dass eine Antwort zu hören war. Gerade wollte ich die Aufnahme ein zweites Mal starten – da landete er plötzlich an einem Erlenstamm vor mir, keine drei Meter entfernt. Schwarzweiß gemustert, rote Kopfstreifen – ein unverkennbares Mitglied der Familie Picidae. Aber so klein, als hätte sich eine Kohlmeise oder ein Kleiber ein Spechtkostüm übergestreift.

Ein paar Sekunden nur durfte ich ihn betrachten, dann flog er davon, ohne einen Ton von sich zu geben. Ich konnte gerade noch einen Jubelschrei unterdrücken.

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  • Quellen

Brüggeshemke, J. et al., Vögel in Deutschland – ADEBAR 2, 2025

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