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News: Bürgerkrieg im Ameisennest

Wer in die Tiefen eines Ameisennestes vorstoßen will, muss sich schon eine gute Strategie einfallen lassen, um die aufmerksamen Bewohner abzulenken. So löst eine Schlupfwespe chemisch Alarm aus, durch den die Sechsbeiner übereinander herfallen und den Fremdling fast ignorieren. Der von dem Eindringling eingesetzte Duftcocktail könnte sogar für die Schädlingsbekämpfung interessant werden.
Schlupfwespe
Inmitten der vielen kleinen Ameisenlarven fallen die hungrigen Nachkömmlinge des Kreuzenzian-Ameisenbläulings (Maculinea rebeli) gar nicht auf, da sie für die Arbeiterinnen genauso riechen wie deren eigene Schützlinge – und werden dementsprechend einfach mitgefüttert. Den scharfen Sinnen der Schlupfwespe Ichneumon eumerus allerdings entgehen die Schmetterlingssprösslinge nicht, und das ist ihr Verderben.

Denn für die Schlupfwespe sind die Falterlarven die idealen Ammen für den eigenen Nachwuchs: Sie legt ihre Eier in den Körper der Tiere ab. In den nächsten elf Monaten ernähren die unfreiwilligen Wirte ihre Untermieter mit, die schließlich als Imagines aus den Puppen der Schmetterlinge schlüpfen.

Nun sind die tierischen "Aufzuchtbehälter" allerdings gut bewacht im Ameisenstock verborgen und damit für die Schlupfwespe nur schwer erreichbar. Also greift sie zu einem gezielten Ablenkungsmanöver: Mithilfe chemischer Signalstoffe löst sie einen heftigen Kampf der Ameisen untereinander aus. In der allgemeinen Verwirrung nutzt sie dann die Chance zur Eiablage.

Die Bestandteile des Duftcocktail, den sie dafür einsetzt, haben Jeremy Thomas vom Centre of Ecology and Hydrology nun mit einem Gaschromatographen und Massenspektrometrie charakterisiert. Anschließend bauten sie die gefundenen drei Alkohole und drei Aldehyde im Labor nach, bestrichen damit einige künstliche Puppen und setzten sie kleinen Ameisenvölkchen vor die Nase.

Auf vier Substanzen reagierten die Arbeiterinnen prompt. Ein Alkohol lockte die Tiere offenbar heran, das duftende Gebilde genau zu untersuchen. Kaum kamen sie damit jedoch in Berührung, rannten sie in aggressiver Stimmung davon und stürzten sich auf ihre noch ahnungslosen Artgenossinnen. Eines der Aldehyde förderte die anfängliche Beschnupperung, während die beiden verbleibenden Verbindungen die Ameisen abstießen.

Das Gemisch aus allen vier Stoffen schließlich löste die bekannte Verwirrung aus: Die Sechsbeiner attackierten ihresgleichen drei- bis achtmal so häufig wie den eigentlichen Auslöser der ganzen Aufregung – das Duftpröbchen in ihrer Mitte. Dabei erwies sich das Alarmsignal als ausgesprochen langlebig – selbst 50 Tage nach Beträufeln brachten die Substanzen die Versuchsnester noch in Rage. Die Pheromone, mit denen sich Ameisen gegenseitig benachrichtigen, verflüchtigen sich hingegen normalerweise nach nur wenigen Augenblicken.

Keine andere Verbindung ist bekannt, mit der ein einzelnes Insekt bis zu 80 Prozent einer Ameisenkolonie so erfolgreich außer Gefecht setzt. Vielleicht könnten die Stoffe daher auch einen praktischen Nutzen erlangen, indem sie zur Kontrolle von Ameisenplagen eingesetzt werden.

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