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Epidemiologie: Bürgerrechte versus Seuchenbekämpfung

Mit der Einforderung ethischer Standards bei der Seuchenbekämpfung ging am Donnerstag die 17. Epidemiologische Weltkonferenz in Bangkok zu Ende.
XVII IEA World Congress of Epidemiology
Ethische Probleme und Herausforderungen bei der Seuchenbekämpfung sowie der Erforschung von Krankheitsursachen standen am letzten Tag der 17. Epidemiologischen Weltkonferenz in Bangkok im Vordergrund. Die Epidemiologie sei immer mehr auf länderübergreifende, multizentrische Studien angewiesen, sagte der scheidende Vorsitzende der Internationalen Epidemiologischen Gesellschaft IEA, der thailändische Wissenschaftler Chitr Sitthi-amorn am Donnerstag in Bangkok. "Deshalb wird es immer wichtiger, ethische Standards zu setzen und die kulturellen und religiösen Besonderheiten der beteiligten Länder und Gesellschaften in Studiendesigns einzubeziehen."

Chitr Sitthi-amorn | Der scheidende Präsident der Internationalen Epidemiologischen Gesellschaft (IEA), Chitr Sitthi-amorn, läutet sichtlich erleichtert zur Abschlusszeremonie.
Führende Epidemiologie-Ethiker betonten, es sei eine schmale Gratwanderung zwischen dem Schutz der Bürger- und Menschenrechte einerseits und den wissenschaftlichen Forschungsinteressen sowie dem Schutz der Bevölkerung vor Krankheiten andererseits. Experten wie der Kanadier John Last und der Italiener Rodolfo Saracci räumten dem Schutz der Rechte des Einzelnen Priorität ein. Jedoch könne es Situationen geben, in denen Rechte wie das der Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden müssten. Last nannte einen Ausbruch der Vogelgrippe als Beispiel. "Wenn die gesundheitliche Sicherheit der gesamten Bevölkerung in Gefahr ist, müssen individuelle Bürgerrechte zurückstehen."

"Unmoralisch und unethisch"

Bedroht sieht Last die Freiheit der Wissenschaft durch Antiterrormaßnahmen. Der Wissenschaftler befürchtet, dass "mächtige Länder wie die USA" in ihrem "strategischen Interesse" die Veröffentlichung wissenschaftlicher Informationen, insbesondere aus der Mikrobiologie, verhindern. "Das ist unmoralisch und unethisch."

"Individuelle Bürgerrechte müssen zurückstehen, wenn die Gesundheit der Bevölkerung in Gefahr ist"
(John Last)
Rodolfo Saracci forderte den Schutz von genetischen Proben wie Blut und DNA vor Missbrauch. Es müsse durch ethische Prinzipien und schärfere gesetzliche Regelungen sichergestellt werden, dass Teilnehmer von klinischen Studien genau über den Verwendungszweck der genetischen Proben aufgeklärt werden und auf dieser Basis ihr Einverständnis erklären. Zudem müsse absolut garantiert werden, dass archivierte Proben nicht für neue, vielleicht zum Zeitpunkt der Entnahme wissenschaftlich und technisch noch gar nicht mögliche Untersuchungen, verwendet werden. "Die Eigentumsrechte an den Proben liegen bei dem Individuen", betonte der Epidemiologe.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Über 700 Epidemiologen aus aller Welt hatten seit Sonntag über akute gesundheitliche Bedrohungen wie Vogelgrippe, Aids, Fettsucht oder Krebs diskutiert sowie Strategien zur Früherkennung und Prävention von Krankheiten beraten. Das nächste Welttreffen der Epidemiologen soll 2008 im brasilianischen Porto Alegre stattfinden.

"Es wird immer wichtiger, ethische Standards zu setzen"
(Chitr Sitthi-amorn)
Ein bescheidenes Echo fand die Nachricht, das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche habe der Weltgesundheitsorganisation WHO drei Millionen Einheiten Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) als das derzeitig einzige Mittel gegen eine Infektion mit dem Vogelgrippevirus gespendet. Im Falle einer Pandemie seien Hunderte Millionen von Menschen gefährdet, meinte Chitr Sitthi-amorn. Angesichts dessen seien drei Millionen Einheiten ein Tropfen auf den heißen Stein. Es wäre am Besten, so der Epidemiologe, wenn durch Forschung Maßnahmen entwickelt werden könnten um eine weltweite Epidemie mit dem Vogelgrippevirus zu verhindern. "Dann brauchen wir keine Medikamente."

Um für den Ernstfall aber gerüstet zu sein plädierte Sitthi-amorn für die Herstellung von preiswerten Kopien, so genannten Generika. "Wir müssen über die Zwangslizensierung zur Herstellung des Medikaments nachdenken", betonte Sitthi-amorn im Gespräch mit spektrumdirekt. Die Produktion könnte in Thailand oder Indien erfolgen. Die derzeit vorhandenen Mengen des Medikaments würden nicht ausreichen; zudem sei das Mittel für die Entwicklungsländer zu teuer.

Stipendien für junge Epidemiologen

Sowohl Thailand als auch Indien als Hersteller generischer Aids-Medikamente verfügen inzwischen über das politische und juristische Know-how, um sich im Dickicht internationaler Handelsabkommen und gegen mächtige Pharmakonzerne durchzusetzen. Die WHO in Genf begrüßte die Spende von Roche. Das versetze die Organisation in die Lage, Menschen in Ausbruchsgebieten der Seuche schnell zu helfen. "Wenn eine Grippe-Pandemie auszubrechen droht, können wir das Mittel schnell in das Zentrum der potenziellen Pandemie fliegen", sagte WHO-Generaldirektor Lee Long-wook in Genf.

Mit der Bekanntgabe von Porto Alegre in Brasilien als dem Tagungsort der 18. Epidemiologischen Weltkonferenz im Jahr 2008 ging der Kongress in Bangkok nach fünf Tagen am Donnerstag zu Ende. Die Organisatoren der Konferenz in Brasilien kündigten an, noch mehr Wissenschaftlern aus den Entwicklungsländern die Teilnahme an der Konferenz zu ermöglichen. In Bangkok kamen bereits mehr als die Hälfte der gut 700 Konferenzteilnehmer aus diesen Ländern. Einen besonderen Akzent wollen die Brasilianer auf die Nachwuchsförderung legen, wie eine Sprecherin der Konferenz ankündigte: "Wir werden Stipendien für einhundert junge Epidemiologen aus Entwicklungsländern ausschreiben."

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