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News: Bunte Träume

Die tränenreiche Abschiedsszene des romantischen Fernsehabends oder das grässliche Horrormonster aus dem Kino verfolgen Sie bis in den Schlaf - grau in grau oder schillernd wie ein Regenbogen?
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Drei Päckchen Taschentücher sind mindestens nötig, wenn Scarlett O'Hara erkennen muss, dass sie alles verloren hat – durch ihre eigene Schuld. Der Sonnenuntergang lodert über Tara, dramatische Musik lässt selbst das rationalste Gemüt dahinschmelzen, und das Bild der verzweifelten Vivien Leigh gräbt sich tief ein in das mitfühlende Herz. So tief, dass es manche Zuschauer sogar noch in den Träumen heimsuchen wird – selbstverständlich in denselben stimmungsvollen Rottönen. Oder nicht?

Und wie steht es mit Frankensteins Monster? Wird sich der gruselige Quadratschädel nächtens in schwarz-weiß durch Ihre Träume schleichen? Oder verleihen wir ihm dann eine etwas gesundere Gesichtsfarbe? Die Antwort darauf fällt schon etwas schwerer und zeigt zugleich, wie sehr sich Erlebtes und Erfahrungen darin widerspiegeln, mit welchen Farben wir Träume verknüpfen.

Für Aristoteles stellte sich die Frage gar nicht. Seine Welt war bunt, und dasselbe nahm er auch für Träume an. Auch Descartes ging noch davon aus, dass die nächtlichen Phantasien voller Farbe sind. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts finden sich keine Hinweise in der wissenschaftlichen Literatur – sei es von Sigmund Freud, Mary Whiton Calkins oder weiteren Kollegen –, dass Farben in Träumen fehlten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch wandelt sich das Bild: Werden Menschen zu ihren Träumen befragt, beschreiben sie diese zunehmend als grau in grau, nur noch selten nennen sie bunte Szenen. Was war geschehen? Zu jener Zeit eroberten Schwarz-Weiß-Aufnahmen und -Filme die alltägliche Welt, stellt Eric Schwitzgebel von der University of California in Riverside fest. Erst in den fünfziger Jahren wurden Farbfilme und erst Ende der sechziger Jahre Farbfernseher gängig – und seitdem wurden auch prompt Träume in den Erinnerungen wieder bunter, vor allem wenn freiwillige Testpersonen gerade in einer Traumphase geweckt wurden.

Schwitzgebel jedoch bezweifelt, dass sich wirklich der Farbgehalt der Träume änderte. Die Welt um uns herum, die uns weit mehr beeinflusst als ein gemütlicher Fernsehabend mit einem alten Schwarz-Weiß-Schinken, ist nun einmal voller Farbe – es wäre daher seiner Ansicht recht unwahrscheinlich, wenn dieser kleine Ausschnitt des Alltags so tiefgreifende Folgen hätte. Er vermutet daher vielmehr, dass sich die Art und Weise wandelte, Träume anschließend in Worte zu fassen.

Der Wissenschaftler geht sogar noch einen Schritt weiter und erklärt, dass unsere Träume – in dem Moment, in dem wir sie erleben – weder farbig noch grau in grau sind. Die Colorierung erhalten sie seiner Ansicht nach erst, wenn sie erzählt werden. Das lässt sich vergleichen mit einer beliebigen Szene in einer Geschichte, die wir uns beim Lesen vorstellen: Auch hier ist nicht jedes Detail ausgefärbt, ohne dass wir aber genau sagen könnten, ob es stattdessen grau ist – wir ordnen dem Objekt schlicht gar keine Färbung zu. Und das bedeutet: Eigentlich wissen wir über die Natur unserer Träume viel weniger, als wir glauben.

Der Einfluss der Medien auf unsere Träume könnte im 21. Jahrhundert eine neue interessante Variante einführen: haptische Empfindungen, wie Berührungen oder Gerüche. Bisher spüren Menschen in Träumen den Boden unter den Füßen genauso wenig wie den festen Druck einer Umarmung. Da unsere Medienwelt uns zunehmend auch solche Erfahrungen beschert, könnte sich diese vielleicht auch in unsere Träume einschleichen – und dann sehen wir Vivian Leigh vielleicht nicht nur im feurigen Sonnenuntergang, sondern spüren auch das Gras zu ihren Füßen und hören das Abendkonzert der Vögel. Ob wir dann angesichts eines derart intensiven Erlebnisses nachts drei weitere Päckchen Taschentücher brauchen?

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