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Cannabis im Sport: Kann denn Kiffen Doping sein?

Wer sich einen Joint genehmigt und auffliegt, wird nach den Regeln der Anti-Doping-Agentur gesperrt. Die Argumente dafür könnten sich bei näherer Betrachtung in Rauch auflösen.
Sha'Carri Richardson bei der Olympia-Qualifikation am 19. Juni 2021

Ein Joint hat die Olympiahoffnungen der amerikanischen Star-Sprinterin Sha'Carri Richardson zunichtegemacht: Nachdem ein Dopingtest auf Cannabis positiv ausgefallen ist, wurde sie Ende Juni für einen Monat gesperrt. Im Anschluss verzichtete der US-Leichtathletikverband darauf, die 21-Jährige für die Sommerspiele in Tokyo zu nominieren. Das wirft für viele Sportfans die Frage nach der Angemessenheit auf. Sollte man Athleten den Konsum von Cannabis verbieten? Ist Marihuana überhaupt Doping?

Nach eigenen Angaben wollte Richardson mit dem Marihuana nicht ihre Leistung steigern, sondern über den Tod eines Elternteils hinwegkommen. Die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) wiederum erklärte, sich an die Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) gehalten zu haben. Die WADA stuft Marihuana und andere Cannabinoide, einschließlich ihrer synthetischen Pendants, als verbotene Substanzen ein. Nicht erlaubt im Wettkampf sind alle Substanzen, die zwei von drei Kriterien erfüllen: die ein Gesundheitsrisiko für Athleten darstellen, potenziell leistungssteigernd sind oder dem »Geist des Sports« zuwiderlaufen.

Richardson habe aus nachvollziehbaren Gründen gehandelt und noch dazu etwas vollkommen Legales getan – zumindest in dem Bundesstaat, in dem sie sich aufhielt, sagt Angela Bryan. Ihr deswegen die Teilnahme zu verweigern, »erscheint mir einfach absolut lächerlich«. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin von der University of Colorado Boulder empfiehlt der WADA dringend, einen Blick auf aktuellere Forschungsergebnisse zu werfen und ihre Haltung zum Cannabiskonsum neu zu bewerten.

Verbessert Gras die sportliche Leistung?

Wissenschaftliche Belege für eine leistungssteigernde Wirkung von Marihuana sind dünn. Die Position der WADA stützt sich im Wesentlichen auf einen Übersichtsartikel aus dem Jahr 2011. Darin hielten zwei Mitglieder der Agentur und eine Toxikologin des U.S. National Institute on Drug Abuse fest: Ausgehend von den seinerzeit verfügbaren Studien an Mensch und Tier könne »Cannabis für einige Athleten und Sportdisziplinen leistungssteigernd sein«.

Es ist ein Urteil, über das sich Margaret Haney wundert. Die Neurobiologin, die die Auswirkungen von Cannabis am Irving Medical Center der Columbia University studiert, hält die Daten, die das Autorenteam zur Unterstützung seines Fazits verwendet, für nicht sonderlich überzeugend. Wenn überhaupt, würden sie das Gegenteil nahelegen. Beispielsweise werde eine Studie mit Radfahrern angeführt, der zufolge die Ausdauer nach dem Konsum von Gras leicht reduziert war.

Zudem ist die Forschung seitdem nicht stehen geblieben. Nach 2011 erschienen mehrere Übersichtsarbeiten, in denen Forscherinnen und Forscher die verfügbare Literatur zu diesem Thema auswerteten. Viele dir Studien – inklusiver einer, die vom derzeitigen medizinischen Direktor der WADA mitverfasst wurde – kamen zum selben Schluss: Es gibt keine überzeugenden Beweise dafür, dass Cannabis Sporttreibende in ihrem Sport besser machen kann.

Eher leistungsmindernd als -steigernd

»Der Konsens in Ermangelung eindeutiger Informationen scheint mir zu sein, dass Cannabis eher als leistungsmindernd denn als leistungssteigernd zu betrachten ist«, sagt David McDuff, ein Sportpsychiater von der University of Maryland, der auch Mitglied der Arbeitsgruppe für psychische Gesundheit des Internationalen Olympischen Komitees ist. »Einige Studien deuten darauf hin, dass Marihuana die motorische Koordination oder geistige Wachheit beeinflusst, was für viele Sportarten ungünstig ist. Aber selbst da gibt es nur wenige direkte Beweise.«

Hinzu komme, erklärt Whitney Ogle, Bewegungswissenschaftlerin an der Humboldt State University im kalifornischen Arcata, dass einige der vorteilhaften Wirkungen, die das Paper von 2011 identifizierte, eher mit Cannabidiol in Verbindung gebracht werden, die reduzierte Angst und der bessere Schlaf beispielsweise. Cannabidiol aber, das aus Hanf gewonnen wird, hat die WADA bereits 2018 von ihrer Verbotsliste gestrichen.

70 Prozent der Befragten kiffte vor dem Training, ergab eine Umfrage in den USA

Angeblich rauchen viele Sportler vor dem Training einen Joint – rund 70 Prozent waren es in einer Onlineumfrage, die Angela Bryan mit ihren Kollegen vor ein paar Jahren durchführte. 600 Personen aus US-Bundesstaaten, in denen Cannabis legal ist, machten dabei Angaben. Offen blieb aber, welchen Effekt das Kiffen auf ihre Leistung hatte. Andere Onlineumfragen, die Whitney Ogle durchführte, verraten mehr über die Beweggründe der Sportler. Viele gaben an, Cannabis helfe ihnen, motiviert zu bleiben und sich besser zu fühlen. Einige empfanden sich nach dem Konsum auch als leistungsfähiger, doch ob dem wirklich so war oder ob sie es nur so wahrnahmen, das sei unklar, sagt die Forscherin.

Gängige Produkte haben heute viel mehr THC als früher

Auch gilt es laut Ogle bei fast allen diesen Studien ein großes Fragezeichen zu beachten: Früher waren die THC-Gehalte gängiger Sorten viel niedriger als in den Produkten, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind. Statt den heute üblichen 30 Prozent THC oder mehr enthielten sie eher nur fünf Prozent. Darum sei es schwer, die Ergebnisse der Studien mit den alten Produkten auf die Situation heute zu übertragen.

Aber selbst wenn Marihuana eindeutig nicht leistungssteigernd wäre, kann die WADA das Verbot damit begründen, dass es eine Gefahr für die Gesundheit und Sicherheit der Athleten darstellt und dass es gegen den »Geist des Sports« verstößt. »Man muss gar nicht die Leistungssteigerung heranziehen, um die geforderten zwei der drei Kriterien zu erfüllen«, sagt McDuff. Hinter dem Begriff des Sportsgeists verbirgt sich eine lange Liste von Werten, die von den Wettkämpfenden eingehalten werden sollten – Ehrlichkeit, Hingabe und Respekt für Regeln und Gesetze. Ein Verstoß dagegen lasse sich schon allein dadurch begründen, dass der Cannabiskonsum in den meisten Ländern, die an internationalen Sportveranstaltungen teilnehmen, verboten ist, sagt McDuff. Bleibt noch das erhöhte Gesundheitsrisiko, und dafür seien die Belege ziemlich eindeutig, vor allem bei regelmäßigem täglichem Konsum. Sein Fazit: Man solle auf Nummer sicher gehen und Marihuana so lange auf der Liste belassen, »bis sich glasklar herausstellt, dass es nicht draufgehört«.

Die Gesundheitsrisiken würden in vielerlei Form und Gestalt auftreten, sagt der Experte aus Mayrland. Er zählt ein erhöhtes Unfallrisiko dazu, das sich zum Beispiel aus Hinweisen auf eine eingeschränkte Fahreignung ergibt, außerdem Psychosen bei bestimmten Personengruppen, die für diese Störung und für Cannabisabhängigkeit prädisponiert sind. Einige Studien deuten darauf hin, dass etwa neun Prozent der Konsumenten süchtig werden, wobei Menschen, die in jungen Jahren mit dem Konsum der Droge beginnen, das größte Risiko tragen.

Das stimme zwar alles, trotzdem werde hier mit zweierlei Maß gemessen, sagen andere Fachleute wie etwa Angela Bryan: Alkohol habe mindestens ähnliche, wenn nicht gar schlimmere Auswirkungen, stehe aber nicht auf der Verbotsliste der WADA. Bryan stellt Cannabis in eine Reihe mit anderen Drogen wie Alkohol, Koffein oder Nikotin. »Es sollte reguliert werden, aber ich denke nicht, dass es verboten werden sollte.«

Cannabis hat vielerorts die Schmuddelecke verlassen

Die Einstellung zu Marihuana hat sich in den letzten Jahren drastisch gewandelt. So wurde die Droge in einigen Staaten der USA und auch in Kanada größtenteils legalisiert. In vielen anderen Ländern gibt es ähnliche Erwägungen, THC zumindest für den medizinischen Gebrauch frei zu geben.

Die veränderte Einstellung schlägt sich auch im Profisport nieder. Zum Beispiel erlaubt die Ultimate Fighting Championship (UFC), die den Regeln der USADA, aber nicht denen der WADA folgt, die Verwendung von Cannabis, es sei denn, ein Athlet beabsichtigt, es zur Leistungssteigerung zu verwenden. Nach diesen Regeln hätte ein Fall wie der von Richardson, in dem die Substanz zur Trauerbewältigung eingesetzt wurde, nicht zu einer Sperre geführt, sagt Matthew Fedoruk, Chief Science Officer der USADA.

Die UFC verlässt sich überdies nicht nur auf einen Urintest, wie jetzt die USADA im Fall von Richardson. Stattdessen verlangt sie, dass sich die Droge beispielsweise auf das Verhaltens des Kämpfers beim Wettbewerb auswirkt. Urintests seien ohnehin bei THC wenig aussagekräftig, was den Gebrauch am Wettkampftag angeht, erklärt Fedoruk. Aus all diesen Gründen habe die USADA der WADA bereits nahegelegt, ihre Regeln zum Umgang mit Marihuana zu überdenken, und werde das auch weiterhin tun.

Doch die sieht keinen Anlass, von ihrem üblichen Prozedere abzuweichen. Die Liste der verbotenen Substanzen werde alljährlich überprüft und die Meinung von Fachleuten aus Wissenschaft, Medizin, von Anti-Doping-Experten und von Interessenvertretern weltweit dazu eingeholt, erläutert James Fitzgerald, leitender Mitarbeiter der WADA-Kommunikationsabteilung. So stelle man sicher, dass die Entscheidung die aktuellen medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Dopingpraxis widerspiegle. Die Entscheidung, eine Substanz zu streichen, »basiert nicht auf einer einzelnen Forschungsarbeit oder einer einzelnen Studie«, sagt er.

Mehr als nur Einzelergebnisse werden sich aber kaum finden lassen, sagt Ogle. Und weil Cannabis in so vielen Ländern verboten ist, werde sich daran auch alsbald nicht viel ändern. Selbst in den USA, wo es in vielen Staaten problemlos erhältlich und erlaubt ist, gilt es als so genannte Schedule-I-Droge, das heißt, als Substanz ohne anerkannten medizinischen Nutzen und mit hohem Missbrauchspotenzial. »Wir brauchen mehr Forschung«, sagt Ogle, »und die bekommen wir nur, wenn wir Cannabis aus der Schedule-I-Kategorie streichen.«

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