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China: Eiserne Faust im grünen Handschuh

Während China sich darauf vorbereitet, sein brandneues Nationalparksystem zu präsentieren, hält man im Land und auf der ganzen Welt gespannt den Atem an und wartet ab, wie sich der Naturschutz unter dem autoritären Regime entwickeln wird.
Zwei Große Pandas auf einer LichtungLaden...

Der Markt ist voller Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ein Dutzend Männer und Frauen mit sonnengebräunten, von feinen Linien durchzogenen Gesichtern sitzen über Weidenkörbe gebeugt, die bis zum Rand mit diversen Köstlichkeiten gefüllt sind: wolkenweiße Erdbeeren, leuchtend orangefarbene Mispeln, die wie flaumlose Pfirsiche aussehen, getrocknete Würste, die die Einheimischen làròu nennen, und Wildpilze, die eher an Baumrinde erinnern. Ganz in der Nähe regelt ein Polizist den Verkehr, der sich gerade in das kleine Dorf drängelt – etwas völlig Neues, das ich in all dem Durcheinander hier in China wohl zu schätzen weiß.

Das Seltsamste aber sind zweifellos die digitalen QR-Codes, die die Markthändler neben ihren Waren aufgestellt haben. Wir befinden uns mehr als 300 Kilometer von der Metropole Chengdu und ihren zehn Millionen Einwohnern entfernt in einem Dorf mit eingeschränkter Stromversorgung und sollen mit unseren Smartphones bezahlen. Es kommt mir vor, als würde ich mit meinem einen Fuß in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Zukunft stehen. Während ich mich noch über diesen Anachronismus wundere, reicht mir eine Frau einen fingerhutgroßen, mit roten Blüten verzierten Becher, der eine sonnengelbe Flüssigkeit enthält. Es ist Honigwein. Seine Hauptzutat stammt aus den mehr als 500 in der grünen Berglandschaft verborgenen Bienenstöcken.

Das hier ist Guanba – das Tal der Pandas. Nur elf Familien wohnen in dem kleinen Örtchen im Norden der westchinesischen Provinz Sichuan, in dessen Umgebung sich weitere verstreut gelegene Dörfer und Gemeinden ethnischer Gruppen befinden. Die Menschen teilen sich die üppige Vegetation mit Goldstumpfnasen (einer asiatischen Primatenart), Schopfhirschen, Goldfasanen, Takinen (riesigen, bisonartigen Ziegen) und bemerkenswerterweise sechs oder sieben wilden Pandabären. Weitere dutzend Große Pandas leben in den nahegelegenen Bambuswäldern. Ihnen und anderen Wildtieren dient das Tal als lebenswichtiger Korridor, der die einzelnen Naturreservate des Min-Shan-Gebirges, eines Teils der Hengduan-Gebirgskette, miteinander verbindet.

Notbremse stoppt Kahlschlag und Wilderei

Doch das war nicht immer so. Jahrzehntelanger Holzeinschlag hatte die biologische Vielfalt des Tals stark beeinträchtigt, und nach einer Serie verheerender Überschwemmungen erließ die chinesische Regierung im Jahr 1998 schließlich ein Abholzungsverbot auf mehr als 68 Millionen Hektar staatlicher Waldfläche. Wegen des daraus resultierenden Einkommensverlustes hatte die Region um Guanba in den folgenden zehn Jahren beträchtlich zu kämpfen. 2009 schaltete sich schließlich das gemeinnützige Shanshui Conservation Center ein. Die chinesische Umweltschutzorganisation, deren Name sich wortwörtlich mit »Berg-Wasser« übersetzen lässt, half den Bewohnern von Guanba, eine staatlich geförderte Imkergenossenschaft wieder zum Leben zu erwecken und unterstützte die Gründung einer von der Forstbehörde der Provinz Sichuan finanzierten Patrouille, die das Tal auf Wilderer und illegale Abholzung überwachen sollte. Das etwa 65 Quadratkilometer umfassende Gebiet wurde im Jahr 2015 von der Provinz offiziell als ein so genanntes »community nature reserve« ausgewiesen.

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Kirschenverkauf via QR-Code | Besucher können den Bewohnern von Guanba bei einer Veranstaltung des Ant Financial’s Forest Program Kirschen abkaufen.

Bald wird Guanba allerdings innerhalb der Grenzen von Chinas neuem Riesenpanda-Nationalpark liegen, einem Schutzgebiet, das nach seiner endgültigen Ausweisung im Jahr 2020 dreimal so groß wie der US-amerikanische Yellowstone-Nationalpark sein wird. Als die Pläne zur Errichtung des Parks im April 2017 bekannt gegeben wurden, berichtete die in englischer Sprache erscheinende staatliche Tageszeitung »China Daily«, dass die rund 170 000 im künftigen Panda-Schutzgebiet lebenden Menschen umgesiedelt werden sollten. Guanba und seine Erfolge zeigen jedoch ein Alternativmodell auf, in dem der Naturschutz unter Einbindung der lokalen Bevölkerung funktioniert.

Heute schlendern die 27 Patrouillenmitglieder über den Dorfplatz von Guanba und lassen sich zusammen mit den Besuchern des Orts fotografieren. Mehr als 100 Menschen haben sich in einem winzigen Pavillon versammelt. An seiner Seite fließt ein sprudelnder Bach, in dem sich nach jahrelanger Überfischung endlich wieder Welse – die so genannten shipazi – tummeln. Eine von der Firma Ant Financial gesponserte Medienveranstaltung hat die zahlreichen Besucher nach Guanba gelockt. Das Unternehmen betreibt unter anderem den in China marktführenden Onlinebezahldienst AliPay, von dem auch die Idee mit den QR-Codes stammt.

Naturschutz muss wirtschaftlich werden

Im Rahmen eines so genannten Waldprogramms bemüht sich Ant Financial gerade darum, Spendengelder für Guanba aufzubringen. Außerdem sucht die Firma nach Möglichkeiten, mit deren Hilfe die Ortsansässigen ihre Produkte wie etwa den Honigwein leichter vermarkten können. Dies soll dem Dorf dazu verhelfen, wirtschaftlich unabhängig zu werden und nicht mehr auf finanzielle Unterstützung durch Nichtregierungsorganisationen angewiesen zu sein. Wenn die Menschen durch den Verkauf von fēngmì, ihres selbst geernteten Honigs, über ein stabiles Einkommen verfügen, werden sie nicht mehr auf die Jagd gehen, Bäume fällen, Kräuter sammeln oder Nutztiere halten, die ihre Wasserquellen verunreinigen und die Pandas vertreiben – so zumindest lautet die Hoffnung, die hinter diesem Vorhaben steht.

Weniger als 2000 Riesenpandas leben heute noch in freier Wildbahn. Als Folge jahrzehntelanger Habitatverschlechterung und Überjagung in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets haben sich die meisten der verbliebenen Pandabären hierher ins Min-Shan-Gebirge und in das Quinling-Gebirge der benachbarten Provinz Shaanxi zurückgezogen. 2016 stufte die Weltnaturschutzorganisation (International Union for Conservation of Nature, IUCN) den Großen Panda, der bis dahin als stark gefährdet galt, in die Kategorie »gefährdet« ein.

Bewohner von GuanbaLaden...
Bewohner von Guanba | Die Gemeinde im Min Shan beherbergt nur elf Haushalte. Die jüngere Generation ist in größere Städte abgewandert, um Arbeit zu finden.

Doch obwohl die natürliche Waldbedeckung in China dank eines erweiterten landesweiten Verbots der kommerziellen Holzgewinnung in staatlichen Forsten, das 2016 in Kraft trat, wieder ansteigt, bedrohen weidende Nutztiere nach wie vor die Zukunft der Pandas. Von diesem Problem sind auch die unter Naturschutz stehenden Gebiete nicht ausgenommen. In dem nicht weit von Guanba entfernt gelegenen Wanglang-Naturreservat hat beispielsweise ein dramatischer Anstieg des Beweidungsdrucks über einen Zeitraum von 15 Jahren dazu geführt, dass ein Drittel der dortigen Lebensräume des Großen Pandas stark beeinträchtigt wurde, wie Wissenschaftler der Duke University in Durham, North Carolina, in ihren Untersuchungen herausfanden.

»Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das Nutztierproblem innerhalb der Schutzgebiete von ebenso großer Bedeutung ist wie außerhalb dieser Zonen«(Ron Swaisgood)

Die Bären meiden Gebiete, die von Nutztieren beweidet werden, und »das bereitet uns Sorgen«, erklärt Ron Swaisgood, Leiter der Abteilung Recovery Ecology am San Diego Zoo Institute for Conservation Research. »Ich bin zwar zuversichtlich, dass man sich im Rahmen des Riesenpanda-Nationalparks mit diesem Thema auseinandersetzen wird; trotzdem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass das Nutztierproblem innerhalb der Schutzgebiete von ebenso großer Bedeutung ist wie außerhalb dieser Zonen.« Bislang steht noch nicht fest, bis zu welchem Ausmaß die Beweidung im neuen Nationalpark gestattet werden soll.

Guanba ist nur ein Beispiel für die derzeitige Entwicklung des Naturschutzes in China – einem Land, das im Hinblick auf seine ökologischen Herausforderungen und Möglichkeiten mit kaum einem anderen auf der Welt vergleichbar ist. Was die menschliche Bevölkerungsstärke angeht, ist China nach wie vor unübertroffen. Gleichzeitig können mit einem autoritären Regierungssystem politische Kursänderungen rasch erfolgen, ohne jahrelang in diversen Regierungsgremien zu verhandeln – was sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringt.

Diktatur macht Feinstaub-Stopp möglich

Als Folge hat das Reich der Mitte in den letzten Jahren viele ökologische Gewinne innerhalb seiner Landesgrenzen erzielt. Nachdem die chinesische Regierung Millionen Haushalte und Unternehmen dazu gezwungen hatte, ab 2016 bei der Energieversorgung von Kohle auf Erdgas umzusteigen, haben sich die Konzentrationen von gesundheitsschädlichen Feinstaubpartikeln mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (PM2,5) in der Hauptstadt Peking um 54 Prozent verringert – der Smognebel lichtet sich endlich.

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Das Hengduan-Gebirge | Die extremen Höhenunterschiede in Sichuans Hengduan-Gebirge tragen zu seiner enormen ökologischen Vielfalt bei. Es ist das einzige Gebirge der Welt, in dem sowohl Schneeleoparden als auch Große Pandas leben.

Im Januar 2018 stoppte China den Import und das Recycling von mehreren Millionen Tonnen Plastikmüll aus dem Westen und reduzierte dadurch seinen Energieaufwand und die damit verbundene Umweltbelastung. Und im Gegensatz zu Präsident Trumps Versprechen, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, hat China sich dazu verpflichtet, seine Energiegewinnung aus nichtfossilen Quellen so weit voranzutreiben, dass sie bis zum Jahr 2030 etwa 20 Prozent der chinesischen Energielandschaft ausmachen wird (obwohl die Kohlendioxidemissionen des Landes zurzeit weiterhin steigen).

Während also die USA ihren Rückzug aus dem Pariser Klimaschutzabkommen im Jahr 2020 planen, möchte China eine weltweite Führungsrolle bei der Eindämmung das Klimawandels übernehmen und als Architekt einer »ökologischen Zivilisation« angesehen werden, von der zukünftige Generationen profitieren werden. Ein verstärkter Umweltschutz soll sich aber nicht nur auf die Eindämmung der Schadstoffbelastung beschränken. Die chinesische Nationalregierung und lokale Verwaltungen richten gerade ihr besonderes Augenmerk auf die Ausweisung geschützter Gebiete, indem sie beispielsweise den Grundstein für das erste landesweite Nationalparksystem in China gelegt haben. Der Riesenpanda-Nationalpark soll sein Kronjuwel darstellen.

China will beim Klimaschutz weltweit führen

Dennoch kann sich China einen intensiveren Schutz seiner landeseigenen Flächen hauptsächlich deshalb erlauben, weil es die ökologische Last seiner Rohstoffindustrie an den Rest der Welt exportiert. In dieser Hinsicht hat das Land ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die so genannte Belt and Road Initiative, ein massiver Vorstoß Chinas zum Ausbau der Infrastruktur in Asien, Afrika und Europa, soll voraussichtlich 65 Nationen umfassen und aus mehr als 7000 Projekten bestehen. Kritische Stimmen, die sich innerhalb des Landes zu dem Vorhaben äußerten, brachte die Zensur durch die Kommunistische Partei Chinas umgehend zum Schweigen.

»Es existiert eine große Kluft zwischen der Art und Weise, in der China im eigenen Land agiert – einer Mischung aus Gutem und Schlechtem – und den Strategien, die es außerhalb seiner Grenzen verfolgt«, betont William Laurance, Direktor des Centre for Tropical Environmental Sustainability Science an der James Cook University in Australien. Belt and Road sei »beispiellos, was das Ausmaß seiner Wirkung angeht«, ergänzt der Wissenschaftler.

Mit Hilfe dieser Initiative sollen weltweit neue Straßen, Eisenbahnlinien und Häfen geschaffen und Projekte in den Bereichen Bergbau, Holzgewinnung und Öl- und Gasförderung auf drei Kontinenten verwirklicht werden. Zudem drängt die chinesische Regierung auf den Bau einer etwa 5300 Kilometer langen Eisenbahntrasse quer durch Südamerika, die Rio de Janeiro mit dem südlichen Peru verbindet. Ein solcher Schachzug würde China den Import von Soja, Nutzholz und Mineralien zu günstigeren Preisen ermöglichen. »China praktiziert bereits seit Längerem dieses Konzept, das seinen in Übersee tätigen Unternehmen ein außerordentliches Maß an Freiheit gewährt«, bemerkt Laurance.

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Das Tal bei Guanba | Durch das Min-Shan-Gebirge fließt ein Fluss, daneben verläuft ein alter, verwucherter Weg. Inzwischen ist das Holzfällen zwar verboten, es habe aber bereits großen Schaden angerichtet, sagen die Einheimischen.

»Greenwashing« statt echter Maßnahmen

Gleichwohl seien alle Maßnahmen, die der chinesische Staatspräsident Xi Jinping verkündet hat, um das Belt and Road Projekt umweltfreundlicher zu gestalten, lediglich »Greenwashing« gewesen, stellt der australische Forscher fest. »Ich habe noch nicht bemerkt, dass vieles davon wirklich in die Tat umgesetzt wurde.« Mit anderen Worten: China kann es sich heute zwar leisten, seine eigenen Ökosysteme ohne wirtschaftliche Verluste zu schützen – aber nur solange es gleichzeitig die tropischen Regelwälder im Amazonasgebiet und in Südostasien zerstört.

Trotz einer mit eiserner Faust regierenden Staatsführung gibt es in einem Land mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern zahlreiche Hindernisse zu überwinden. Wie können genügend Landflächen stillgelegt werden, um mehrere hundert bedrohte Arten – vom China-Alligator über den Hainan-Schopfgibbon bis zur Fischkatze – zu schützen, ohne die Millionen der dort lebenden Menschen zu vertreiben? Werden Projekte vielleicht zu schnell durchgesetzt, ohne dass man ihre Auswirkungen hinreichend untersucht hat? Und zu guter Letzt: Kann Naturschutz unter einem autoritären Regime überhaupt jemals funktionieren?

Seit den 1950er Jahren existiert in China ein Programm zur Errichtung von Naturreservaten, dem die Regierung allerdings bis 1998 keinerlei besondere Bedeutung eingeräumt hatte. In jenem Jahr wurden jedoch fünf Millionen Haushalte innerhalb des 1,8 Millionen Quadratkilometer großen Jangtsebeckens durch katastrophale Überschwemmungen zerstört. Nach dem Rückgang des Hochwassers machten von der Regierung beauftragte Wissenschaftler die starke Bodenerosion für die Katastrophe verantwortlich. Die Erosion wiederum war auf den intensiven Holzeinschlag zurückzuführen, der die Waldbedeckung im Jangtsebecken um die Hälfte reduziert hatte. Aus diesem Grund erließ die chinesische Regierung damals das ursprüngliche Abholzungsverbot, das sich auf die staatseigenen Wälder in der Umgebung der Flüsse Jangtse und Huang He bezog (heutzutage ist China allerdings der größte Importeur von Hölzern, die aus illegalem Einschlag in anderen Ländern stammen).

Staatliche Investitionen in Naturschutz steigen langsam

In einem klimatisierten Konferenzraum im achten Stock eines gläsernen Wolkenkratzers in Chengdu, der sich fast genau in der Mitte des oberen Jangtsebeckens befindet, erzählt mir Zeyin Jiang, Manager des hiesigen Schutzgebietprogramms der gemeinnützigen Naturschutzorganisation Conservation International, dass es in den zwei Jahrzehnten nach dem Hochwasser verstärkte Bemühungen zur Schaffung neuer Schutzgebiete auf lokaler und nationaler Ebene gegeben habe. »Die staatlichen Investitionen in den Naturschutz sind seither langsam gestiegen«, berichtet Jiang, ein Mittvierziger mit rahmenloser Brille. Mittlerweile besitzt China mehr als 2700 Naturreservate, die ein Gebiet von etwa 15 Prozent der gesamten Landfläche umfassen; 67 von ihnen sind dem Schutz des Pandabären gewidmet.

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Mystische Kulisse | Niedrig hängende Wolken in der Provinz um das Min Shan im Jiuzhaigou Naturschutzgebiet. Das Reservat befindet sich am Rand Tibets und ist bekannt für seine beeindruckenden Wasserfälle. Das Tal wurde 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe und 1997 zum Biosphärenreservat ernannt.

15 Prozent ist in der Tat ein beeindruckender Anteil. Im Jahr 2010 wurden auf einer Konferenz der Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity) in Japan die so genannten Aichi-Ziele festgelegt. Eines von ihnen besagt, dass alle unterzeichnenden Nationen (also sämtliche Länder der Erde mit Ausnahme der USA) 17 Prozent ihrer Landfläche bis zum Jahr 2020 unter Schutz stellen sollten.

»China hat in der Vergangenheit einen ziemlich bruchstückhaften Ansatz verfolgt«(Gretchen Daily)

Von diesem Ziel sind die meisten Staaten aber noch weit entfernt. China hat es zwar fast erreicht, doch ein Großteil seiner Schutzgebiete liegt in der Nähe der tibetischen Hochebene im dünn besiedelten Westen des Landes. »China hat in der Vergangenheit einen ziemlich bruchstückhaften Ansatz verfolgt«, verdeutlicht Gretchen Daily, eine Ökologin an der kalifornischen Stanford University und Mitbegründerin des Natural Capital Project. »Die chinesischen Naturschutzgebiete liegen für gewöhnlich in eisigen Gebirgsregionen – also Gegenden, in denen es die wenigsten Streitigkeiten um Landbesitz gibt, die bei landwirtschaftlicher oder anderweitiger Nutzung nur eine geringe Produktivität erbringen würden und sich Millionen Kilometer entfernt von den Gebieten befinden, in denen besonders viele Menschen leben.«

2017 analysierten chinesische und US-amerikanische Wissenschaftler, unter ihnen auch Daily, die Wirksamkeit der Naturschutzgebiete in China. Sie fanden heraus, dass diese bei der Erhaltung von Säugetieren und Vögeln gute Arbeit leisteten, aber nur wenig zum Schutz anderer Tiere oder Pflanzen beitrugen. Zudem konnten sie bei Ökosystemdienstleistungen wie etwa der Kohlenstoffsequestrierung oder der Wasser- und Bodenrückhaltefähigkeit keine signifikanten Verbesserungen erzielen.

Dies rührt zum Teil daher, dass die meisten Naturreservate in Westchina liegen, während die Lebensräume vieler bedrohter Arten und Gebiete, die wertvolle Ökosystemdienste leisten, im Osten des Landes zu finden sind. Chinas autoritäres Regierungssystem ist nicht ganz unschuldig an diesem Problem, denn es wirkt wie ein zweischneidiges Schwert. Zwar können mit seiner Hilfe Änderungen zügig umgesetzt werden, was etwa bei der Schaffung von kurzfristigen Übergangslösungen zur Rettung bedrohter Arten sehr nützlich sein kann. Kritiker bemängeln jedoch, dass bei der Ausweisung vieler chinesischer Naturschutzgebiete zu voreilig und opportunistisch entschieden worden sei – also ohne konkrete Pläne, wie man die größtmöglichen Schutzziele erreichen könnte, und häufig auch ohne die entsprechenden Durchsetzungsmechanismen geschaffen zu haben.

Touristenattraktion statt Schutzgebiet

2017 wurde das erste chinesische Nationalpark-Pilotprojekt in der Region Sanjiangyuan im tibetischen Hochland abgeschlossen. In diesem Gebiet entspringen die drei größten Flüsse des Landes: Huang He, Mekong und Jangtse. Wenig später veröffentlichte die Regierung einen umfassenden Nationalparkplan, der vorsieht, Millionen Hektar Land unter strengen staatlichen Schutz zu stellen.

Im Gegensatz zu dem bestehenden Modell aus Naturschutzgebieten beinhaltet das neue Nationalparksystem strengere Naturschutzvorgaben, die zudem konsequenter durchgesetzt werden sollen. Es wird sich auch von den bereits existierenden »Nationalparks« in China unterscheiden, die weniger als Schutzgebiete, sondern eher als Touristenattraktionen fungieren. Das Parkmanagement soll sich in erster Linie am Grundsatz des Umweltschutzes orientieren, schreibt der Regierungsplan vor.

»Präsident Xi Jinping hat es einmal so formuliert: ›Grüne Berge und klares Wasser sind so viel wert wie Berge aus Gold und Silber‹«(Zeyin Jiang)

Er stützt sich dabei auf die Erkenntnis, dass gut funktionierende Ökosystemdienste für ein beständiges Wirtschaftswachstum unerlässlich sind. »Präsident Xi Jinping hat es einmal so formuliert: ›Grüne Berge und klares Wasser sind so viel wert wie Berge aus Gold und Silber‹«, zitiert Jiang. »Wenn wir die Bergregionen schützen, ernten wir Reichtum und Wohlstand.« Betreibt man die Nationalparks aber ausschließlich unter diesem finanziellen Gesichtspunkt und stellt nicht den Eigenwert der unberührten Natur in den Vordergrund, kann dieses Modell zugleich ein Risiko für die weitere Entwicklung dieser Schutzgebiete bedeuten, wenn es einmal hart auf hart kommt.

Meng JiLaden...
Meng Ji | Der Kapitän der Patrouille präsentiert die geglückte Aufnahme eines wilden Pandabären. Eine der Infrarotkameras im Reservat hat sie geschossen.

Die erste Serie von Nationalparks, darunter auch der zum Schutz des Großen Pandas, soll voraussichtlich 2020 eröffnet werden. Ein solch enger Zeitrahmen stellt die Parkplaner allerdings vor beträchtliche Herausforderungen. In neun verschiedenen Regionen, darunter auch sieben im Osten des Landes, hat die chinesische Regierung bereits Pilotprojekte durchgeführt, um diverse Formen des Parkmanagements zu testen. Dennoch ist die offizielle Ausweisung von Nationalparks im dicht besiedelten Osten Chinas eine wenig verlockende Aufgabe. Die in den Gebieten mit hoher Artenvielfalt lebenden Menschen zählen zu den ärmsten des Landes und wären nach einer erzwungenen Umsiedlung womöglich von noch größerer Armut betroffen.

Im Nationalparkplan der chinesischen Regierung heißt es abschließend, dass die in den Kernregionen der neuen Nationalparks wohnende Bevölkerung »schrittweise umgesiedelt« werden soll. Doch was diesen Punkt angeht, kann das Land nur eine magere Erfolgsbilanz vorweisen. Bereits 2017 war im Zusammenhang mit dem Sanjiangyuan-Nationalpark angekündigt worden, dass 61 588 der dort ansässigen Menschen ihre Dörfer wegen des geplanten Naturschutzgebiets verlassen müssten.

»Der größte Unterschied zwischen China und den USA oder Kanada liegt darin, dass es in diesen beiden Ländern unheimlich viele freie Flächen gibt«(Feng Jie)

Bei den meisten Menschen ruft der Begriff Nationalpark Bilder von grenzenlosen, weiten Landschaften hervor – von Felsformationen in der Sandsteinwüste des Zion-Nationalparks im US-Bundesstaat Utah oder einem dunklen Sternenhimmel über den Fossilienlagerstätten des Big-Bend-Nationalparks in Südtexas nahe der mexikanischen Grenze. Weiter nördlich kann Kanada 44 solcher Schutzgebiete vorweisen, darunter auch den weltberühmten Banff-Nationalpark, der in den letzten Jahren einen mehr als 50-prozentigen Zuwachs an chinesischen Touristen verzeichnete. Im Gegensatz zu China besteht die Gesamtbevölkerung Kanadas jedoch aus weniger als 32 Millionen Menschen; das entspricht etwa einem Drittel der Einwohner, die in der chinesischen Provinz Sichuan leben.

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Naturschutz-Patrouille | Li Xinrui ist zuständig für das Fotografieren von Tieren, die das Team im Tal von Guanba sichtet.

»Der größte Unterschied zwischen China und den USA oder Kanada liegt darin, dass es in diesen beiden Ländern unheimlich viele freie Flächen gibt«, erklärt mir Feng Jie, Leiter des Shanshui-Büros in Sichuan, während wir uns in Guanba bei einem Mittagessen aus grätenreichem Fisch, pikant gewürzten Wurzeln und gekochten, mit Honig aus der Region servierten Kartoffeln unterhalten. Obwohl chinesische Regierungsvertreter mehrere Jahre lang die Nationalparks in den USA bereist und dabei umfangreiche Kenntnisse über Tourismus, Finanzierung und Strategien im Umgang mit benachbarten Gemeinden erworben haben, konnten sie nirgendwo ein Musterbeispiel finden, dass sich mit der Situation in China und der Entwicklung seiner Nationalparks wirklich vergleichen ließe.

»Das neue Nationalparksystem ist eine Art Entdeckungsreise«, konstatiert Feng. »Die chinesische Regierung kann nicht einfach nach dem gleichen Schema wie anderswo verfahren. Die Errichtung von Nationalparks hier in China ist ein völlig neuer Prozess, der sich beträchtlich von der Vorgehensweise anderer Länder unterscheiden wird.« Dennoch könnte es vielleicht gewisse Parallelen zur Ausweisung von National Monuments in den Vereinigten Staaten geben – jenen Schutzgebieten oder Gedenkstätten, über die der amtierende amerikanische Präsident auch ohne Zustimmung des Kongresses entscheiden kann. In einer ganz ähnlichen Weise wird auch Staatspräsident Xi Jinping nach seinem eigenen Ermessen darüber bestimmen können, einer Region in China den Schutzgebietsstatus zu verleihen oder wieder abzuerkennen.

Probleme um den Drei-Schluchten-Staudamm sind noch präsent

Auf einem kurzen Spaziergang vom neu errichteten Pavillon bis zum Ende der Straße, wo das Schutzgebiet beginnt und das Weitergehen verboten ist, kann man die Naturschönheiten der Ortschaft Guanba auf sich wirken lassen. Kleine grüne Schmetterlinge flattern zwischen Kampfer- und Taschentuchbäumen hin und her, die die Straße säumen. Unter Gehwegen aus Holzbohlen plätschert ein kleines Rinnsal dahin, das aus einer natürlichen Quelle in den Bergen stammt. Ich halte an, um ein professionell aussehendes Schild zu betrachten – eins der wenigen, dessen Aufschrift ins Englische übersetzt wurde, wenngleich auf eine etwas grobe, für chinesische Verhältnisse typische Art und Weise: »Preserve Upper Yangtze River Watershed to Stabilize Water Supply Project«, steht darauf zu lesen.

Wann immer es um den Jangtse geht, denkt man unwillkürlich an den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms in den 1990er und frühen 2000er Jahren. Biologen geben dem Dammprojekt die Schuld daran, dass inzwischen der damals bereits gefährdete Chinesische Flussdelfin ausgestorben ist. Während der 17 Jahre dauernden Bauphase waren mehr als 1,3 Millionen Menschen zur Umsiedlung gezwungen worden. Dieser Umstand hat in China eine Imagekrise ausgelöst, unter der das Land noch immer leidet. Die chinesische Regierung hatte seinerzeit versprochen, der Staudamm würde den stromabwärts lebenden Menschen Stabilität und Wohlstand bringen. Im Jahr 2011 räumte allerdings der Staatsrat der Volksrepublik China in einer offiziellen Erklärung ein, dass das Bauprojekt »zu Problemen geführt hat, die schnellstmöglich gelöst werden müssen: die Unterbringung der Umgesiedelten und die Verbesserung ihres Lebensstandards, der Schutz der Umwelt und die Verhinderung geologischer Katastrophen«.

Geologen hatten zuvor befürchtet, dass sich durch das Aufstauen solch riesiger Wassermassen das Risiko für Erdrutsche und Erdbeben erhöhen würde. Ihre Vorhersagen sollten sich letzten Endes bewahrheiten. Auch die chinesische Regierung hat einen Anstieg der Erdbebenhäufigkeit seit der Fertigstellung des Drei-Schluchten-Staudamms eingeräumt; sie streitet jedoch nach wie vor ab, dass das Bauwerk eine Rolle bei dem verheerenden Erdbeben in der Provinz Sichuan im Jahrinzwischen 2008 gespielt hatte, das etwa 87 000 Menschenleben forderte.

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Zwei Große Pandas

Menschen werden nicht mehr gezwungen umzuziehen

»Seit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudamms hat sich die Art und Weise, in der solche Projekte angegangen und umgesetzt werden, grundlegend verändert«, schreibt »The Stanford Daily«, die unabhängige studentische Tageszeitung der kalifornischen Stanford University. Immer mehr Chinesen möchten sogar freiwillig umziehen, um ihre Lebenssituation zu verbessern, und die chinesische Regierung bietet ihnen zusätzliche Anreize in Form von Arbeits-, Unterbringungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, wenn sie bereit sind, das Landleben gegen eine Wohnung in der Stadt einzutauschen.

»Man ermutigt sie auch dazu, gar nicht so weit fortzuziehen, beispielsweise nur ins Nachbartal. Dadurch bleiben sie in der Nähe ihrer Verwandten, können ihre sozialen Kontakte aufrechterhalten und mit den Menschen in ihrer Umgebung weiterhin dieselbe Kultur und Sprache teilen. Bei dem Drei-Schluchten-Staudamm liefen die Dinge ganz anders, und das bereut man heute sehr«, heißt es weiter in dem Artikel.

Die menschliche Anwesenheit in den Nationalparks ist im Plan der chinesischen Regierung durch diverse Bestimmungen geregelt, die sowohl von Park zu Park als auch innerhalb eines Schutzgebiets variieren können. Im Riesenpanda-Nationalpark wird es eine Kernzone geben, die sich aus bereits bestehenden Naturschutzgebieten zusammensetzt und zu der Besucher keinen Zutritt haben. Eine zweite Zone soll der Renaturierung natürlicher Lebensräume dienen, während eine dritte ausschließlich der Bewirtschaftung durch bäuerliche Subsistenzgemeinschaften vorbehalten ist (hierzu zählen auch Guanba und seine Bewohner). In einer vierten Zone dürfen Projekte zur Umweltbildung und Freizeitaktivitäten stattfinden.

»Guanba ist ein Experiment, das zeigt, was mit der lokalen Bevölkerung in den Nationalparks geschehen soll. Vielleicht stellt es sich sogar als das zukünftige Modell für die restlichen Parkgebiete heraus«(Feng Jie)

Feng ist zuversichtlich, was die Idee betrifft, die Einheimischen in den Umweltschutz mit einzubeziehen. »Was soll man denn mit ihnen machen? Man kann sie schließlich nicht alle rauswerfen. Guanba ist ein Experiment, das zeigt, was mit der lokalen Bevölkerung in den Nationalparks geschehen soll. Vielleicht stellt es sich sogar als das zukünftige Modell für die restlichen Parkgebiete heraus.«

Im Zusammenhang mit dem Riesenpanda-Nationalpark hatten die staatlichen Medien in China zunächst über eine geplante Umsiedlung von 170 000 Menschen berichtet. Wenige Monate später kam allerdings die Meldung heraus, dass sich der Park stattdessen zu einer Einkommensquelle für 170 000 Menschen entwickeln würde. Da es keine freie Presse gibt, ist es nahezu unmöglich, Genaueres darüber zu erfahren, welche Konsequenzen dieser Park tatsächlich vor Ort haben wird und welche Anreize den Menschen geboten werden, um sie zum Umsiedeln zu bewegen. In China arbeitende Wissenschaftler und ihre Kollegen aus dem Ausland halten sich jedoch mit Kritik an der chinesischen Regierung zurück, da sie befürchten, man könne ihnen den Zugang zu Forschungsgebieten und den Zugriff auf wichtige Informationen verwehren.

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Nebel bei Guanba | Die nebelverhangenen Täler des Min Shan bieten einen der letzten Lebensräume für den Großen Panda.

Vor fast zehn Jahren wurde auf der Erde eine magische Grenze überschritten: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit lebten mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen werden die Städte bis zum Jahr 2050 als Folge von Bevölkerungswachstum und Landflucht weitere 2,5 Milliarden Einwohner dazugewinnen. Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan, ist ein Sinnbild dieses Wandels.

Menschen mit Zwang und Versprechen in die Städte treiben

Seit 1990 ist die Zahl ihrer im Stadtkern lebenden Bewohner von knapp zwei Millionen auf mehr als zehn Millionen explosionsartig in die Höhe geschnellt, angetrieben von einer dem »Manifest Destiny« vergleichbaren Kraft, die die Menschen aus dem verarmten Hinterland in die Metropolen zieht. Doch im Gegensatz zu den amerikanischen Siedlern, die seinerzeit ihrer Bestimmung folgend gen Westen zogen, verkörpert bei den Chinesen Staatspräsident Xi Jinping diese Kraft. Seine Mission, die Dörfer aus der Armut zu befreien, steht dick auf roten und goldenen Propagandatransparenten geschrieben, die mir auf meiner Reise durch die Provinz Sichuan in nahezu jeder Stadt begegnen.

Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgt Xi Jinping unter anderem die Strategie, die Menschen durch Versprechungen oder Zwang in Richtung der Städte zu treiben, die ihnen – so glauben die Regierungsvertreter – einen höheren Lebensstandard bieten. Der Plan des Staatspräsidenten sieht allerdings nicht vor, die Migranten nach Peking oder Schanghai zu schicken, da in beiden Städten mittlerweile gesetzliche Einwohnerobergrenzen gelten. Stattdessen verfrachtet man sie häufig in Neubausiedlungen am Rand von weniger bevölkerungsreichen Städten, wo sie auf Grund des dortigen Mangels an Fachpersonal zwangsläufig nur einen eingeschränkten Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen haben.

Trotzdem wird Urbanisierung in China häufig als die einzig sinnvolle Lösung zur Rettung fragiler Ökosysteme und bedrohter Arten angesehen, ganz im Gegensatz zur westlichen Welt, wo eine schnelle Verstädterung im Allgemeinen eher Ängste und bedrohliche Bilder von schmutzigen, sich endlos ausbreitenden Großstädten hervorruft.

»Wir müssen die Leute gar nicht zum Umsiedeln zwingen, sondern ihnen nur eine Chance auf bessere Bildung verschaffen. Haben die Kinder erst einmal ihre Heimatdörfer verlassen, werden sie ihren eigenen Nachwuchs nicht im Naturschutzgebiet großziehen und die dortige Bevölkerung schrumpft von ganz allein«(Jack Liu)

Ich frage Jack Liu, einen chinesischen Wissenschaftler an der Michigan State University, der die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt untersucht und bei seiner Arbeit zwischen den USA und China hin- und herpendelt, nach möglichen Alternativen, mit deren Hilfe China weitere Schutzgebiete ausweisen könnte. Die Aussicht, dass sich die Landflucht gerade unweigerlich zu einer praktikablen Lösung für den Naturschutz entwickelt, erfüllt den Forscher mit Enthusiasmus. Die chinesische Regierung müsse dafür sorgen, dass Kinder, die in den Naturschutzgebieten oder in deren Umgebung aufwachsen, eine bessere Schulbildung erhielten, fordert Liu.

Wenn die Jugendlichen später ein College besuchten, würden sie anschließend nicht auf den Hof ihrer Familie zurückkehren, und das sei eine gute Sache, ergänzt der Forscher. »Wir müssen die Leute gar nicht zum Umsiedeln zwingen, sondern ihnen nur eine Chance auf bessere Bildung verschaffen. Haben die Kinder erst einmal ihre Heimatdörfer verlassen, werden sie ihren eigenen Nachwuchs nicht im Naturschutzgebiet großziehen und die dortige Bevölkerung schrumpft von ganz allein.« In der chinesischen Kultur leben Eltern und Großeltern häufig mit ihren Kindern beziehungsweise Enkelkindern zusammen. Ziehen die gut ausgebildeten Nachkommen in die Stadt, werden vermutlich gleich mehrere Generationen ihrem Beispiel folgen.

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Routencheck im Reservat | Meng Ji überprüft gemeinsam mit anderen Mitarbeitern der Patrouille und zwei Regierungsbeamten die GPS-Daten.

Dennoch werden die Nationalparks Wächter benötigen, die ihre Aufgabe mit Leidenschaft erfüllen. Aus diesem Grund ist Meng Ji in seinen Heimatort Guanba zurückgekehrt. Der hagere Mann Ende 30 mit dem kurz geschnittenem Haar und den markanten Wangenknochen hat viele Jahre in der Armee gedient und sich anschließend seinen Lebensunterhalt mit diversen Gelegenheitsjobs in ganz China finanziert.

Wächter gesucht für den Nationalpark

Auf Sichuanesisch, einem nahezu unverständlichen Dialekt des Mandarin, rattert Meng die Namen der Orte herunter, an denen er nach dem Verlassen seines Elternhauses gelebt hat: Peking, Chengdu, Tianjin und Lanzhou. Zuletzt hat er als Goldwäscher in Nepal gearbeitet – eine anstrengende und ziemlich schlecht bezahlte Tätigkeit. 2016 kehrte Meng Ji zurück ins Tal der Pandas. Dort sah er, wie sein Freund Li Xinrui sich an der Renaturierung eines Flusses beteiligte und als Leiter einer Patrouille in die von dichtem Grün bewachsenen Berge zog, um nach Drahtschlingen von Wilderern und illegalen Kräutersammlern Ausschau zu halten. Dies habe ihn beeindruckt und motiviert, erzählt Meng. Er wollte ebenfalls helfen.

Inzwischen geht er einmal pro Monat mit 23 Männern und vier Frauen auf Patrouille in die Berge. Im Sommer gibt es besonders viel zu tun, da sich in dieser Jahreszeit mehr Menschen auf der Suche nach Kräutern und Holz im Wald aufhalten. Als Mitglied der Patrouille verdient er pro Monat 1000 Chinesische Yuan (etwa 130 Euro), und für jeden Tag, den er mit seinem Team unterwegs ist, zahlt man ihm weitere 140 Chinesische Yuan (etwa 18 Euro). Manchmal würden sie Fallen entdecken, berichtet Meng, aber die meisten seien zwei bis drei Jahre alt.

Mittlerweile wissen viele Menschen aus der Umgebung, dass sie ihren verbotenen Aktivitäten nicht in Guanba nachgehen sollten, obwohl es nach wie vor einen gewissen Anteil an illegalem Holzeinschlag gibt. Ein größeres Problem – wenn man es denn so nennen kann – sind dagegen die zahlreichen Kragenbären, deren Populationen sich dank der Renaturierung ihrer Habitate wieder prächtig erholt haben. In ihrer unersättlichen Gier nach Honig machen sich die Tiere jetzt über die Bienenstöcke her, die die Lebensgrundlage der Bewohner von Guanba bilden.

Heute muss man die Pandabären suchen

Bei der Erwähnung der Bären frage ich Meng nach dem Namensgeber des Tales und dem so genannten »Panda-Stamm«, zu dessen Abkömmlingen er gehört. Obwohl der genaue Ursprung des Stammesnamens unbekannt ist, rührt er höchstwahrscheinlich von den vielen Pandabären her, die einst in diesen Bergen lebten. In den 1930er Jahren waren jedoch Pandafelle auf einmal heiß begehrt, und die Einheimischen begannen, die Tiere zu jagen und mit ihren Pelzen zu handeln. Da die Region zur selben Zeit von einem massiven Bambussterben heimgesucht wurde, litten die verbliebenen Pandas wegen der zunehmenden Knappheit ihrer Hauptnahrungspflanze Hunger oder starben.

Nachdem China die Jagd auf Pandas im Jahr 1987 verschärft unter Strafe gestellt hatte, wurden viele der ortsansässigen Männer wegen Wilderei zu Gefängnisstrafen verurteilt. Diese Ereignisse schadeten dem Ansehen des Panda-Stamms, und seine Angehörigen machten fortan nicht mehr von diesem Namen Gebrauch. Doch inzwischen hat der Panda eine neue Bedeutung erlangt und ist zu einem Zeichen der Hoffnung und des Stolzes geworden, den die Menschen mit dem Schutz ihrer natürlichen Umwelt verbinden. »Den Panda-Stamm gab es vor langer Zeit«, bestätigt Meng. »Damals lebten hier viel mehr Pandabären. Heute dagegen müssen wir diese Tiere wirklich schützen.«

Wie sich aber der Naturschutz künftig unter dem autoritären chinesischen Regime entwickeln wird, ist nach wie vor ungewiss. Wird man es engagierten Menschen wie Meng Ji weiterhin erlauben, in ihren Heimatregionen zu bleiben und diese vor Umweltschäden zu bewahren? Oder werden Artenschutz und Erhaltungsmaßnahmen von einer eisernen Faust im fernen Peking gelenkt, die die Lebensräume schützt, indem sie die Bevölkerung vom Land in die Städte treibt? Möglicherweise wird uns die Zukunft eine Mischung aus beidem bringen – und vielleicht nicht ganz so schwarz und weiß aussehen wie das Fell des Pandabären.

Der Artikel erschien ursprünglich unter dem Titel »Green Glove, Iron Fist« auf »bioGraphic«, einem digitalen Magazin, das von der California Academy of Sciences publiziert wird.

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