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Religiöse Bekehrung: Christentum verbreitete sich wohl von oben

War es die Hoffnung auf Gerechtigkeit, die dem Christentum den Weg bahnte - oder waren es eher charismatische Herrscher? Die Antwort würde tiefe Einblicke in die Funktion menschlicher Gesellschaften erlauben.
Zwei Hände halten einen hölzernen Kreuzanhänger.

Kleine Gesellschaften mit starker politischer Organisation übernahmen das Christentum schneller. Das berichtet eine Arbeitsgruppe um Joseph Watts vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena anhand einer Studie an insgesamt 70 Kulturen auf pazifischen Inseln. Wie das Team in »Nature Human Behavior« berichtet, folgte die Religion in den beobachteten Kulturen meist den klassischen Mustern zwischenmenschlichen Austauschs. Demnach konvertieren Menschen in kleinen Kulturen schneller, weil sie einen größeren Anteil der Bevölkerung kennen – und damit mehr Menschen, die bereits konvertiert sind. Größere Gemeinschaften dagegen bestehen meist aus in sich geschlossenen Untergruppen, zwischen denen der Austausch geringer ist.

Eine große Rolle spielen nach Angaben des Forschers auch, wie stark eine Gesellschaft politisch organisiert ist. An solchen politischen Strukturen beteiligte »Influencer« beeinflussen die religiösen Praktiken ganzer Bevölkerungsschichten, sobald sie konvertieren. Auch in der europäischen Geschichte galt das öffentliche Annehmen des neuen Glaubens durch einen Herrscher, wie im Jahr 496 durch den Frankenkönig Chlodwig, als starkes Signal, dass das Volk die neuen Praktiken übernehmen würde. Dagegen fand die Gruppe um Watts kein Indiz für die These, stärkere soziale Ungleichheit führe dazu, dass sich die egalitäre Idee des Christentums schneller durch die unteren Schichten ausbreitet.

Die austronesischen Inseln des Pazifiks übernahmen das Christentum vor relativ kurzer Zeit, so dass noch kulturelle, soziale und demografische Daten aus dieser Zeit vorliegen. Watts und sein Team nutzten die Informationen, um die Ausbreitung des Christentums von 1668 – als der erste Missionar auf einer der untersuchten Inseln landete – nachzuzeichnen. Die Untersuchung sei nicht nur von historischem Interesse, schreibt Nicole Creanza von der Vanderbilt University in Nashville in einem Kommentar für »Nature Human Behavior«, sondern beleuchte auch die höchst aktuelle Frage, wie sich Ideen in menschlichen Gesellschaften ausbreiten.

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