Chronic Wasting Disease: Ist die Zombiehirschkrankheit doch auf Menschen übertragbar?

In nordamerikanischen Hirschen grassiert eine tödliche Seuche: die Zombiehirschkrankheit oder »Chronic Wasting Disease«. Da sie wie Rinderwahn über fehlgefaltete Proteine, so genannte Prionen, übertragen wird, besteht Sorge, dass sie auf Menschen überspringen könnte. Laut bisherigen Forschungsarbeiten ist dieses Risiko wohl sehr gering. Eine Untersuchung von Fachleuten um Stefanie Czub und Hermann Schätzl von der kanadischen University of Calgary stellt diese Annahme jedoch infrage. Demnach können Hirschprionen sehr wohl ins Gehirn von Primaten eindringen und dort Veränderungen anstoßen. Die meisten Versuchstiere entwickeln daraufhin zwar keine auffälligen Symptome. Doch in ihrem Hirn schlummert möglicherweise dennoch das Potenzial für die Erkrankung.
Das Forschungsteam untersuchte die Übertragbarkeit an Makaken. Die krankhaften Prozesse in ihrem Gehirn ähneln stark denen, die bei Menschen auftreten. Sieben Tieren verabreichten die Forschenden entweder über das Futter oder direkt per Hirnsonde Gewebe von Elchen und Hirschen, die unter Chronic Wasting Disease litten. Nach vier bis acht Jahren schläferten sie die Affen ein, um deren Nervengewebe zu untersuchen. Mehrere der Primaten zeigten zuvor Krankheitssymptome. Doch nur bei einem, der das infektiöse Material mit Futter zu sich genommen hatte, wiesen diese klar auf ein neurologisches Problem hin. Ob eine Prionenerkrankung für seine Beschwerden verantwortlich war, ist aber fraglich. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten die fehlgefalteten Proteine mit Standardmethoden nämlich in keinem der Primaten nachweisen.
Sie griffen deshalb auf einen besonders empfindlichen Test zurück, der auf äußerst geringe Mengen an Prionen reagiert. Mit seiner Hilfe fanden sie die Proteine im Hirngewebe aller infizierten Makaken. Diese verabreichten sie dann fünf Mäusen, deren Neurone gentechnisch für die Hirscherkrankung empfänglich gemacht worden waren. Eine von ihnen entwickelte später eine neurodegenerative Erkrankung. Ihr Hirngewebe löste wiederum bei jeder damit in Kontakt gebrachten Rötelmaus eine Prionenerkrankung aus.
Insgesamt deutet die Experimentserie darauf hin, dass das Gefahrenpotenzial der Chronic Wasting Disease für Primaten – und damit auch für Menschen – zwar gering ist; ganz ausschließen lässt sich die Übertragung aber nicht. Zumindest unter Laborbedingungen waren noch Jahre nach dem Kontakt fehlgefaltete Proteine im Gehirn der Makaken nachweisbar. Schlimmstenfalls könnten sie nach langer Inkubationszeit sogar neurologische Symptome auslösen. Ob die Prionen für die bei einem der Versuchstiere aufgetretenen Beschwerden verantwortlich sind, muss jedoch noch gründlich untersucht werden.
Der in den 1980er-Jahren in Großbritannien grasierende Rinderwahn (BSE) zeigte bereits eindrücklich, dass tierische Prionen auch Menschen gefährlich werden können. In den 1990er- und 2000er-Jahren kam es zu mehr als 200 tödlichen Hirnerkrankungen, die nach dem Verzehr von prionenhaltigen Rinderprodukten entstanden waren. In den Gebieten, in denen die Zombiehirschkrankheit vorkommt, sieht man zwar noch keine Zunahme von charakteristischen Enzephalopathien bei Menschen. Die fortschreitende Verbreitung der Seuche bietet jedoch mehr Kontaktpunkte mit erkrankten Tieren und damit auch mehr Möglichkeiten zur Übertragung. Die Autoren und Autorinnen der Studie warnen, dass man diese Gefahr ernst nehmen sollte – und dass man die Lage weiterhin genau beobachten muss.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.