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News: Chronischer Schmerz erfaßt Leib und Seele

Was chronische Schmerzen bei betroffenen Menschen in Leib und Seele anrichten, können Hirnforscher, Mediziner und Psychologen inzwischen auf vielen Ebenen nachweisen. Solche Einsichten bilden die Grundlage von neuen Behandlungskonzepten, um die Chronifizierung der Pein zu verhindern oder um Dauerschmerz zu lindern. Darüber diskutieren Schmerzforscher, Ärzte und Psychologen bei einem Satelliten- Symposium des Wiener Welt-Schmerzkongresses in Heidelberg.
Am Anfang verändert sich das Nervensystem, dann werden andere Körperfunktionen und die Psyche beeinträchtigt: Chronische Schmerzen nehmen den ganzen Menschen in Besitz. Was sich im Organismus abspielt, wenn der "bellende Wachhund der Gesundheit", der akute Schmerz, seine Warnfunktion verliert und zur Dauerfolter wird, haben Wissenschaftler in den letzten Jahren herausgefunden. Denn die Veränderungen sind heute auf vielen Ebenen nachweisbar: im Erbgut von Nervenzellen, bei der Produktion von Hirnbotenstoffen (Neurotransmitter), bei der Kommunikation von Zellen und Zellverbänden, in der Aktivität des Gehirns und in der Psyche. Damit ist das höchst subjektive Gefühl "Schmerz" für die Forscher objektivierbar geworden. "Schmerz kann man sehen und quantifizieren", sagt Walter Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Leiten Nervenfasen einen starken Schmerzreiz aus dem Körper zu den Nervenzellen des Rückenmarks, ist im System binnen Sekundenbruchteilen "der Teufel los": Die Zellen setzen Botenstoffe frei, etwa die Substanz P (P = pain) oder Glutamat, es öffnen sich Ionenkanäle, die "Tore" der Zellen, Calcium strömt ein. Über komplexe Signalkaskaden aktivieren Botenstoffe bestimmte Enzyme, die die Empfänglichkeit der Zellen für weitere Reize verstärken. Bindungsstellen (Rezeptoren) auf der Zelloberfläche für Botenstoffe werden somit leichter aktivierbar, ihre Produktion wird hochgefahren. Doch gleichzeitig wird dieser Aufruhr in einem gesunden Organismus auch gedämpft: Das Gehirn schickt hemmende Signale und Nervenzellen produzieren körpereigene Schmerzhemmer, die Opiat-ähnlichen Endorphine und Substanzen, die Cannabinoiden ähneln. Ist diese körpereigene Schmerzabwehr stark genug und bleiben weitere Schmerz-Impulse aus, kommt das System zur Ruhe, verblaßt die Gedächtnisspur im Nervensystem binnen Tagen bis Wochen.

Anhaltende und starke Schmerzen münden hingegen in einen echten Teufelskreis: Wenn die Nervenzellen im Rückenmark ohne Pause "feuern", strömt dabei verstärkt Calcium in die Zellen ein. Die Folge: Die Reizübertragung von den schmerzleitenden Nervenbahnen an Überträgerstellen (Synapsen) auf die Neuronen wird hochreguliert. Im Fachjargon heißt dies "Potenzierung der synaptischen Übertragungsstärke". "Man kann das mit dem Lauterdrehen eines Verstärkers in der Musikanlage vergleichen", übersetzt Jürgen Sandkühler von der Universtität Heidelberg diesen Vorgang in Alltagserfahrung. "Wird das ständige Feuern der Neuronen nicht durch eine ausreichende Schmerzbehandlung frühzeitig durchbrochen", erklärt der Experte, "verselbständigt sich der Prozeß, weil die körpereigene Schmerzhemmung diesen Mechanismus dann alleine nicht mehr unter Kontrolle bekommt." Die Nervenzellen werden hypersensibel und melden auch bei harmlosen, schwachen Reizen das Signal "Schmerz", selbst dann, wenn die eigentliche Schmerzursache schon nicht mehr existiert. Das Dauerbombardement verändert die Schmerzverarbeitung und die Spiegelung von Körperarealen im Gehirn "und irgendwann", so Zieglgänsberger, "ist das Schmerzbild im Nervensystem eingebrannt". Das System hat – ähnlich wie bei der Verarbeitung anderer Sinnesreize – den Schmerz "gelernt".

Doch die verhängnisvolle Schmerzkaskade beeinflusst nicht nur das Nervensystem: Die Verknüpfung von Nerven- und Immunsystem über Botenstoffe führt beispielsweise auch dazu, daß etwa Substanz P Entzündungsprozesse verstärkt oder selbst auslöst. "Substanz P wirkt auch als Entzündungsbotenstoff", erklärt Manfred Zimmermann von der Universität Heidelberg. So kann eine sogenannte "neurogene Entzündung" entstehen, die sich auf eine bereits bestehende Entzündung im Körper quasi "aufpfropfen" und diese verstärken kann. "Solche Mechanismen beobachten wir", so Zimmermann, "nicht nur bei rheumatischen Leiden, sondern auch beispielsweise bei entzündlichen Erkrankungen des Darmtraktes, wie Morbus Crohn."

Wissenschaftler von der Aalborg University in Dänemark berichten auf dem Satelliten- Symposium des Wiener Welt-Schmerzkongresses in Heidelberg beispielsweise, daß etwa Patienten mit Weichteilrheumatismus (Fibromyalgie) oder Reizdarm aufgrund derartiger Mechanismen auf schmerzhafte Reize empfindlicher reagieren als gesunde Menschen.

Daß der schmerzhafte Aufruhr im Nervensystem auch die psychischen Funktionen eines Menschen, seine Lebensfreude und seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, ist naheliegend. Doch inzwischen haben Psychologen herausgefunden, daß diese Prozesse keine Einbahnstraße sind: Wie ein Mensch mit Schmerz umgeht, spielt bei der Chronifizierung der Pein ebenfalls eine große Rolle. "Denn auch psychische Vorgänge", erklärt Zimmermann, "beeinflussen letztendlich über Neurotransmitter und Nervensignale ein Schmerzgeschehen." Darum ist es auch nicht verwunderlich, daß Psychologen, etwa Monika Hasenbring von der Universität Bochum, bestimmte verhaltensmäßige Reaktionen bei Schmerzpatienten als Risikofaktoren für eine Chronifizierung entdeckt haben. Ein hohes Risiko für Dauerschmerzen haben etwa Menschen, die auf Schmerzen mit Hilflosigkeit oder Katastrophisieren reagieren, die ihre sozialen und körperlichen Aktivitäten einschränken oder sich als "fröhliche Durchhalter" gebärden ("Zähne zusammenbeißen und durch"). Aus diesen Gründen, darin sind sich die Experten einig, muß man Schmerzen nicht nur frühzeitig und ausreichend mit Medikamenten, sondern auch mit psychologischen und verhaltensmedizinischen Strategien behandeln. Denn auch diese beeinflussen letztendlich – Arzneistoffen ähnlich – die Biochemie des Schmerzsystems.

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