Chronischer Schmerz: »Chronischer Schmerz verändert ganze Familien«

Herr Göbel, in Ihrer Klinik helfen Sie Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden. Wenn ein neuer Patient kommt – wer sitzt Ihnen da gegenüber?
Meistens jemand, der schon sehr lange kämpft. Viele haben einen Leidensweg hinter sich mit unzähligen Behandlungen, die nicht funktioniert haben, Operationen, Medikamentenwechsel, neuen Diagnosen. Viele kommen mit Ordnern voller Befunde, MRT-Bilder, Arztbriefe, Krankenhausberichte. Sie sind richtige Profis geworden: Sie können perfekt ihre Symptome erklären, haben Hypothesen entwickelt – und hoffen immer noch, dass ich irgendwo die eine Ursache finde, die alles erklärt.
Und finden Sie die?
Sehr selten. Chronischer Schmerz ist etwas völlig anderes als akuter Schmerz. Letzterer ist ein Warnsignal: Da stimmt etwas nicht, es gibt eine klare Ursache, wir behandeln sie, und der Schmerz verschwindet. Aber bei chronischen Schmerzen funktioniert das nicht. Stellen Sie sich Zahnschmerzen vor, die nicht nach zwei Tagen weggehen, sondern über Wochen, Monate oder Jahre anhalten. Der Schmerz erfüllt dann keine Warnfunktion mehr – er ist selbst zur Krankheit geworden.
Hartmut Göbel
ist Facharzt für Neurologie und Diplompsychologe. Er gründete 1997 die Schmerzklinik Kiel, die er bis heute leitet. Er gilt als einer der Pioniere der multimodalen Schmerztherapie.
Wie?
Durch die ständigen Schmerzsignale wird das Gehirn dauerhaft umgebaut. Die Nervenzellen werden immer sensibler. Botenstoffe und Entzündungsprozesse erhalten diese Empfindlichkeit aufrecht. Der Schmerz entsteht im Nervensystem, auch wenn keine akute Verletzung mehr vorliegt. Es werden Prozesse angestoßen, die die Gefühle und die Stimmung beeinträchtigen. Man bekommt Depressionen, Schlafstörungen, Ängste. Hinzu kommen Reflexe, die den Schmerz abwehren sollen: Die Muskeln verkrampfen, der Blutdruck steigt, Stresshormone werden ausgeschüttet, das führt zusätzlich zu Gefäß- und Herz-Kreislauf-Problemen.
Das Problem ist also weniger der Schmerz selbst, sondern was mit ihm einhergeht?
Das lässt sich nicht trennen. Deshalb helfen auch Schmerzmittel allein nicht. Der ganze Körper ist erkrankt und braucht eine Therapie, die überall eingreift. Das ist wie mit einem Fahrradschlauch, der zehn Löcher hat. Wenn ich da nur eins flicke, ändert das nichts. In speziellen Schmerzkliniken wie unserer behandeln wir deshalb die körperliche, die psychische und die soziale Ebene gleichzeitig mit Experten verschiedenster Fächer. Wir nennen das multimodale Schmerztherapie. Wichtig ist, möglichst früh damit zu beginnen, weil man sich an Schmerz nicht gewöhnen kann – im Gegenteil, man wird immer empfindlicher. Schmerz, den man nicht behandelt, führt zu noch mehr Schmerz.
Viele Betroffene kommen aber erst nach Jahren in eine Schmerzklinik.
Weil sie viel zu lange versuchen, den einen Knopf zu finden, um den Schmerz auszuschalten, den Superarzt, das ganz spezielle Medikament, die komplizierte Operation. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenige Menschen wissen, dass man chronische Schmerzen anders behandeln muss und kann.
Wie gehen Sie in Ihrer Klinik vor?
Als Erstes versuchen wir, den Schmerz sichtbar zu machen. Man kann ihn ja nicht im Mikroskop sehen oder im Labor messen. Stattdessen frage ich etwa, ob der Patient schlafen kann, zur Arbeit gehen, seinen Alltag meistern. Wie ist die Stimmung? Wie viel Energie ist da? Gibt es Ängste, depressive Symptome? Und ich muss wissen, wie die Umwelt reagiert, der Partner, der Arbeitgeber oder Kolleginnen. All das spielt eine Rolle. So entsteht Schritt für Schritt ein Gesamtbild. Ähnliche Gespräche gibt es mit dem Neurologen, der Orthopädin, dem Psychologen und der Physiotherapeutin – alle bringen ihre Perspektive ein. Daraus entwickeln wir ein auf den Patienten zugeschnittenes Behandlungskonzept.
Wie sieht das aus?
Der Tag beginnt oft mit Bewegungstherapie: Der Körper soll wieder als Quelle positiver Empfindungen erfahrbar werden. Auch Wissen ist zentral: Wir erklären, wie Schmerzwahrnehmung entsteht und wie man den Alltag damit gestaltet – Ernährung, Tagesplanung, Schlaf, Sport. Es gibt psychotherapeutische Sitzungen, in denen beispielsweise besprochen wird, wie man dem Arbeitgeber erklärt, warum man wieder ausfällt.
Sie arbeiten also vor allem am Umgang mit dem Schmerz?
Man kann das ein bisschen mit einem Geburtsvorbereitungskurs vergleichen. Da lernt die werdende Mutter Atemtechniken, Entspannungsverfahren oder mentale Strategien, um die Wehen besser zu bewältigen. Diese Prinzipien funktionieren auch bei chronischen Schmerzen. Das Ziel ist, den Schmerz nicht zu verdrängen, sondern ihm aktiv zu begegnen. Das nimmt nicht den kompletten Schmerz, aber einen Teil der Ohnmacht.
Wie viele Menschen werden so behandelt?
Deutschlandweit bekommen etwa 60 000 Betroffene pro Jahr so eine stationäre multimodale Therapie. Dem gegenüber stehen aber etwa 15 bis 20 Millionen Menschen, die dauerhaft unter Schmerzen leiden. Davon haben 3 bis 6 Millionen eine schwere chronische Schmerzerkrankung. Unsere Patienten müssen inzwischen mehr als ein Jahr auf einen Therapieplatz warten. Und ich fürchte, die Krankenhausreform wird die Situation noch verschlimmern.
»Er ist eine eigene Krankheit«
Ein Ziel der Reform ist, Spezialisierung zu fördern, das müsste Ihnen doch zugutekommen.
Theoretisch ja. Praktisch aber passt Schmerz nicht ins Raster der Reform. Sie teilt alle Klinikbehandlungen in Leistungsgruppen ein, etwa: Lebertransplantationen, Wirbelsäuleneingriffe, Herzchirurgie. Das Problem ist, dass sich diese Einteilung vor allem an Organen orientiert. In dieser Logik taucht Schmerz so gut wie nicht auf.
Liegt das nicht daran, dass Schmerz von allen Fachgebieten mitbetreut wird?
Für akute Schmerzen stimmt das: Jeder Chirurg, jede Internistin behandelt Schmerzen. Chronischer Schmerz ist aber keine Organerkrankung. Er ist eine eigene Krankheit mit biologischen, psychologischen und sozialen Dimensionen. Diese Erkenntnis haben wir uns mühsam erarbeitet. Wenn man jetzt wieder so tut, als könne man das nebenbei mit erledigen, kehrt man zu einem überholten Verständnis von Schmerz zurück.
Was bedeutet das in der Praxis?
In Deutschland bieten rund 400 eher kleinere, hoch spezialisierte Kliniken multimodale Schmerztherapie an. Sie werden häufig von Anästhesisten, Orthopäden oder Neurologen geführt. Künftig müssten viele von ihnen Strukturen vorhalten, die sich an großen organmedizinischen Fachabteilungen orientieren. Ein Teil davon ließe sich zwar über Kooperationen mit anderen Häusern abbilden. Für die multimodale Schmerztherapie selbst sind viele dieser Vorgaben aber nicht entscheidend. Ihr Erfolg beruht vor allem auf einem interdisziplinären Team und einem strukturierten Therapieprogramm. Für viele Häuser wären die zusätzlichen Vorgaben organisatorisch und personell kaum umsetzbar.
Die Idee der Reform ist auch, die Zahl der Krankenhäuser zu verringern. Die Schmerztherapie würde sich dann eben in größere Kliniken verlagern, die die Vorgaben erfüllen können.
Multimodale Schmerztherapie ist für große Kliniken wirtschaftlich wenig attraktiv. Sie erfordert viel spezialisiertes Personal, intensive Gespräche und fachübergreifende Zusammenarbeit – das passt nicht in ein auf Operationen und Hochleistungsdiagnostik ausgerichtetes Haus. Die Deutsche Schmerzgesellschaft schätzt, dass rund 40 Prozent der Angebote verloren gehen könnten. Von Kollegen höre ich schon seit Monaten, dass viele Kliniken ihre Schmerzangebote zurückfahren oder Abteilungen schließen.
Gerade wird die Reform noch einmal angepasst. Das neue Gesetz enthält viele Ausnahmen von den strengen Vorgaben. Eine gute Nachricht für Sie?
Noch ist offen, wie solche Ausnahmen konkret aussehen könnten. Diese Unsicherheit erschwert jede Planung. Und das Signal bleibt: Schmerzmedizin hat in diesem System keinen Platz. Junge Ärztinnen und Ärzte fragen sich: Warum soll ich mich ausgerechnet dafür weiterbilden? Gleichzeitig geht eine ganze Generation in den Ruhestand. In den nächsten Jahren könnte die Hälfte der Ärzte, die Schmerztherapie machen, aufhören.
Welche Folgen hätte das?
Chronische Schmerzen verursachen in Deutschland schon jetzt jährliche Kosten in Höhe von schätzungsweise 38 Milliarden Euro. Vor allem, weil die Betroffenen nicht mehr richtig arbeiten können. Sie müssen sich ständig krankmelden, manche verlieren ihren Job, viele müssen in Frührente. Wenn sie nicht behandelt werden, laufen diese Menschen von Arzt zu Arzt, werden untersucht, operiert, brauchen Medikamente und Psychotherapie – all das kostet viel Geld, löst aber das Problem nicht. Ganz zu schweigen vom Leid: Wer dauerhaft starke Schmerzen hat, kann nicht mehr für seinen Partner da sein, seine Kinder nicht mehr erziehen, seine Eltern nicht pflegen. Er geht nicht mehr ins Theater, Kino oder zum Fußball. Das ganze Leben geht kaputt – vor allem bei Frauen.
Warum vor allem bei Frauen?
Mehr als 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Ihr Nervensystem nimmt Schmerzen intensiver wahr. Sie reagieren früher auf Reize, empfinden Schmerz stärker. Viele Studien zeigen, dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden, aber ihre Beschwerden öfter unterschätzt und später behandelt werden.
Für Frauen ist es aber auch eine hohe Hürde, mehrere Wochen in eine Klinik zu gehen. Weil sie eben für Kinder verantwortlich sind, ihre Eltern pflegen. Statt Spezialkliniken zu retten, wäre es da doch sinnvoller, ambulante Behandlungen auszubauen.
Wenn es künftig weniger Kliniken gibt, die Schmerzspezialisten ausbilden, gibt es auch weniger Nachwuchs in den Praxen. Außerdem findet Schmerztherapie bereits in großen Teilen ambulant statt. Aber es gibt Patientinnen, die damit nicht weiterkommen. Für sie ist der Krankenhausaufenthalt wie ein Reset. Viele sagen: Ich bin ohnehin immer wieder wochenlang raus – durch Migräneattacken oder Rückenschmerzschübe. Da ist es besser, geplant zwei Wochen lang aus dem Alltag zu gehen, als ständig plötzlich auszufallen.
Kann man in so kurzer Zeit etwas verändern, das über Jahre entstanden ist?
Ja. Im Schnitt bleiben unsere Patienten 16 Tage in der Klinik. Und wir haben ein bundesweites Netzwerk von etwa 450 Praxen aufgebaut, die unsere Patientinnen danach ein Jahr lang weiterbetreuen. Wissenschaftler konnten zeigen, dass Patienten nach unserer multimodalen Therapie deutlich häufiger wieder arbeiten können und weniger Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte oder Rehas benötigen als andere Patienten.
Können diese Menschen irgendwann ohne Schmerzen leben?
Kommt auf die Erkrankung an. Manche Leiden lassen sich so behandeln, dass die Attacken oder Dauerschmerzen aufhören. Bei den meisten Patienten ist aber nicht das Ziel, komplett schmerzfrei zu werden, sondern den Schmerz unter Kontrolle zu bekommen und zu merken, dass sie ihm nicht hilflos ausgeliefert sind. Es geht darum, wieder ein Leben zu haben: mit den Kindern eine Radtour machen zu können, Geburtstage zu feiern, Hobbys und Freundschaften zu pflegen oder schlicht zur Arbeit zu gehen. Chronischer Schmerz betrifft nie nur den Einzelnen, er verändert ganze Familien und Lebensläufe. Er ist oft unsichtbar, aber seine Folgen sind es nicht.
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