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Depressionen: Chronotherapie wirkt am schnellsten

Mit einem veränderten Schlaf-wach-Rhythmus geht es jedem dritten Patienten schon nach wenigen Tagen besser.
Wecker am Bett zeigt die Uhrzeit: Viertel nach sechsLaden...

Bei vielen Menschen mit Depressionen steigt nach einer durchwachten Nacht die Stimmung. Doch nach der nächsten Schlafphase verschwindet der Effekt meist wieder – zu schnell, um die Zeit zu überbrücken, bis Medikamente oder Psychotherapie zu wirken beginnen. Forschende um den Psychiater David Veale vom King's College London und die Psychologin Clara Humpston von der University of Birmingham überprüften deshalb eine Kombination aus Schlafentzug und zwei weiteren kurzfristigen Maßnahmen: vorgezogenen Schlafenszeiten sowie Tageslicht am Morgen. Ihre Metaanalyse von vier randomisierten kontrollierten Studien zeigte: Unter dieser »Triple-Chronotherapie« besserte sich nach einer Woche das Befinden von rund jedem dritten Betroffenen. Unter den allein mit Medikamenten und/oder Psychotherapie behandelten Patienten fühlten sich nur 1,5 Prozent besser.

In depressiven Phasen ist der Schlaf-wach-Rhythmus typischerweise gestört, was sich unter anderem in quälenden Schlafstörungen äußert. Die durchwachte Nacht unterbricht den gestörten Rhythmus und bringt ihn dank der weiteren chronotherapeutischen Maßnahmen wieder ins Lot. Die Patienten gehen dazu an den Folgeabenden früh ins Bett: Die erste Nachtruhe dauert von 18 Uhr bis 1 Uhr, die zweite von 20 bis 3 Uhr und die dritte von 22 bis 5 Uhr. Damit sie rechtzeitig müde werden, tragen die Probanden am frühen Abend eine Blaufilterbrille, die vor blauem Licht etwa vom Smartphone-Bildschirm schützt. Frühmorgens sitzen sie rund eine halbe Stunde in 30 Zentimeter Entfernung vor einer 10 000 Lux starken Tageslichtlampe.

Manche Ärzte warnen Menschen mit depressiven und manischen Episoden vor einem Schlafentzug, weil er eine manische Phase auslösen könnte. Laut der neuen Metaanalyse geschieht das nur in rund jedem 100. Fall; allerdings könnte das bei der vorliegenden Stichprobe der Einnahme von Phasenprophylaktika wie Lithium zu verdanken sein, wie das Autorenteam vermutet. Die Versuchspersonen wurden darüber hinaus stationär behandelt, ein weiterer möglicher Schutzfaktor.

Den deutschen Behandlungsleitlinien zufolge ist die Wachtherapie bislang die einzige Methode »mit ausgeprägten und sichtbar positiven Wirkungen noch am gleichen Tag«. Besonders gut sprächen jene Patienten darauf an, deren Stimmung im Tagesverlauf stark schwankt. In der Regel werde der Schlafentzug auf Station einmal wöchentlich durchgeführt, bis eine deutliche Besserung eintrete. In einer kleinen Gruppe von Mitpatienten falle es den Betroffenen außerdem leichter, wach zu bleiben. Für eine Anwendung in Eigenregie ist die Methode nicht bestimmt, außer in Absprache mit einem Facharzt. Dieser sollte vor dem Schlafentzug auch etwaige Risikofaktoren und Gegenanzeigen wie eine Neigung zu Krampfanfällen bedenken.

2/2020 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2020 (März/April)

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