Chronotyp: Nachtaktive Menschen haben häufiger Herzprobleme

Menschen, die sich selbst als Nachtmenschen einordnen, erleiden häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Personen, die eher tagsüber aktiv sind. Zudem besteht bei Frauen ein Zusammenhang zwischen spätem Chronotyp und schlechterem Risikoprofil für die Herzgesundheit, wie ein Forschungsteam um Sina Kianersi von der Harvard Medical School und dem Brigham and Women’s Hospital im »Journal of the American Heart Association« zeigt.
Für die Studie hat das Team die Daten von mehr als 322 000 Erwachsenen aus der britischen UK Biobank ausgewertet, einer seit 2006 bestehenden Gesundheitsdatenbank mit umfangreichen medizinischen, genetischen und verhaltensbezogenen Informationen. Zu Beginn der Studie waren die Teilnehmenden zwischen 39 und 74 Jahre alt und wiesen keine bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Sie sollten sich zunächst selbst einem Chronotyp zuordnen, wobei sich knapp acht Prozent als Spättypen bezeichneten, die morgens schwer in die Gänge kommen, eher abends aktiv sind und meist sehr spät ins Bett gehen. Ein Viertel sah sich als Frühtyp, der vormittags am leistungsfähigsten ist und eher früh schlafen geht. Der Großteil der Befragten zählt sich zum Mischtyp.
Das Forschungsteam verglich diese Selbsteinschätzungen mit den sogenannten Life’s Essential 8, einem Bewertungsrahmen der American Heart Association, der zentrale Faktoren der Herzgesundheit wie Ernährung, körperliche Aktivität, Schlafqualität, Rauchverhalten sowie Messwerte zu Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin und Körpergewicht umfasst. Jeder Bereich wurde auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet, wobei höhere Werte für bessere kardiovaskuläre Gesundheit stehen. Die Spättypen erzielten im Durchschnitt niedrigere Werte als die Mischtypen, besonders bei den Punkten Rauchen, Schlaf, körperliche Aktivität, Körpergewicht sowie Blutzucker. Auffällig war zudem der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Zwar wiesen Frauen insgesamt günstigere Herzgesundheitswerte auf als Männer, doch der negative Zusammenhang zwischen Abendchronotyp und schlechter kardiovaskulärer Gesundheit fiel bei ihnen deutlich stärker aus. Spättyp-Frauen hatten fast doppelt so häufig ein ungünstiges Risikoprofil wie Mischtyp-Frauen. Bei Männern war der Effekt ebenfalls vorhanden, aber schwächer.
Während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von knapp 14 Jahren traten bei den Studienteilnehmern rund 17 500 Herzinfarkte oder Schlaganfälle auf. Spättypen hatten ein um 16 Prozent höheres Erkrankungsrisiko. Berücksichtigte man jedoch die acht Gesundheitsfaktoren, schwächte sich dieser Zusammenhang deutlich ab. Laut den Autoren erklärten die »Life’s Essential 8« etwa 75 Prozent des Effekts.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass Nachteulen häufiger zu ungesundem Verhalten neigen und metabolische Risikofaktoren aufweisen. Die Autoren betonen, dass diese Menschen besonders von Maßnahmen profitieren könnten, die ihren individuellen Rhythmus berücksichtigen – etwa besserer Schlafhygiene oder Programmen zur Tabakentwöhnung. Die Analyse hat allerdings auch Einschränkungen: Die Teilnehmenden der UK Biobank sind überwiegend weiß und insgesamt gesundheitlich bessergestellt als die Durchschnittsbevölkerung, was die Übertragbarkeit einschränkt. Zudem wurde der Chronotyp nur einmal und per Selbsteinschätzung erfasst.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.