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Klimakonferenz COP27: Sorge um Energie, Streit um Geld

Welchen Stellenwert hat Klimaschutz noch in einer globalen Energiekrise? Das ist eine der Fragen, die bei der COP27 beantwortet werden muss. Außerdem geht es erstmals auch um Schadenersatz für die Opfer des Klimawandels.
Blick in das offene Ende einer neu verlegten Rohrleitung für Flüssiggas.
Eine neu verlegte Rohrleitung soll Flüssiggas vom Terminal Wilhelmshaven ins Landesinnere transportieren. Durch die Energiekrise entsteht weltweit neue Infrastruktur für fossile Energieträger.

Eigentlich sollte die Weltklimakonferenz COP27 vor allem das fortsetzen, was vor einem Jahr in Glasgow begonnen wurde. Begleiten, nachschärfen und lose Enden verknüpfen. Doch daraus wird nun nichts: Auf der Tagungsordnung in Scharm el Scheich steht in den kommenden zwei Wochen plötzlich eine globale Energiekrise. Die hat auch die bei der COP26 gefassten Pläne mächtig durcheinandergewirbelt – manches, was auf der letzten Klimakonferenz hoffnungsvoll begonnen wurde, ist unter dem Eindruck der neuen Realität schlicht liegen geblieben. Auf einmal gibt es viel zu diskutieren über Dinge, die eigentlich als gesetzt galten. Und erstmals hat es auch der wohl umstrittenste Aspekt der globalen Klimapolitik auf die Tagesordnung geschafft.

Die zentrale Aufgabenstellung allerdings ist die gleiche wie im vergangenen Jahr: Die Zusagen der Staaten zum Klimaschutz sollen nachgebessert werden, um die 1,5-Grad-Grenze zumindest theoretisch in Reichweite zu halten. »Das wichtigste Thema aus meiner Sicht sind Verpflichtungen zur Reduktion von Emissionen aus fossiler Energie«, sagt auch Christian Scharun, Klimaforscher am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT). »Da denken wir momentan viel zu oberflächlich, zu wenig umfassend und zu wenig detailliert.« Setzen die Staaten alle bisherigen Zusagen um, rechnet das UN-Umweltprogramm mit einer Erwärmung von rund 2,5 Grad – nur bis zum Ende des Jahrhunderts wohlgemerkt, denn der Trend stoppt auch über 2100 hinaus nicht von allein

Dabei war die Weltgemeinschaft aus Sicht von Niklas Höhne nach dem vergangenen Klimatreffen eigentlich auf einem guten Weg. Der Professor für Klimaschutz an der Universität Wageningen in den Niederlanden hatte im Vorfeld der COP26 gewarnt, die Konferenz sei »die letzte Chance, das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten« – und in Höhnes Augen hat das auch bedingt funktioniert. »Die Konferenz hat es geschafft, das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten. Einerseits durch neue Klimaziele, andererseits durch die auf der Konferenz vereinbarten Initiativen«, erklärt er. »Außerdem haben die beteiligten Staaten anerkannt, dass all das längst nicht reicht, und sich darauf geeinigt, 2022 noch einmal mit weiteren Maßnahmen nachzulegen.«

Die Energiekrise bringt die Klimapolitik ins Schleudern

Die schlechte Nachricht liefert er allerdings gleich nach: Angesichts der veränderten Weltlage haben viele Staaten ihre guten Vorsätze schnell wieder aus den Augen verloren. »Nur 24 von 196 Ländern haben überarbeitete Klimaziele vorgelegt, und die meisten bedeuten keine wirkliche Verbesserung«, sagt Höhne. »Wir stehen leider nicht gut da.« Auch deswegen wird auf der Klimakonferenz viel über die Energiekrise diskutiert werden. Der Krieg in der Ukraine und der Stopp der Gaslieferungen aus Russland hat nicht nur die Klimapolitik durcheinandergewirbelt, sondern ebenso dafür gesorgt, dass sich die Energieversorgung weltweit umsortiert.

Für die Staaten ist Energie derzeit das wichtigste Thema, beim Klima dagegen sind die Regierungen zu Kompromissen bereit. Eine Konsequenz davon: ein »Goldrausch« bei den fossilen Energiequellen, wie Niklas Höhne es nennt. Neue Gasfelder werden erschlossen und es entsteht Infrastruktur, die womöglich über Jahrzehnte hinweg die Treibhausgasemissionen erhöhen wird. Nicht zuletzt sitzen diverse afrikanische Staaten auf bisher unerschlossenen Gasreserven – groß ist die Versuchung, diese Ressourcen nun zu fördern.

Auf der anderen Seite hätten die hohen Energiepreise auch den Trend hin zu erneuerbaren Energien verstärkt, erklärt Wolfgang Obergassel vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Deutschland hat die Ausbauziele für erneuerbare Energien erhöht, ebenso wie die EU mit ihrem Paket zu REPowerEU, das die Abhängigkeit von Russland reduzieren soll. »Wenn das alles umgesetzt wird, dann könnte die EU ihre Klimaziele für 2030 sogar übererfüllen«, sagt Obergassel.

Beschleunigen könnte den Trend ein neues Arbeitsprogramm zum Klimaschutz, das bereits in Glasgow auf den Weg gebracht wurde. »Die Konferenz in Scharm el Scheich soll die Details dieses Arbeitsprogramms definieren.« Ziel sei unter anderem, nicht mehr über die globalen Emissionen zu diskutieren, sondern ganz konkret auf der Ebene der einzelnen Staaten. Allerdings sind auch hier die nach Glasgow anvisierten Fortschritte ausgeblieben. »Bei den Klimaverhandlungen im Juni in Bonn ist man da leider formal überhaupt nicht weitergekommen«, erklärt Obergassel.

Streitpunkt Finanzierung

Das erklärte Ziel des Programms, die Umsetzung der auf den Klimakonferenzen so reichlich abgegebenen Absichtserklärungen zu beschleunigen, sieht auch Christian Scharun vom KIT als zentral an. »Ein Punkt ist die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Vorhaben umsetzen. Das geht alles einfach viel zu langsam«, sagt er. In Deutschland sei vor allem die Bürokratie ein großes Problem. »Es dauert zum Beispiel im Durchschnitt 60 Monate, bis ein einziges Windrad genehmigt ist.«

Neben der ebenso mühseligen wie altbekannten Arbeit an der Reduktion der Treibhausgasemissionen wollen die Staaten auch beraten, wie man sich an den bereits mit Schwung voranschreitenden Klimawandel am besten anpasst. Zum einen betrifft das Naturkatastrophen wie die Überschwemmungen in Pakistan oder heftigere Stürme, gegen die bessere Schutzmaßnahmen nötig sind – nicht nur im Kontext des Klimawandels. Aber auch langfristige Effekte wie veränderte Niederschlagsmengen, ein steigender Meeresspiegel und gesundheitsschädlich hohe Temperaturen, die Gesellschaften und Staaten zunehmend unter Druck setzen, machen ein rasches Handeln erforderlich.

Der größte Streitpunkt bei der COP27 ist deswegen das Geld: Am stärksten gefährdet sind die ärmeren Staaten, die am wenigsten in der Lage sind, die Veränderungen abzufangen. Die Länder des globalen Südens haben zu wenig Ressourcen, um sich effektiv zu schützen und anzupassen. Die Industrieländer, die bereits sehr lange sehr viele Treibhausgase ausstoßen, sollen Schäden durch den Klimawandel und die nötigen Anpassungsmaßnahmen in ärmeren Ländern deshalb bezahlen. »Das ist schon seit Jahren sehr kontrovers«, sagt Höhne. 100 Milliarden Dollar hatten die reichen Staaten auf dem Klimagipfel von Paris versprochen – doch bisher zieren sie sich, dieses Versprechen einzulösen. »Bis heute sind die versprochenen 100 Milliarden Dollar nicht zusammengekommen, und außerdem wird diese Summe hinten und vorne nicht reichen.«

Wer entschädigt die Opfer?

Unklar ist zudem, wie die Summe möglichst effektiv eingesetzt werden kann. Auf dem Klimagipfel soll nun eine neue Strategie angeschoben werden, bei der sich mehrere Industrieländer mit einem ärmeren Land zusammentun, um bestimmte, vorher festgelegte Maßnahmen und Ziele umzusetzen. Fachleute hoffen, dass dieser Ansatz eine Reihe bisheriger Streitpunkte löst – so auch Höhne: »Wenn solche Partnerschaften funktionieren, könnte das für die ganze Finanzierungsfrage einen großen Schritt nach vorn bedeuten.«

Den größten Ärger dürfte dieses Jahr allerdings das Thema Schadenersatz machen. Denn vor vielen Effekten des Klimawandels kann man sich nicht vollständig schützen, und auch hier tragen die ärmeren Länder die gravierendsten Folgen. Seit mehr als zehn Jahren fordert der globale Süden Schadenersatz von jenen Ländern, die zum größten Teil für den Klimawandel verantwortlich sind. Ein solcher Schadenersatzfonds steht bei der COP27 erstmals auf als eigener Tagesordnungspunkt zur Debatte – und die Details dürften für mächtig Streit sorgen.

Sowohl moralisch als auch juristisch haben die Entwicklungsländer gute Argumente auf ihrer Seite – allerdings weigerten sich bisher nahezu alle Industrieländer, das Thema ernsthaft zu diskutieren. »Einerseits wegen der Größenordnung, um die es da geht, andererseits aber, weil sie befürchten, dass sie damit vielleicht in eine Haftungsdiskussion oder sogar in die richtige juristische Haftung reinrutschen könnten«, erklärt Obergassel. Die ägyptische Tagungsleitung, die merklichen Einfluss auf die Tagesordnung ebenso wie die Mantelentscheidungen hat, hat angekündigt, diesem »Loss and Damages«-Fonds, ebenso wie Finanzierungsfragen allgemein, viel Raum auf der Konferenz einzuräumen.

Wie erfolgreich die COP27 zwischen Finanzierungsstreit und Energiekrise letztendlich sein wird, hängt auch vom Maßstab ab, den man anlegt. Gelöst werden muss das Klimaproblem ohnehin nicht auf der Klimakonferenz, sondern in den jeweiligen Staaten, die dort am Verhandlungstisch sitzen. Und die setzen derzeit andere Prioritäten. »Es wäre schon eine ziemliche Leistung, dass das Thema wieder zentral auf der politischen Tagesordnung ist«, sagt deswegen Wolfgang Obergassel. Aus seiner Sicht verschieben die Verhandlungen vor allem die Diskussionen in den Ländern selbst. »Das ist in meinen Augen die wesentliche Funktion dieser Konferenzen, sozusagen als Schrittmacher zu dienen.«

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