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Auffrischungsimpfung: Die Welt braucht Erstimpfungen dringender als eine dritte Dosis

In Deutschland steht für manche ab September eine dritte Corona-Impfdosis bereit. Andernorts warten Millionen Menschen noch auf den ersten Piks, der Leben rettet. So wird sich die Pandemie kaum beenden lassen.
Barishal, Bangladesch: Eine Mitarbeiterin des Gesundheitssystems impft einen Mann während einer Massenimpfung mit Moderna.

Israel hat begonnen, älteren Erwachsenen Auffrischungsimpfungen zu verabreichen, in der Hoffnung, ihren Schutz gegen Covid-19 zu erhöhen. Eine Reihe anderer wohlhabender Länder planen dasselbe, auch Deutschland. Gesundheitsforschende warnen jedoch, diese Strategie könnte es erschweren, die Pandemie zu beenden. Jede Booster-Impfung stellt ihnen zufolge eine Impfstoffdosis dar, die stattdessen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen eingesetzt werden könnte, in denen die meisten Bürger überhaupt keinen Schutz haben und in denen gefährliche Varianten des Coronavirus auftauchen könnten, wenn mehr Menschen erkranken.

Die Daten zeigen noch nicht, dass eine Auffrischung der Schutzimpfung nötig ist, um Leben zu retten, sagen Forschende. Außer vielleicht bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die auf die ersten Covid-19-Impfungen keine nennenswerte Antikörperreaktion entwickelt haben.

Die elf reichen Länder, die in diesem Jahr die Auffrischungsimpfung einführen oder in Erwägung ziehen, würden etwa 440 Millionen Dosen des weltweiten Vorrats verbrauchen, sollten sie allen über 50-Jährigen die Impfung verabreichen. Das geht aus einer internen Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. Würden alle Länder mit hohem und mittlerem Einkommen dasselbe tun, würde sich diese Zahl verdoppeln.

Die WHO ist der Ansicht, dass diese Impfungen nützlicher wären, wenn sie an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen verschickt würden, in denen mehr als 85 Prozent der Menschen – etwa 3,5 Milliarden Personen – noch keine einzige Impfung erhalten haben. »Die Priorität muss sein, diejenigen zu impfen, die noch keine Impfung erhalten haben«, sagte der Generaldirektor der WHO Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einem Briefing am 12. Juli 2021.

Alle Covid-19-Impfstoffe, die in den meisten Ländern mit hohem Einkommen zugelassen sind, senken das Risiko von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen um mehr als 90 Prozent. Die Wissenschaftler wissen noch nicht sicher, wie viel mehr eine Booster-Impfung – zumeist eine zusätzliche Injektion eines mRNA-basierten Impfstoffs – die Durchschnittsperson schützen würde. Wohingegen ziemlich klar ist, welche schweren Folgen es hat, wenn Menschen nicht geimpft werden. Auf dem afrikanischen Kontinent, wo nur zwei Prozent der Menschen geimpft sind, steigt die Covid-19-Rate rapide an, und die Sterblichkeitsrate ist höher als im weltweiten Durchschnitt.

»Im Moment hängt unser Schicksal davon ab, Impfstoffe zu verteilen, damit es nicht zu einer weiteren Übertragung kommt«
(Nahid Bhadelia, Direktorin des Center for Emerging Infectious Diseases Policy and Research)

Ohne Impfstoffe, sagen Forscherinnen und Forscher, sind die besten Mittel zur Eindämmung der Ausbreitung von Infektionen Maßnahmen wie das Schließen von Betrieben und Schulen, was jedoch verheerende wirtschaftliche Folgen haben kann. Eine Gruppe des Internationalen Währungsfonds (IWF) schätzt, dass im Jahr 2020 95 Millionen Menschen durch die Pandemie in extreme Armut gestürzt wurden, und die Zahl steigt weiter. Am 27. Juli 2021 meldete die Organisation, dass sich die Wohlstandskluft zwischen den reichen Ländern und dem Rest der Welt vergrößert.

Außerdem sind laut Evolutionsbiologen Länder mit geringer Durchimpfungsrate reif für das Auftreten weiterer gefährlicher Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2. »Im Moment hängt unser Schicksal davon ab, Impfstoffe zu verteilen, damit es nicht zu einer weiteren Übertragung kommt«, sagt Nahid Bhadelia, Direktorin des Center for Emerging Infectious Diseases Policy and Research an der Boston University in Massachusetts. »Wir wollen bei den neuen Varianten ja nicht ewig unserem eigenen Schwanz hinterherjagen.«

Impf-Booster in Deutschland ab September möglich

Israel ist nicht der einzige Staat, der Auffrischungsimpfungen für ältere Menschen in Erwägung zieht. Unter anderem auf Grund von Daten, die darauf hindeuten, dass die Antikörperspiegel im Lauf der Zeit sinken, hat Großbritannien Pläne für ein Auffrischungsprogramm für ältere Menschen, Mitarbeiter des Gesundheitswesens und andere Personen mit hohem Covid-19-Risiko ausgearbeitet, aber noch nicht endgültig genehmigt. Im September könnte es beginnen.

Ab September sollen auch bestimmte Gruppen in Deutschland einen Impf-Booster bekommen können. Das haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen, eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission dazu gibt es bislang nicht. Laut Beschluss soll in Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren Einrichtungen mit gefährdeten Gruppen eine Auffrischimpfung angeboten werden – zumeist mindestens sechs Monate nach Abschluss der ersten Impfserie. Patientinnen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem, die zu Hause leben, oder auch daheim lebende Pflegebedürftige sollen das Angebot von ihrem Arzt bekommen.

Anfang Juli entschied sich die US-Regierung vorerst gegen Auffrischungsimpfungen, erklärte sich aber bereit, sie einzuführen, wenn die Wissenschaft einen Bedarf nachweist. Letzte Woche kauften die Vereinigten Staaten weitere 200 Millionen mRNA-Impfstoffe, die von dem in New York City ansässigen Pharmaunternehmen Pfizer und dem in Mainz ansässigen Biotechnologieunternehmen Biontech hergestellt wurden und für Auffrischungsimpfungen verwendet werden könnten, wenn Studien zeigen, dass diese notwendig sind.

Die Vereinigten Staaten und andere Länder zögern, weil die derzeitigen Covid-19-Impfstoffe trotz der Ungewissheit, wie lange ihre Wirkung anhält, die Menschen noch schützen. Diese Woche wurde in einem noch nicht unabhängig von Fachleuten begutachteten Bericht von Pfizer festgestellt, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen symptomatische Covid-19-Erkrankungen von 96 Prozent in den zwei Monaten nach den üblichen zwei Dosen auf 84 Prozent sechs Monate später gesunken ist. Die Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen blieb jedoch mit 97 Prozent hoch.

Die Entscheidung über Auffrischungsimpfungen könnte auch durch das Auftreten der Delta-Variante in vielen Teilen der Welt und die Möglichkeit beeinflusst werden, dass geimpfte Personen diese auf andere übertragen könnten, wenn sie sich infizieren. Theoretisch wird durch eine weitere Verringerung des Infektionsrisikos für geimpfte Personen die Möglichkeit einer Ausbreitung von Delta eingedämmt. Die Variante wurde erstmals Ende 2020 in Indien gemeldet, blieb aber bis März 2021, als es zu einem Anstieg kam, relativ selten. Zu diesem Zeitpunkt waren nur wenige Menschen im Land geimpft worden, so dass sich das Virus in Indien und darüber hinaus ausbreiten konnte.

Ein ähnliches Szenario könnte sich in einem Gebiet mit geringer Durchimpfungsrate und viel Covid-19 wiederholen. Es könnte eine neue Variante entstehen, die schneller übertragbar oder tödlicher ist als Delta oder die es dem Virus ermöglicht, die durch Impfung oder eine frühere Infektion erworbene Immunität – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu überwinden, sagt Katrina Lythgoe, Evolutionsbiologin am Big Data Institute der University of Oxford, Großbritannien. »Vorhersagen sind wirklich schwierig«, fügt sie hinzu, aber man könne mit Sicherheit sagen, dass es an Orten mit mehr Infektionen auch mehr Viren gibt und somit das Risiko neuer Varianten steigt.

Die Ungleichheiten in der Corona-Pandemie nehmen zu

Wenn es genügend Impfstoffe für alle Erwachsenen auf der Welt gäbe, würde eine dritte Dosis für die Menschen in den reichen Ländern nicht so viele Forscher und Forscherinnen beunruhigen. Doch die Ungleichheiten nehmen zu. Ein im Juli 2021 veröffentlichter Bericht von KFF, einer gesundheitspolitischen Organisation mit Sitz in San Francisco, Kalifornien, kommt zu dem Schluss, dass einkommensschwache Länder bei den derzeitigen Impfraten bis mindestens 2023 kein nennenswertes Schutzniveau erreichen werden. Nach Angaben des in London ansässigen Analyseunternehmens Airfinity wurden fast alle der rund 3,2 Milliarden mRNA-Impfdosen, die im Jahr 2021 von den Herstellern Biontech/Pfizer und Moderna in Cambridge, Massachusetts, erwartet werden, von den Vereinigten Staaten und Europa gekauft. Obwohl ein Teil davon an bedürftige Länder gespendet wird, geht aus dem KFF-Bericht hervor, dass diese Menge nicht ausreichen wird. Dem Bericht zufolge muss das Impftempo in einkommensschwachen Ländern um das 19-Fache erhöht werden, um bis Ende des Jahres 40 Prozent der Bevölkerung dieser Länder zu impfen.

Dieses bescheidene Impfziel von 40 Prozent wird von der WHO, der Weltbank und dem IWF als ein Schwellenwert befürwortet, der die Zahl der Todesfälle erheblich reduzieren und den Volkswirtschaften eine Erholung ermöglichen würde. Da dieses Ziel jedoch in immer weitere Ferne zu rücken scheint, hat der IWF seine Wirtschaftsprognosen für 2021 revidiert und die Prognosen für die Entwicklungs- und Schwellenländer herabgestuft. Er warnt davor, dass hochinfektiöse Varianten die weltweite wirtschaftliche Erholung zunichtemachen und das globale Bruttoinlandsprodukt bis 2025 um 4,5 Billionen US-Dollar schmälern könnten.

Die Länder rechtfertigen die Auffrischungsimpfungen damit, dass es ihre Pflicht sei, zuerst ihre Einwohner zu schützen. Beamte in Israel, wo 62 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, sind besorgt über einen Anstieg der Covid-19-Infektionen im letzten Monat. Eran Segal, Informatiker am Weizmann Institute of Science in Rehovot und Covid-19-Berater der israelischen Regierung, ist der Ansicht, dass ein Teil des Anstiegs darauf zurückzuführen sein könnte, dass der Impfschutz nachlässt, obwohl auch andere Faktoren, wie die Tatsache, dass die Menschen mehr Zeit ohne Maske miteinander verbringen, die Infektionsraten beeinflussen können. Was die Verwendung von Auffrischungsimpfungen in Israel angeht, anstatt sie nicht geimpften Menschen anderswo zur Verfügung zu stellen, so sagt Segal, dass das israelische Programm nur etwas mehr als eine Million Dosen erfordern wird. »Das ist vernachlässigbar«, sagt er, »und die Welt wird aus dieser Erfahrung lernen.«

»Wir haben schon immer gewusst, dass wir Bürger zweiter Klasse sind. In diesem Moment spürt man es wirklich«
(Leena Menghaney, die regionale Leiterin der Access-Kampagne von Ärzte ohne Grenzen in Südasien)

Für viele mildert diese Argumentation nicht den Stachel der Ungerechtigkeit in Bezug auf Impfstoffe. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen in Genf, Schweiz, und die Interessengruppe Public Citizen in Washington D. C., USA, haben auf die Nachricht von den Auffrischungsimpfungen mit Empörung reagiert. »Anstatt das Problem zu lösen, indem man die Welt impft und neue Varianten ausschließt, scheinen die reichen Länder bereit zu sein, mehr Geld für Auffrischungsimpfungen auszugeben und in einem Zustand endloser Angst zu leben«, sagt Achal Prabhala, ein Aktivist im Bereich der öffentlichen Gesundheit beim gemeinnützigen Projekt AccessIBSA in Bengaluru, Indien.

Für Leena Menghaney, die regionale Leiterin der Access-Kampagne von Ärzte ohne Grenzen in Südasien, ist diese Debatte eine persönliche Angelegenheit. Sie erlebte Anfang des Monats einen Ansturm auf einen begrenzten Vorrat an Impfstoffen in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, wo die Verzweiflung greifbar war. »Wir haben schon immer gewusst, dass wir Bürger zweiter Klasse sind«, sagt sie, »aber in diesem Moment spürt man es wirklich.«

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