Direkt zum Inhalt

Pandemie: »Kinder geben sich mitunter die Schuld, wenn ein Elternteil stirbt«

Millionen Kinder weltweit haben wegen Corona ein Elternteil verloren. Wie wirken sich der plötzliche Verlust sowie der fehlende Abschied auf die Psyche aus? Und wie kann man als Angehöriger helfen? Der Jugendtherapeut Thorsten Sukale gibt Rat im Interview.
Teddybär sitzt am Fenster mit tristem Ausblick

5,2 Millionen. So viele Kinder haben weltweit einen Elternteil wegen Covid-19 verloren. Zu dieser Zahl kommt eine Studie, die Forscherinnen und Forscher des Imperial College London im Fachmagazin »The Lancet Child & Adolescent Health« veröffentlicht haben. Der Großteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist zwischen 10 und 17 Jahren alt, drei Viertel von ihnen haben ihren Vater verloren. Was macht das mit der Psyche der zurückbleibenden Kinder? Wie können Nahestehende ihnen helfen und wann ist professionelle Unterstützung angebracht? All diese Fragen beantwortet Thorsten Sukale im Interview. Er ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Leiter der Traumaambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm.

»Spektrum.de«: Der Tod bedingt durch Covid-19 ist oft ein schneller. Und anders als etwa bei einer Krebserkrankung können sich Angehörige meist nicht von ihren Liebsten, die im Krankenhaus liegen, verabschieden. Was löst der plötzliche Verlust eines Elternteils bei Kindern aus?

Thorsten Sukale: Der Verlust ist traumatisch. Für ein Kind oder einen Jugendlichen ist er auf jeden Fall prägend. Erliegt ein Elternteil einer Krankheit wie Krebs, leben Kinder länger mit der Ungewissheit – der Tod ist nur eine Möglichkeit. Sie können quasi in die Situation hineinwachsen. Bei Corona geht das häufig sehr viel schneller. Sie werden direkt nach der Krankheit von Mama oder Papa mit deren Tod konfrontiert. Das fühlt sich mitunter wie ein dramatischer Kontrollverlust an.

Thorsten Sukale | Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut leitet die Traumaambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm und hat die therapeutische Leitung der Jugendstation inne.

Also ist dieses Gefühl ausgeprägter, wenn der Verlust so schnell eintritt?

Ja, in der Tat. Das einschneidende Erlebnis geht mit einer evolutionär tief verwurzelten Reaktion einher: Anstatt zu kämpfen oder zu fliehen, »friert« man quasi ein. Das wird als Freezing bezeichnet; es macht erst einmal handlungsunfähig. So erlebt ein Kind vielleicht eine Art Schockstarre, wenn es von der schlimmen Krebsdiagnose der Mutter erfährt. Daraus kann es sich aber nach und nach lösen und Kontrolle zurückgewinnen. Bei sich überschlagenden Ereignissen, wie sie bei einer schweren Corona-Erkrankung auftreten, lässt die Anspannung hingegen nicht nach, sie löst sich nicht. Im Gegenteil: Sie wird noch schlimmer, wenn der Tod schnell darauf folgt. Auch der anschließende Trauerprozess kann dann länger dauern.

Wie Heranwachsende darauf reagieren, ist doch bestimmt stark altersabhängig. Wie erleben Kleinkinder den Tod von Mutter oder Vater?

Im Alter von null bis drei Jahren nehmen Kinder den Tod eher als kurze Abwesenheit der Person wahr. Sie sitzen etwa am Fenster und warten darauf, dass Mama oder Papa zurückkommt. Bei ihnen führt das Erlebte oft dazu, dass sie nicht mehr gut schlafen oder weniger Appetit haben. Im Alter von drei bis sechs Jahren haben die Kleinen dann schon eine erste Idee vom Tod. Sie beziehen ihn aber noch nicht auf sich selbst. Bei Kindern dieser Altersgruppe tritt mitunter ein Regressionsphänomen auf, ein Abwehrmechanismus, der der Angstbewältigung dient. So kann es passieren, dass sie anfangen wieder einzunässen oder wieder im elterlichen Bett schlafen wollen.

Wie gehen Grundschulkinder mit einem solchen Verlust um?

Grundschüler ab sechs Jahren beginnen zu begreifen, dass der Abschied endgültig ist. Realität und Fantasie mischen sich aber häufig miteinander. Sie reden dann manchmal mit der verstorbenen Person. Auch wird das Interesse am Thema Tod größer. Problematisch ist bei ihnen, dass sie den Tod oft als Bestrafung empfinden. Sie geben sich mitunter die Schuld daran, wenn ein Elternteil stirbt. Hinzu kommen häufig Verlustängste und die Angst, selbst zu erkranken. Ich behandle Kinder, die sich täglich auf Krebs und Corona testen lassen wollen, seitdem Mama oder Papa daran gestorben ist.

Wie verändert sich der Umgang mit dem Tod bei Eintritt in die Pubertät?

Ungefähr ab zehn Jahren entwickelt sich ein realistisches Todeskonzept. Es tauchen dann auch Sinnfragen auf, die die Kinder aber eigentlich noch gar nicht richtig einordnen können. Bei ihnen sehen wir nach dem Tod eines Angehörigen häufig ganz viel Wut: Wut, die sich gegen die eigene Person richtet, gegen den Verstorbenen, gegen Corona. In dem Alter treten auch somatoforme Störungen auf, das heißt Kopf- und Bauchschmerzen, die seelisch verursacht sind.

»Sie sitzen am Fenster und warten darauf, dass Mama oder Papa zurückkommt«

Aus Gründen der Pandemiebekämpfung konnten und können sich Kinder oft nicht von ihren sterbenden Bezugspersonen verabschieden.

Vor der Pandemie wurden wir ab und an auf die onkologische Station gerufen, wenn Kinder mit dem bevorstehenden Tod von Mutter oder Vater gar nicht zurechtkamen. Wir versuchten dann, gemeinsam mit den Kleinen an das Krankenbett zu treten und ein Abschiedsritual durchzuführen. So etwas ist sehr hilfreich. Und ja, auf Grund der Pandemie fehlt das nun fast komplett.

Wie kann ein Abschied in diesem Fall aussehen?

Es gibt andere Möglichkeiten, sich zu verabschieden. Etwa über das Telefon, wenn die Person auf der Intensivstation liegt. Da erlebt man dann mitunter herzzerreißende Szenen, wenn Kinder ihren Eltern so etwas sagen wie: »Ich habe dich lieb, Papa. Mach's gut.« Einigen Kindern hilft es, Lieder ins Handy zu singen. In manchen Kliniken können sie auch im Ganzkörperschutzanzug ans Sterbebett. Das lässt natürlich nur eingeschränkten Körperkontakt zu, ist für Kinder jedoch trotzdem wichtig. Hierbei muss man aber unbedingt abwägen: Wie sieht der oder die Erkrankte aus? Befindet sich die Person in der Bauchlage mit Schläuchen und ECMO? Dann sollte man bei kleinen Kindern eher davon Abstand nehmen. Jugendliche kann man fragen, ob sie ihre Eltern trotzdem sehen möchten.

Was hilft Heranwachsenden, wenn sie gerade einen Elternteil verloren haben?

Offenheit ist sehr wichtig. Auch mit kleinen Kindern sollte man ehrlich darüber sprechen, dass Mama oder Papa nicht mehr zurückkommt. Dafür gibt es übrigens ganz tolle und rührende Bücher (siehe Buchtipps ganz unten, Anm. d. Red.). Rituale sind ebenfalls hilfreich. Hierzu gehört auch die Beerdigung. Die Kinder können dann über ihre Mutter oder ihren Vater sprechen oder Figuren und Fotos auf das Grab stellen. Ich habe vor Kurzem an einer Beerdigung eines jungen Vaters teilgenommen. Die Kinder ließen Luftballons steigen und alle schauten in den Himmel anstatt auf den Boden. Das war sehr schön. Allerdings sollten Kleinkinder nur dann an so etwas teilnehmen, wenn sie dabei gut begleitet werden.

»Ungefähr ab zehn Jahren entwickelt sich ein realistisches Todeskonzept«

Und wie sieht es mit Alltagsritualen aus?

Für Kinder und Jugendliche kann es tröstend sein, den Geburtstag des verstorbenen Elternteils zu feiern. Es ist wichtig, dass er weiterhin einen Platz im Alltag des Kindes hat und das Reden über die Person nicht tabuisiert wird. Doch der Tod soll nicht allgegenwärtig sein. Werden etwa Fotos und Kerzen aufgestellt, so sollte sich das auf einen kleinen Bereich des Hauses oder der Wohnung beschränken.

Da sind die Bedürfnisse ja bestimmt auch individuell sehr verschieden.

Ich hatte vor einiger Zeit ein Zwillingspärchen in Behandlung, dessen Vater an einem plötzlichen Herztod verstorben war. Das eine Mädchen liebte es, überall Fotos vom Papa aufzustellen, das andere konnte es gar nicht ertragen. Das macht es innerhalb der Familie natürlich schwierig, wenn die Geschwister so unterschiedliche Bedürfnisse haben. Da muss man einen Kompromiss finden.

Wie wichtig ist die Rückkehr zu einem normalen Alltag?

Sehr wichtig! Der Tod eines Elternteils bringt schon genug aus den Fugen. Ich finde es dabei wichtiger, dass die trauernden Kinder Zeit mit Hobbys, Sport, Freunden und Nachbarskindern verbringen, als dass sie zügig in den Unterricht zurückkehren. Aber auch das sollte man nicht zu lange hinauszögern.

Wobei es die Pandemie natürlich sehr erschwert, einen normalen Alltag zu führen.

Gerade während der Lockdowns fiel soziale Unterstützung weg. Trauernde Kinder hatten kaum Sozialkontakte außerhalb der Familie. Das erschwert die Bewältigung natürlich. Zumal die Kinder dann häufig mit dem anderen, ebenfalls leidenden Elternteil isoliert waren. Dabei ist die Unterstützung von außen, also von Freunden und Verwandten, enorm wichtig. Ich rate auch jedem in der Situation dazu, Hilfe von Nachbarn oder anderen Menschen anzunehmen, wenn sie es anbieten. Bei allem Negativen sollten sich Angehörige aber bewusst machen, dass Kinder sehr stark sind, sie gehen mit dem Erlebten häufig besser um als anfangs befürchtet.

»Ich rate auch jedem in der Situation dazu, Hilfe von Nachbarn oder anderen Menschen anzunehmen, wenn sie es anbieten«

Inwiefern?

Kinder sind äußerst anpassungsfähig. Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie sie sich Verlust und Trauer stellen. Deshalb kann ich den beteiligten Erwachsenen nur raten, sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Manche Kinder übernehmen nach dem Tod eines Elternteils sogar in gewisser Weise die Rolle des Verstorbenen und trösten ihre zurückgebliebene Mama oder ihren Papa.

Kann das dem Kind bei der Verarbeitung helfen?

Ja, schon. Es kann so ein Stück weit die Kontrolle zurückgewinnen. Man muss aber aufpassen, dass man es nicht überfordert. Dann besteht die Gefahr, dass der Kontrollverlust zurückkommt.

Kann ein so einschneidendes Erlebnis auch eine Chance für die Entwicklung eines Kindes sein?

Das kann es tatsächlich sein. So etwas nennt man »posttraumatic growth«, also posttraumatisches Wachstum. Das bezeichnet das Phänomen, aus einer Krise gestärkt hervorzugehen. Kinder sind besser darin als Erwachsene.

Woran können Angehörige erkennen, ob ein Kind vielleicht doch professionelle Hilfe benötigt?

Zuerst einmal sollte man dem Kind oder dem Jugendlichen Raum für die Trauer lassen. Kommt es so weit, dass ein Schulbesuch gar nicht mehr möglich ist, sich der Junge oder das Mädchen sozial isoliert und nur noch im Zimmer hockt, dann ist das womöglich ein Warnsignal. Wichtig ist es, zu beobachten, ob sich das Trauerverhalten über die Zeit verändert. Bei völligem Stillstand sollte man sich und dem Kind Hilfe suchen.

Über welchen Zeitraum sprechen wir da?

Das lässt sich so konkret nicht sagen. Der Zeitraum ist auch altersabhängig. Bei kleinen Kindern setzen Veränderungen schnell ein, sie sind sehr anpassungsfähig. Bei älteren kann der normale Trauerprozess etwas länger dauern. Wenn ein Kind aber nichts mehr isst und nur noch weint, dann sollte man früh reagieren.

Wo genau können Angehörige Hilfe suchen?

Zum Beispiel bei der Diakonie. Sie bietet Beratungen an, zuerst im Einzelgespräch und dann später vielleicht in der Gruppensitzung. Eine Trauergruppe ist eher dann angebracht, wenn das Kind bereits auf einem guten Weg ist. Treten psychopathologische Symptome wie Regression oder Trennungsängste auf, kann man bei der Ambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie vorstellig werden. Das gilt auch bei Jugendlichen, die sich sehr zurückziehen, sich selbst verletzen oder extreme Stimmungsschwankungen zeigen.

»Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie sie sich Verlust und Trauer stellen«

Laut der erwähnten »Lancet«-Studie haben drei von vier betroffenen Kindern ihren Vater verloren. Was bedeutet der Verlust des Vaters im Gegensatz zu dem der Mutter? Gibt es da Unterschiede?

Grundsätzlich würde ich sagen nein. Es geht eher darum: Wer ist der Hauptverantwortliche im Alltag? In den vergangenen Jahren hat sich in der Rollenzuweisung ja viel verändert. Früher waren die Mütter Hauptbindungsperson in den ersten Lebensjahren des Kindes. Dann ist ihr Verlust natürlich besonders schlimm. Aber durch die modernen Zeitmodelle gibt es immer weniger Unterschiede. Väter sind durch die Elternzeit präsenter, Mütter steigen nach der Geburt wieder schneller in den Job ein.

Die Autoren der Studie fordern mehr gezielte Programme, um Kinder und Jugendliche psychisch zu unterstützen. Halten Sie das auch in Deutschland für notwendig?

Auf jeden Fall! Es mangelt an niederschwelligen Angeboten wie etwa Trauergruppen für Jugendliche. Zudem gibt es viel zu wenig Kinder- und Jugendtherapeuten. Wir haben auf der Station eine Wartezeit von ungefähr acht Monaten. In der Ambulanz sieht es ähnlich aus. Dann kommt die Hilfe zu spät. Während der Therapieausbildung ist die Trauerstörung außer im Rahmen der Posttraumatischen Belastungsstörung kein Thema. In meiner Funktion als Supervisor höre ich häufig von den angehenden Verhaltenstherapeuten: Was soll ich mit trauernden Menschen machen? Das ist gerade jetzt, in Zeiten einer Pandemie, ein echtes Problem. Hier muss in Deutschland auf mehreren Ebenen nachgebessert werden – auch in der Prävention.

Können Sie das konkretisieren?

Das Thema Tod ist bei uns ein Riesentabu. Es sollte aber auch präventiv viel öfter darüber geredet werden – beispielsweise in der Schule oder in Freizeitgruppen. Das betrifft auch viele andere Themenbereiche, etwa sexuellen Missbrauch. In der psychosozialen Versorgung von Kindern und Jugendlichen gibt es grundsätzlich einen enormen Nachholbedarf in Deutschland.

Buchtipps zur Verarbeitung von Verlust und Trauer bei Kindern

Doyle, R.: Ganz die Mutter. Carl-Auer, 2014. Kinderbuch zu den Phasen des Trauerns. Ab 5 Jahren

Eder, S., Wenz, T.: Abschied von Mama. Das Bilder-Erzählbuch zum Trösten und Erinnern für Kinder, die ihre Mama verlieren (SOWAS!). Edition Riedenburg, 2017. 5 bis 8 Jahre

Fessel, K., Schulmeyer, H.: Ein Stern namens Mama. Kids in BALANCE, 2018. Einfühlsames Kinderbuch über den Tod der Mama. 4 bis 6 Jahre

Kloes, G., von der Lühe, J.: Es wird gut, kleine Maus. Mabuse, 2016. Ein Bilderbuch für Kinder, die nach einer Verlusterfahrung verstummen. Ab 4 Jahren

Lunde, S.: Papas Arme sind ein Boot. Gerstenberg, 2011. Geschichte über den Verlust der Mutter. 4 bis 6 Jahre

Saegner, U.: Sarahs Mama: Wenn die Mutter stirbt. Hospizverlag 2008. Kinderbuch zum Thema Tod und Trauer. Ab 5 Jahren

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte