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Corona-Pandemie: Die »Covid-aus-dem Labor«-Kontroverse eskaliert

Es kursiert die Behauptung, das Sars-CoV-2-Virus wäre aus einem Labor in China entwichen. Das macht Teilen der Wissenschaft Sorgen: Die internationale Zusammenarbeit bei der Pandemie-Bekämpfung wird dadurch erschwert und einem Online-Mob Munition gegeben.
Ordnungshüter vor dem Wuhan Institute of Virology

In den USA behaupten Politiker der Republikaner in einer zunehmend hitzigen Kontroverse, das Coronavirus sei aus einem Versuchslabor in China entwichen und habe so dann die Pandemie ausgelöst. Gleichzeitig halten es verschiedene Wissenschaftler für notwendig, solche Spekulationen um ein Leck im Labor wirklich gründlich und unabhängig prüfen zu lassen. Andere Forscher machen sich Sorgen um den schrillen Tonfall der Debatte: Dies könne es am Ende unmöglich machen, etwas über den tatsächlichen Ursprung des Virus herauszufinden.

Die Diskussion verschärft nun die ohnehin vorhandenen Spannungen zwischen den USA und China im Vorfeld von Gesprächen der Staats- und Regierungschefs: Hier soll auf höchster Ebene entschieden werden, wie die Pandemie eingedämmt werden kann und man sich gegen künftige ähnliche Notfälle wappnet. Auf der Weltgesundheitsversammlung in dieser Woche zum Beispiel diskutieren Gesundheitsbeamte aus fast 200 Ländern über Strategien, wie die Impfstoffproduktion angekurbelt und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reformiert werden könnte. Ein Riss zwischen den USA und China dürfte einen Konsens in diesen Fragen erschweren, fürchtet David Fidler, ein Weltgesundheitsexperte beim Council on Foreign Relations, einem Think Tank in Washington DC. »Wenn sich die geopolitische Lage zwischen diesen beiden Großmächten etwas entspannt, könnte das den notwendigen Spielraum schaffen, um einiges von dem umzusetzen, was umgesetzt werden muss«, sagt er.

Fieberpegel

Die Debatte über die »Lab-Leak«-Hypothese köchelt schon seit 2020 vor sich hin. Im April 2021 ist sie nun aber – ohne dass starke Beweise dazugekommen wären – in größerer Lautstärke und zunehmend giftig geführt worden. In den USA wächst die Sorge um mögliche Folgen – vom Online-Mobbing gegen Wissenschaftler oder antiasiatische Schikanen bis hin zu beleidigten Reaktionen von Forschern und Behörden in China, deren Kooperation notwendig wäre. In das aufgeheizte Klima platzte nun am 14. Mai ein in »Science« veröffentlichter Beitrag von 18 Forschern: Sie argumentieren dafür, die Lab-Leak-Hypothese des aus einem Labor in China entwichenen Sars-CoV-2-Virus noch eingehender zu untersuchen.

Die Unterzeichner nehmen dabei Bezug auf die erste Phase einer von der WHO gesponserten Covid-19-Untersuchung zu dieser Frage. Sie hatte im März 2021 einen Zwischenbericht veröffentlicht, der den Fokus mehr auf einen Virus-Ursprung aus einem Tier gelegt hatte als auf ein mögliches Entweichen aus einem Labor. Der Bericht kartierte beispielsweise einen großen Markt im chinesischen Wuhan und ermittelt so, dass die meisten nachgewiesenen Sars-CoV-2-Proben in der Nähe von Marktständen aufgetaucht sind, an denen Tiere verkauft wurden. Viele Virologen sagen, dass dieser Forschungsfokus gerechtfertigt ist: Immerhin nehmen die meisten neu auftretenden Infektionskrankheiten nach einem Spillover aus der Natur ihren Anfang, wie man es etwa bei HIV, Zika und Ebola gesehen hat. Genomuntersuchungen deuten auch darauf hin, dass ein Sars-CoV-2-ähnliches Virus seinen Ursprung in Hufeisenfledermäusen (Rhinolophus spp.) hatte, bevor es sich auf ein unbekanntes Tier ausbreitete, das den Erreger dann an Menschen weitergab. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass ein tierischer Ursprung viel wahrscheinlicher ist als ein Laborleck.

Das hat Politiker, Journalisten, Talkshow-Moderatoren und einige Wissenschaftler nicht von unbewiesenen Behauptungen abgehalten: Sie bringen das Coronavirus weiterhin mit dem Institute of Virology in Wuhan (WIV) in Verbindung, der chinesischen Stadt, in der Covid-19 zuerst entdeckt wurde. Einige Mitglieder des US-Kongresses und der Medien sind noch weiter gegangen und haben behauptet, dass die chinesische Regierung ein Sars-CoV-2-Leck im WIV vertuscht und dass sogar Anthony Fauci, der Direktor des US National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), darin verwickelt ist, weil das NIAID einige Studien am WIV finanziert hat. WIV und Fauci haben dies zurückgewiesen: Sie seien erst auf Sars-CoV-2 gestoßen, nachdem das Virus Ende Dezember 2019 aus Patienten isoliert worden war.

Der Beitrag in »Science« sei wohl gut gemeint gewesen, sagt die kanadische Virologin Angela Rasmussen von der University of Saskatchewan – die Autoren hätten aber besser reflektieren sollen, welche Folgen er im zerrissenen politische Umfeld rund um dieses Thema auslöst. Der Hauptautor des »Science«-Beitrags – David Relman, ein Mikrobiologe der Stanford University – hält es dennoch für wichtig, seine Meinung zu äußern. Er könne nicht verhindern, dass sie falsch dargestellt wird: »Ich sage nicht, ich würde glauben, dass das Virus aus einem Labor stammt«, hält Relman fest.

Vielmehr weise er darauf hin, dass die Autoren des WHO-Untersuchungsberichts in ihren Schlussfolgerungen zu entschieden waren. Dabei geht es auch um Formulierungsfragen: Die Ermittler hätten die Hypothese natürlichen Ursprungs ja auch als »verlockend« statt »sehr wahrscheinlich« bezeichnen können. Zudem sei nicht klar gesagt, dass die Ermittler nicht genug Informationen hatten, um Schlussfolgerungen über die Laborleck-These zu ziehen. Zwar hatten sie das WIV-Labor besichtigt und Forscher dort befragt, sie erhielten aber keine Primärdaten.

»Ich sage nicht, ich würde glauben, dass das Virus aus einem Labor stammt«
(David Relman, Mikrobiologe)

Die Autoren des »Science«-Beitrags weisen darauf hin, dass Menschen asiatischer Herkunft Belästigungen ausgesetzt sind, und missbilligen Missbrauch durch die, die China in der Verantwortung für Covid-19 sehen. Das hält aggressive Befürworter der Lab-Leck-Hypothese nicht davon ab, das »Science«-Stück zur Bestätigung ihrer Ideen heranzuziehen. So twitterte etwa ein Neurowissenschaftler, der »Science«-Beitrag sei eine verwässerte Version von Ideen, die seine Gruppe letztes Jahr online gepostet hat – der Kommentartor gehört zu einer Gruppe, die sich nach eigener Aussage zum Ziel gesetzt hat, Covid-19 unabhängig zu untersuchen. Wenige Tage später eskalierte der Streit auf Twitter, als der Neurowissenschaftler auch Rasmussen heftig anging, nachdem sie dort öffentlich Studien angeführt hatte, die einen natürlichen Ursprung von Sars-CoV-2 nahelegen: Er nannte sie schließlich »fett« und postete abfällige Kommentare über anatomische Geschlechtsmerkmale der Wissenschaftlerin. Rasmussen konstatiert, die Debatte habe sich »derart weit von einer Diskussion der Beweislage entfernt, dass ich nicht weiß, ob wir das noch zurückdrehen können«. Relman sagt indes, er sei betrübt über Fehlverhalten und Missbrauch an Kollegen, nun zurückrudern wolle er aber nicht.

Wissenschaftler sind uneins

Mit Beginn der Weltgesundheitsversammlung am 24. Mai werden Forderungen nach weiteren Nachforschungen noch einmal lauter. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen die WHO aufgefordert, eine »transparente, wissenschaftlich fundierte« Phase-2-Studie zum Ursprung des Coronavirus durchzuführen, und US-Präsident Joe Biden gab bekannt, er habe neben den staatlichen US-Laboren auch den Geheimdienst angewiesen, »Druck auf China« auszuüben, um die Teilnahme an einer Untersuchung sicherzustellen. Die WHO, die nicht die Befugnis hat, eine Untersuchung in China ohne die Erlaubnis des Landes durchzuführen, prüft derzeit Vorschläge für diese nächste Phase der Aufklärung des Virus-Ursprungs.

In der Zwischenzeit jagen sich in den USA die Schlagzeilen über die erneut aufflammende Lab-Leak-Hypothese. Oft nehmen sie Bezug auf zwei Artikel im »Wall Street Journal«: Die eine Geschichte bezieht sich auf ein nicht veröffentlichtes Dokument eines anonymen Beamten, der zur Administration des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump gehörte. Darin wird nahegelegt, dass drei WIV-Forscher im November 2019 krank waren. Die zweite Story dreht sich darum, dass chinesische Behörden einen Journalisten daran hinderten, eine altes Bergwerk zu betreten, in dem WIV-Forscher im Jahr 2012 Coronaviren bei Fledermäusen gefunden hatten. Seit Langem beharren die Forscher darauf, dass keines der dort analysierten Viren Sars-CoV-2 war. Als Reaktion auf die Berichterstattung des »Wall Street Journal« nahm das chinesische Außenministerium Stellung: Die USA »erfinden immer wieder widersprüchliche Behauptungen und rufen dann danach, die Labore in Wuhan zu untersuchen«.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Der Virologe Kristian Andersen vom Scripps Research Institute behauptet, es gebe keine stichhaltigen Beweise für ein Leck im Labor. Zudem dürften feindselig vorgetragene Forderungen nach einer Untersuchung des WIV wohl nach hinten losgehen, weil sie oft wie Anschuldigungen klingen. Dies könne dazu führen, dass chinesische Wissenschaftler und Beamte weniger bereit sind, Informationen zu teilen, meint der Virologe. Zudem könnten in einer solchen Stimmungslage auch US-Zuschüsse für Forschungsprojekte ins Visier geraten, die in China durchgeführt werden – eine Sorge, die wieder andere Wissenschaftler umtreibt. Sie verweisen dabei auf eine Coronavirus-Zusammenarbeit zwischen einer Non-Profit-Organisation aus den USA und dem WIV: Sie musste 2020 auf einmal abrupt eingestellt werden, nachdem die US National Institutes of Health die Finanzierung zurückgezogen hatten. Ohne solche Kooperationen, sagt Andersen, werden Wissenschaftler Schwierigkeiten haben, die Quelle der Pandemie zu entdecken.

Diplomatie als Ablenkung

Insgesamt steht mehr auf dem Spiel, als nur den Ursprungs von Covid-19 aufzudecken oder nicht. Analysten der globalen Gesundheitspolitik halten die Kooperation von Staaten für entscheidend für das Eindämmen der Pandemie und um die Welt auf zukünftige Ausbrüche vorzubereiten. So ist es etwa entscheidend, die Verteilung von Impfstoffen auszuweiten und die Biosicherheitsregeln zu reformieren und zum Beispiel Standards für die Meldung von Virusüberwachungsdaten zu setzen. Doch solche Maßnahmen erfordern einen breiten Konsens der mächtigen Länder, sagt Amanda Glassman, eine Expertin für globale Gesundheit am Center for Global Development in Washington DC. »Wir müssen das große Ganze betrachten und uns auf Anreize konzentrieren, die uns ans Ziel bringen«, sagt sie. »Ein konfrontativer Ansatz wird die Dinge nur noch schlimmer machen.«

Fidler stimmt zu: Eskalierende Forderungen und Anschuldigungen würden zu einer geopolitischen Spaltung führen – und zwar gerade in einem Augenblick, in dem eigentlich Solidarität gefragt ist. »Die Vereinigten Staaten stoßen China in der Frage nach einer Untersuchung immer wieder vor den Kopf«, sagt er. Aber selbst wenn die Untersuchungen zur Herkunft von Covid-19 vorankommen: Es sei nicht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit endgültige Daten zu den Fragen der Wissenschaftler parat liegen. Immerhin bleibt etwa der Ursprung der meisten Ebola-Ausbrüche rätselhaft. Und Forscher haben 14 Jahre gebraucht, um den Beweise zu liefern, dass die Epidemie des schweren akuten respiratorischen Syndroms (Sars) von 2002 bis 2004 durch ein Virus verursacht wurde, das von Fledermäusen auf Zibetkatzen und Menschen übertragen wurde.

Biosicherheitsmaßnahmen werden dringend gebraucht, und zwar schnell. Fidler meint daher, die Vereinigten Staaten sollten sich darauf konzentrieren, eine Pandemie-Diplomatie zu etablieren, etwa durch Treffen zwischen US-amerikanischen und chinesischen Botschaftern, wie es bei den Diskussionen über den Klimawandel im April 2021 geschehen ist. Denn, fragt der Gesundheitsexperte, »hätten wir nicht eigentlich einiges zu erledigen, um uns auf die nächste Pandemie vorzubereiten – angesichts des Debakels dieser Pandemie?«

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