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Coronapandemie: Covid-Impfstoffe werden die ärmsten Länder erst 2023 erreichen

Reiche Nationen haben Millionen Impfstoffdosen für ärmere Länder zugesagt, doch die Lieferung stockt. Derweil steigen die Fallzahlen in Afrika und Asien, Delta breitet sich aus und neue Coronavirus-Varianten entstehen.
Produktion von Antigen Tests im Institut Pasteur fuer den Senegal, Dakar, 17.06.2021.Laden...

Die meisten Menschen in den ärmsten Ländern werden weitere zwei Jahre warten müssen, bevor sie gegen Sars-CoV-2 geimpft werden. Das berichtet das Magazin »Nature« und beruft sich dabei auf Aussagen von Forschenden.

Um 70 Prozent der Weltbevölkerung vollständig gegen Covid-19 zu impfen, werden rund 11 Milliarden Impfdosen benötigt. Bis zum 4. Juli 2021 waren bereits 3,2 Milliarden Dosen verabreicht worden. Bei der derzeitigen Impfrate wird sich diese Zahl bis zum Ende des Jahres auf etwa sechs Milliarden Dosen erhöhen, prognostizieren Forscher des Internationalen Währungsfonds mit Sitz in Washington D. C.

Doch bisher gingen mehr als 80 Prozent der Dosen an Menschen in Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen. Nur ein Prozent der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen haben mindestens eine Dosis erhalten, geht aus Daten der Website »Our World in Data« hervor.

Im Juni 2021 hatten die Staats- und Regierungschefs der G7-Gruppe der wohlhabenden Nationen bei einem Gipfel in Cornwall, Großbritannien, zusätzliche Impfdosen für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) bis Ende 2022 zugesagt. Im Mittelpunkt stand das Versprechen von US-Präsident Joe Biden, 500 Millionen Dosen des Impfstoffs des New Yorker Pharmaunternehmens Pfizer und des Biotechnologieunternehmens Biontech aus Mainz zu spenden. Und zwar zusätzlich zu den 87,5 Millionen, die bereits zugesichert wurden. Das Vereinigte Königreich hat 100 Millionen zugesagt, Frankreich, Deutschland und Japan jeweils rund 30 Millionen.

China soll rund 30 Millionen Impfstoffdosen in mindestens 59 Länder geliefert haben. Das zeigen am 2. Juli 2021 veröffentlichte Daten von Forschern des Duke Global Health Innovation Center in Durham, North Carolina.

EU und USA verbieten den Export einiger Impfstoffe

Die Zusagen würden wahrscheinlich nicht dazu führen, dass mehr Impfstoffe schneller zu den ärmsten Menschen der Welt gelangen, sagt Andrea Taylor, eine Forscherin für Gesundheitspolitik und stellvertretende Direktorin des Zentrums. Im März 2021 hatte ihre Gruppe prognostiziert, dass die Welt im Jahr 2023 geimpft sein würde; das gelte noch immer, sagt Taylor.

Unter anderem Exportbeschränkungen sorgen dafür, dass die Dosen nicht wie zugesagt verteilt werden. Sowohl die Europäische Union als auch die Vereinigten Staaten verbieten den Export einiger Impfstoffe und Impfstoffbestandteile. Die EU besteht darauf, dass die Unternehmen ihre Zusagen zur Lieferung von Impfstoffen in die EU erfüllen, bevor sie in andere Länder exportieren. Im Februar ordnete Indien, wo etwa sechs von zehn Impfstoffdosen weltweit hergestellt werden, an, dass die Hersteller des Landes keine Covid-19-Impfstoffe mehr exportieren dürfen – auch nicht an die COVAX-Initiative, die von Gruppen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegründet wurde, um Impfstoffe an LMICs zu verteilen. Das sei ein großer Rückschlag gewesen, sagt Taylor.

COVAX hat sich verpflichtet, ein Fünftel der Bevölkerung jeder LMIC zu impfen, indem bis Ende dieses Jahres zwei Milliarden Dosen geliefert werden. Nach Angaben des Duke Global Health Innovation Center hat COVAX bereits 2,4 Milliarden Dosen gekauft – im März waren es noch 1,1 Milliarden. Bis zum 2. Juli 2021 hatte COVAX 95 Millionen Dosen ausgeliefert, im Mai waren es noch 65 Millionen.

Steigende Fallzahlen in Afrika und Asien

Unterdessen steigen die Covid-19-Fälle in Afrika sprunghaft an. Das Afrika-Büro der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Brazzaville, Republik Kongo, berichtet, dass die Zahl der Covid-19-Infektionen vom 13. bis 20. Juni um 39 Prozent und in der Woche bis zum 27. Juni um 25 Prozent gestiegen ist. Mindestens 20 Länder, darunter Sambia, Uganda, Südafrika und die Demokratische Republik Kongo, erleben laut den Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) mit Sitz in Addis Abeba, Äthiopien, eine dritte Welle von Infektionen. Die Gesundheitseinrichtungen sind zunehmend überlastet.

Das Pharmaunternehmen AstraZeneca mit Sitz in Cambridge, Großbritannien, ist eine der Hauptquellen für COVAX-Impfdosen. Im Juni 2020 unterzeichnete das Unternehmen einen Vertrag mit dem Serum Institute of India (SII) in Pune, einem der größten Impfstoffhersteller der Welt, zur Herstellung von einer Milliarde Dosen des Impfstoffs, den das Unternehmen zusammen mit der Universität Oxford, Großbritannien, entwickelt hat, und zum Versand an LMICs. Davon sollten 400 Millionen Dosen bis Ende 2020 bereitgestellt werden.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Doch im März begann die zweite Welle von Infektionen in Indien anzuschwellen. Die Regierung wies im Februar das SII an, alle Impfstofflieferungen umzuleiten, um die inländische Nachfrage zu decken. Dies hat COVAX besonders hart getroffen.

Bis Ende März dieses Jahres hatte COVAX nur 28 Millionen Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca-Oxford erhalten. Bis Ende April sollten weitere 90 Millionen Dosen geliefert werden; das ist vorerst gestoppt.

COVAX will bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfdosen liefern

Insgesamt erhielten die afrikanischen Länder zwischen Februar und Mai nur 18,2 Millionen der 66 Millionen Dosen, die sie durch COVAX erwartet hatten. Von den fast 1,3 Milliarden Menschen in Afrika haben gerade einmal zwei Prozent eine Dosis des Covid-19-Impfstoffs erhalten. Und nur etwas mehr als ein Prozent – 26  Millionen Menschen – sind laut dem Afrika-Büro der WHO vollständig geimpft.

Ein Sprecher von SII sagte gegenüber »Nature«, dass das Unternehmen erwartet, den weltweiten Export bis Ende 2021 wieder aufzunehmen. Ein Sprecher von COVAX sagt, dass die Organisation trotz der Verzögerungen zuversichtlich ist, ihr Ziel zu erreichen, bis Ende des Jahres zwei Milliarden Dosen zu liefern.

Insbesondere die Delta-Variante gefährdet ungeimpfte Bevölkerungsgruppen

Da die indischen Hersteller vorerst aus dem Rennen sind, entwickeln sich die USA zum weltweit führenden Lieferanten von Impfdosen für LMICs, erklärt Taylor; sie haben damit begonnen, einige ihrer überschüssigen Vorräte zu verteilen.

Nach Ansicht des WHO-Chefwissenschaftlers Soumya Swaminathan könnte dies jedoch zu spät sein. »Die ungleiche Verteilung von Impfstoffen hat dazu geführt, dass sich das Virus weiter ausbreiten konnte«, sagt sie. Ungeimpfte Bevölkerungsgruppen sind bereits gefährdet, insbesondere durch neue Coronavirus-Varianten wie Delta, auch bekannt als B.1.617.2. »Wir brauchen Länder mit einem großen Vorrat, um 250 Millionen Dosen für September zu spenden«, sagt Swaminathan.

»Dosen, die jetzt geteilt werden, haben eine viel größere Wirkung als jene in sechs Monaten«(Andrea Taylor, Forscherin für Gesundheitspolitik)

Die WHO ruft ihre Mitgliedsstaaten in einer Aktion dazu auf, bis September mindestens 10 Prozent der Menschen in jedem Land zu impfen, und bis Ende des Jahres mindestens 30 Prozent. Dies könne nur gelingen, wenn die Länder sofort Dosen mit COVAX austauschen und wenn die Hersteller COVAX-Bestellungen priorisieren, sagt Swaminathan.

Das Timing sei extrem wichtig, fügt Taylor hinzu. »Dosen, die jetzt geteilt werden, haben eine viel größere Wirkung als jene in sechs Monaten. Wir brauchen wohlhabende Länder, die sofort Dosen schicken.«

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