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Covid-19: Was bleibt, wenn das Virus geht

Die meisten Menschen werden nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 wieder fit. Aber nicht alle. Langsam wird bekannt, für welch langfristigen Schäden Covid-19 sorgen kann.
Auch bei jüngeren Covid-19-Patienten dauert es manchmal viele Monate, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind.Laden...

In der Statistik wird Michael Stein längst als »genesen« geführt, er selbst beschreibt seinen Zustand etwas bescheidener: »Ich habe zumindest überlebt.« Stein, 49 Jahre alt, hat 25 Jahre aktiv Handball gespielt, zwei Jahre davon in der Bundesliga, Position Rückraum links. Er war sein Leben lang sportlich und fit – doch das verhinderte nicht, dass ihn das Coronavirus Sars-CoV-2 im März überwältigte. Die Erkrankung begann mit hohem Fieber, dann ging es schnell: Atemprobleme, Panik, Notarztwagen, sechs Wochen Intensivstation, davon zwei Wochen Beatmung im künstlichen Koma.

Als Michael Stein aus dem Koma aufwachte, war das Virus zwar verschwunden, er galt als genesen – aber Stein fühlte sich nicht als Sieger, sondern als Besiegter. Er konnte nicht richtig durchatmen, konnte sich nicht alleine aufzusetzen. »Ich war froh, als ich nach ein paar Tagen wenigstens wieder schlucken konnte.« Sein erstes Ziel: Auf der Terrasse sitzen und eine Limonade trinken. Das hat er vor zwei Wochen geschafft. Doch ob er je die alte Stärke erlangt, ist ungewiss.

Covid-19 kommt in manchen Fällen, um zu bleiben. Denn selbst wenn der Krankheitserreger gebannt ist, kann das Virus im Körper eine Spur der Verwüstung hinterlassen haben. Die Frage nach den Langzeitfolgen von Covid-19 ist derzeit eines der am meisten beforschten Felder in der Medizin. Was sich bereits andeutet: Covid-19 kann – wenngleich nur bei einem kleinen Anteil der Erkrankten – zu langfristigen oder gar dauerhaften Schäden führen.

Chronische Folgen nach leichter Covid-19-Erkrankung

Grundsätzlich gilt: je leichter der Verlauf, desto kleiner das Risiko für Langzeitfolgen. Menschen, bei denen Covid-19 mit wenigen oder gar keinen Beschwerden ablief, haben normalerweise keine Langzeitfolgen zu befürchten. Doch es gibt Ausnahmen: »Es kommt offenbar vor, dass Menschen nach einer ganz leichten Covid-19-Erkrankung eine chronische Erkrankung der Lunge, des Herzens, des Nervensystems oder anderer Organe bekommen. Auch wenn das nur Einzelfälle sind, besteht dringender Forschungsbedarf«, sagt Martin Witzenrath, Stellvertretender Klinikdirektor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Zu den mittelschweren Covid-19-Verläufen zählen Krankheitsverläufe bei Patienten, die zu Hause schwerer erkranken oder stationär im Krankenhaus sind, aber nicht beatmet werden müssen. Hier gibt es immer wieder Menschen, die seit der Infektion bis heute den Eindruck haben, nicht mehr so fit zu sein wie zuvor. Ulrike Protzer, die unter anderem am Helmholtz Zentrum München arbeitet, hat im April mehrere sportliche, junge Patienten betreut, die sich beim Skiurlaub in Österreich infiziert und einen leichteren oder mittelschweren Krankheitsverlauf hatten. »Das ist jetzt schon einige Wochen her, aber erst vor ein paar Tagen hat mich wieder ein Patient besorgt angerufen und berichtet, dass er bereits beim Treppensteigen nach einem Stockwerk völlig außer Atem sei. Er fühle sich bei Weitem nicht mehr so fit wie zuvor«, sagt Protzer.

»Es ist erstaunlich, wie viele Organe durch das Virus befallen werden können – und auch ein wenig beunruhigend«
(Ulrike Protzer, Helmholtz Zentrum München)

Wie groß der Anteil solcher anhaltenden Beeinträchtigungen der körperlichen Fitness unter den Covid-19-Genesenen ist, darüber liegen noch keine genauen Zahlen vor. »Wir haben schwere Begleiterkrankungen selbst bei milden Verläufen gesehen«, erzählt Protzer. So habe eine junge Patientin beispielsweise einen Schlaganfall entwickelt. »Es ist erstaunlich, wie viele Organe durch das Virus befallen werden können – und auch ein wenig beunruhigend. Noch gehe ich aber davon aus, dass es sich in den allermeisten Fällen nicht um bleibende Schäden handelt«, sagt sie weiter.

Ein schwerer Verlauf trifft die Lunge gleich doppelt

Verläuft die Krankheit schwer, müssen Ärzte ihre Patienten auf einer Intensivstation behandeln und oft künstlich beatmen. In diesen Fällen bestehen Medizinern zufolge am ehesten langfristige Gesundheitsschäden und Folgeerkrankungen. Die meisten schweren Verläufe treten bei älteren Menschen und bei Vorerkrankungen auf, aber es gibt eben auch heftige Covid-19-Verläufe bei jüngeren und fitteren Menschen.

Zu ihnen zählt zum Beispiel der Handballer Michael Stein. Er geht zweimal wöchentlich ins Fitnessstudio, Sport hat bei ihm nach wie vor einen hohen Stellenwert. Auch er hat sich im Skiurlaub infiziert, in Ischgl. Dort hat er mit zwei Freunden den Urlaub verbracht. Mit einem der beiden hat Michael Stein sogar in demselben Zimmer geschlafen – keiner der anderen hat sich angesteckt. Bei Michael Stein jedoch mussten die behandelnden Ärzte auf der Intensivstation wochenlang um sein Leben kämpfen.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verändert die Welt«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Der schwere Verlauf hat Spuren hinterlassen. Covid-19 hat Steins Körper offenbar arg geschadet. Zuallererst seiner Lunge. Denn bei einem heftigen Verlauf von Covid-19 wird das Atmungsorgan gleich doppelt in Mitleidenschaft gezogen: durch das Virus selbst, das vor allem die Lungenzellen befällt, und durch die künstliche Beatmung. Letztere macht es meist erst möglich, dass Patienten eine fulminante Sars-CoV-2-Infektion überleben, schwächt aber zugleich den ganzen Körper. Michael Stein, zwei Meter groß, hat während der sechs Wochen auf der Intensivstation fast 30 Kilogramm an Gewicht verloren. Ein Teil davon geht auch auf einen Verlust an Muskulatur zurück. Besonders die Atemmuskeln der Lunge sind betroffen: Arbeiteten sie vorher selbst bei den Unsportlichsten viele Male pro Minute, um den Brustkorb beim Atmen zu heben und zu senken, übernimmt das nun die Beatmungsmaschine.

Und Muskeln, die nicht benutzt werden, bilden sich zurück. Ein eigentlich sinnvoller Mechanismus der Natur, so können Anstrengungen auf das konzentriert werden, was wirklich gebraucht wird. Doch für künstlich Beatmete wird dies zur Falle: Die Atemmuskulatur wird nach der für den Körper überraschenden, plötzlichen Pause ebenso überraschend wieder benötigt. Meist zieht sich diese Phase der Entwöhnung von der künstlichen Beatmung, in der Fachsprache auch »Weaning« genannt, über mehrere Tage hin. Dabei wechseln sich Phasen der künstlichen Beatmung und der selbstständigen Atmung ab. Und selbst wenn der Patient nach einigen Tagen keine künstliche Beatmung mehr braucht, ist er dennoch zunächst nur sehr eingeschränkt leistungsfähig. Diese Erfahrung hat auch Michael Stein gemacht: »Wenn ich zehn Treppenstufen gestiegen war, dann war ich fix und fertig und bekam kaum noch Luft. Der Pfleger musste mich mit einem Rollstuhl zurück ins Zimmer bringen.«

»Auch bei jüngeren Patienten dauert es manchmal viele Monate, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind«
(Michael Dreher, Direktor am Uniklinikum Aachen)

In den meisten Fällen gewinnt die Atemmuskulatur im Laufe der Zeit ihre alte Spannkraft zurück, aber eben nicht immer. Manche ältere Patienten, bei denen der Muskelaufbau ohnehin langsamer verläuft, erholen sich nicht vollständig von einer künstlichen Beatmung und bleiben ihr Leben lang eingeschränkt belastungsfähig. »Auch bei jüngeren Patienten dauert es manchmal viele Monate, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind«, sagt Michael Dreher, Direktor der Klinik für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin am Uniklinikum Aachen.

Sars-CoV-2 kann die Gerinnung, das Hirn und die Nieren stören

Zusätzlich wird das Lungengewebe durch das Virus angegriffen. Die Entzündungsreaktion schädigt unzählige Lungenzellen; bei einer ausgeprägten und weitflächigen Entzündung werden Teile des gesunden Lungengewebes, das für den Sauerstoffaustausch verantwortlich ist, durch Bindegewebe ersetzt. Diese Art von Vernarbung wird auch Lungenfibrose genannt. Sie lässt sich nur begrenzt wieder rückgängig machen. Der Leistungsverlust der Lunge kann durch die Vermehrung von gesundem Gewebe oft nur ein Stück weit ausgeglichen werden. Eine von Forschern als wahrscheinlich angesehene Erklärung dafür, dass manche Patienten auch nach einem mittelschweren Verlauf von Covid-19 kurzatmig bleiben.

Doch neben der Lunge kann Sars-CoV-2 weitere Organsysteme nachhaltig schädigen. So kann das Virus offenbar direkt oder indirekt durch die Entzündungsreaktion zu Herzinfarkten, Herzmuskelentzündungen und Herzrhythmusstörungen führen – jedes dieser Probleme kann die Leistungsfähigkeit des Herzens dauerhaft herabsetzen.

Auch die Gerinnung ist während der Infektion manchmal gestört. Entsprechend steigt das Risiko für die Bildung von Thromben, also Blutgerinnseln, die zu Gefäßverschlüssen führen können. Sie können unter anderem eine Lungenembolie und einen Schlaganfall herbeiführen. Ärzte haben bereits bei einigen Patienten mit Covid-19 Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen beobachtet; womöglich kam es bei ihnen zu einem Schlaganfall.

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Doch nicht nur Thromben sind bei Covid-19 eine Gefahr für das Gehirn, auch das Virus selbst. Einige Male wurde Sars-CoV-2 bereits im Nervenwasser nachgewiesen, in Einzelfällen kam es zu einer Entzündung, Meningo-Enzephalitis genannt. »Das scheint sehr selten zu sein, aber wenn es geschieht, können dauerhafte kognitive Probleme wie Gedächtniseinschränkungen entstehen«, sagt Peter Berlit von der Deutschen Neurologischen Gesellschaft.

Bei schweren Verläufen greift das Virus nicht selten zudem die Nieren an. Mehr als ein Drittel der Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, haben ein Nierenversagen. Zwar erholt sich die Niere in den allermeisten Fällen wieder weitgehend, aber sie bleibt häufig anfälliger für künftige Erkrankungen und Infektionen.

Woche für Woche, Tag für Tag, Schritt für Schritt

Momentan erscheinen nahezu täglich Studien zu möglichen Langzeitfolgen von Covid-19. Doch da das Virus erst Ende vergangenen Jahres aufgetaucht ist, gibt es keine Patienten, bei denen die Erkrankung mehr als ein paar Monate zurückliegt. Und »deshalb können wir noch nichts sicher über die Langzeitfolgen sagen«, erklärt Michael Dreher aus Aachen.

Die meisten Freunde und Bekannten, die Michael Stein unmittelbar nach der Infektion zum ersten Mal gesehen haben, waren erschüttert. Inzwischen hat er wieder zugenommen, sieht fast aus wie früher. »Nur dass ich eben komplett untrainiert bin. Wenn ich anfange, mich ausgiebig zu bewegen, werden die meisten Freunde merken, dass ich noch lange nicht der Alte bin«, sagt Stein.

Darauf arbeitet er unermüdlich hin. Doch wie weit Stein mit diesem Vorhaben kommt, weiß er nicht. Womöglich ist wichtiges Lungengewebe dauerhaft geschädigt und seine Erholung begrenzt. Oder es gelingt ihm, wieder zu den alten Kräften zu kommen, mit viel Geduld und Anstrengung, Woche für Woche, Tag für Tag, Schritt für Schritt. In jedem Fall hat Stein einen langen, anstrengenden Weg vor sich.

30/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2020

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