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Covid-19: Wie neue Varianten Asiens Ausbrüche treiben

In vielen Nachbarländern Indiens steigen die Fallzahlen, auch wegen neuer Virusvarianten. Deren Überwachung ist jedoch oft schwierig, unter anderem weil die Mittel dazu knapp sind. Damit sinkt die Chance, die Ausbrüche aufzuhalten.
Familienmitglieder eines Covid-19-Patienten an einem staatlichen Krankenhaus in Kolkata, Indien, 22. April 2021.

Es war schlechtes Timing: Anfang April 2021 hat Neelika Malavige ihr Labor in Sri Lanka für zehn Tage geschlossen, um das singhalesische Neujahrsfest zu feiern. Malavige, eine Immunologin an der Universität von Sri Jayewardenepura in Colombo, betreibt das einzige Labor im Land, das Sars-CoV-2-Genome sequenziert. Aber die Fallzahlen waren gesunken, die Hotspots hatten begonnen, Impfstoffe zu erhalten, und ihr Team brauchte die Pause.

Als die Forscher an die Arbeit zurückkehrten, wurde ihnen beinahe schwindelig angesichts dessen, was sie vorfanden: Von 78 Proben, die sie Ende April von Menschen mit Covid-19 sequenzierten, enthielten 66 die hochgradig übertragbare Variante B.1.1.7. Seit dem 17. April bricht die Zahl der neuen Covid-19-Fälle in Sri Lanka fast täglich Rekorde. Die Krankenhäuser sind überfüllt, und Malavige rechnet mit einer drohenden Welle von Todesfällen. »Die Situation in Sri Lanka sieht sehr düster aus«, sagt sie.

Während Indien unter der Last einer massiven Covid-19-Welle leidet, erleben viele seiner Nachbarn in Süd- und Südostasien einige ihrer bisher größten Ausbrüche. Sogar in Bhutan, wo 62 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis des Impfstoffs erhalten haben, und in Laos, wo es bisher nur wenige Fälle gab, gibt es Ausbrüche – allerdings sind diese Ausbrüche klein im Vergleich zu denen in den Nachbarländern.

Schwappt die neue Variante von Indien herüber?

Forschende aus der gesamten Region setzen alle Kräfte in Bewegung, um ihre sehr begrenzten Sequenzierungskapazitäten schnell zu erweitern. Sie wollen schnell klären, ob die indische Welle – angefacht durch Varianten wie B.1.617 – auf ihre Länder überschwappt oder ob die Ausbrüche ihren Ursprung anderswo haben. In einigen Fällen arbeiten sie rund um die Uhr, um herauszufinden, wie breit die neuen Varianten zirkulieren, damit sie die Risiken besser einschätzen können, die gerade auf sie zurollen.

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»Es ist wichtig, dass wir unsere Sequenzierung hochfahren, um sicherzustellen, dass wir diese Varianten so schnell wie möglich erkennen«, sagt Malavige, die seit Mai die durchschnittliche Anzahl der sequenzierten Proben pro Monat auf fast 200 verdoppelt hat. »Wir alle stellen uns die Frage: Warum passiert das? Warum gibt es diese Welle jetzt? Und warum ist sie so schlimm?«, sagt Senjuti Saha, Molekulargenetikerin an der Child Health Research Foundation in Dhaka. Mitte April erreichten die Neuerkrankungen in Bangladesch mehr als 7000 pro Tag. Seitdem sind die Zahlen wieder gesunken, aber Saha stellte fest, dass die Zahl der Sequenzen aus dem Land in Online-Genomdatenbanken stark gestiegen ist. Immer mehr Labore beteiligen sich daran, was sie auf die Besorgnis über die Ausbreitung der Varianten zurückführt.

Die Identifizierung Besorgnis erregender Varianten wird den Regierungen helfen, Entscheidungen über Reaktionen und Beschränkungen zu treffen und ob aggressivere Maßnahmen nötig sind, sagt Dibesh Karmacharya. Er ist Geschäftsführer des Center for Molecular Dynamics Nepal, einer gemeinnützigen Organisation in Kathmandu, die Sars-CoV-2-Genome sequenziert.

Besonders besorgniserregend ist der Erreger B.1.617, der zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra identifiziert wurde und der laut Weltgesundheitsorganisation mit hoher Wahrscheinlichkeit stark ansteckend ist. Er breitet sich schnell in Indien aus und könnte womöglich einer Immunität aus früheren Infektionen oder Impfungen entgehen.

»Die Sequenzierung war schon immer wichtig, aber jetzt ist sie entscheidend, weil wir in ein Stadium kommen, in dem immer mehr neue Varianten auftauchen«, sagt Gavin Smith, ein Evolutionsbiologe an der Duke-NUS Medical School in Singapur. »Wir brauchen Sequenzdaten, um zu sehen, was vor sich geht.«

Besorgnis erregende Varianten

Die sequenzierten Proben in Süd- und Südostasien stellen immer noch nur einen kleinen Bruchteil der Fälle dar. Aber sie zeigen die Rolle der Varianten für die Ausbrüche in der Region. In Bangladesch zum Beispiel fiel der Anstieg mit der weit verbreiteten Entdeckung von B.1.351 zusammen, einer Variante, die zuerst in Südafrika identifiziert wurde. Sie wird mit einer verminderten Wirksamkeit des Impfstoffs Vaxzevria von AstraZeneca in Verbindung gebracht.

Saha fand die Variante erstmals im Februar in ihren Proben. Im März waren 28 von 36 Genomen, die sie sequenzierte, von B.1.351, ebenso wie mehr als 70 von 100 Sequenzen, die andere Gruppen in Bangladesch in diesem Monat über die Datenbanken teilten. Die Variante hat das Land überschwemmt und ist für Bangladesch besonders besorgniserregend, da der größte Teil des dort verfügbaren Impfstoffs Covishield ist, eine in Indien hergestellte Version des Impfstoffs von AstraZeneca.

Anders sieht es in Kambodscha und Sri Lanka aus, wo B.1.1.7 vorherrschend ist. Malavige will die Ausbreitung und die Entwicklung des Erregers genau beobachten, um zu sehen, ob er eine als E484K bekannte Mutation entwickelt, die auch in einigen anderen Varianten vorkommt und es ihm ermöglichen könnte, die Immunität zu umgehen. Die Fälle in Kambodscha sind seit Anfang April steil angestiegen. Alle etwa 120 Genome, die dort seither sequenziert wurden, waren von B.1.1.7, sagt Erik Karlsson, ein Virologe am Pasteur Institute of Cambodia in Phnom Penh, der das einzige Labor im Land betreibt, das Sars-CoV-2 sequenziert.

Sequenzierungskapazitäten ausgeschöpft

Das Labor hat seine Sequenzierkapazitäten während der Pandemie stark erhöht und kann nun mehr als zwei Dutzend Genome pro Woche verarbeiten. »Covid-19 hat die Art und Weise revolutioniert, wie wir die Sequenzierung nutzen«, sagt Karlsson. Er übernachtet inzwischen in seinem Institut, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Das wurde nötig, nachdem Mitte April ein Lockdown in Phnom Penh verhängt wurde.

»Warum gibt es diese Welle jetzt? Und warum ist sie so schlimm?«(Senjuti Saha, Molekulargenetikerin an der Child Health Research Foundation in Dhaka)

Die Forscher in Bangladesch, Sri Lanka und Kambodscha sagen, dass sie B.1.617 in ihren Regionen noch nicht entdeckt haben. Aber es könne sich eingeschlichen haben, ohne entdeckt worden zu sein – einfach weil es zu wenig Möglichkeiten der Sequenzierung gibt. »Wir sind von Indien umgeben, und die Leute kommen und gehen die ganze Zeit«, sagt Saha. Zudem wurden weniger als ein Prozent der bestätigten Fälle in Bangladesch sequenziert.

Im Nordwesten hat B.1.617 definitiv seinen Weg nach Nepal gefunden: Das Land teilt sich eine ausgedehnte, weitgehend offene Grenze mit Indien. Die gemeldeten Covid-19-Fälle sind in Nepal seit Mitte April sprunghaft angestiegen und erreichten am 11. Mai mit 9317 Fällen einen neuen Rekord. Das sind im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr Fälle als in Indien.

Lieferschwierigkeiten wegen reduzierter Flüge

Anfang Mai sequenzierte Karmacharyas Team zwölf Proben von Menschen, die sich kürzlich im Kathmandutal infiziert hatten – darunter auch er selbst. Elf der Sequenzen waren von B.1.617, und eine war von B.1.1.7. Die Ergebnisse sind nur eine winzige Momentaufnahme dessen, was im Umlauf ist, aber dennoch »ein wenig beängstigend«, sagt Karmacharya, der eine Spritze mit einem Covid-19-Impfstoff erhalten hatte, bevor er infiziert wurde, und sich nun erholt hat.

Aber obwohl die Forscher wissen, dass mehr Sequenzierung wichtig wäre, sind ihre Ambitionen durch die Ressourcen begrenzt. »Das Hauptproblem ist der Mangel an finanziellen Mitteln«, sagt Malavige. Karlsson weist darauf hin, dass Sequenzierreagenzien weltweit sehr gefragt sind. »Angesichts der reduzierten Flugaktivität ist es ein Kampf, Lieferungen nach Kambodscha zu bekommen.«

Die Sequenzierung brauche Zeit, sagt Malavige. Als Abkürzung verwendet ihr Labor Kits für Echtzeit-PCR, mit denen drei weit verbreitete Varianten schnell erkannt werden können: B.1.1.7, B.1.351 und P.1. Aber Kits, die B.1.617 erkennen, wurden gerade erst entwickelt und können neu aufkommende Varianten nicht identifizieren. »Wir sind an einem kritischen Punkt, an dem wir die Sequenzierung fortsetzen müssen, um so schnell wie möglich alles zu identifizieren«, sagt sie. Denn die Menschen seien gefährdet, weil zusätzlich Impfstoffe in weiten Teilen der Region immer noch sehr knapp sind.

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