Direkt zum Inhalt

Coronavirus: Long-Covid-Therapien dringend gesucht

Wer mit anhaltenden Covid-Symptomen kämpft, findet oft nur schwer Hilfe. Wie heilt man ein Syndrom, das bislang kaum verstanden ist? Ärzte testen inzwischen verschiedene Ansätze.
Überkopfansicht einer Frau, die Medikamente in der Hand hält. Auf dem Tisch steht ein Glas Wasser.
Eine simple Tablette gegen Long Covid gibt es bislang nicht. Viele Ärzte und Betroffene greifen deshalb zu experimentellen Therapien. (Symbolbild)

Bhasha Mewar hat die Nase voll von Ärzten. In den letzten zwei Jahren hat die Kuratorin eines Kunstmuseums in Ahmedabad, Indien, fast ihr gesamtes Erspartes für Herz- und Atemwegsspezialisten, Hämatologen, Urologen, Dermatologen und andere Experten aufgebraucht. Angefangen hat alles mit einer Corona-Infektion im März 2020. Seitdem versucht sie verzweifelt, ihre Long-Covid-Symptome in den Griff zu bekommen. Dazu hat sie bereits reihenweise Arzneimittel eingenommen: Betablocker gegen Herzrasen, Steroide gegen Atemnot und ein Malariamedikament, das ihr aus Gründen verschrieben wurde, die sie nie wirklich verstanden hat. Ihr Lungenarzt, den sie seit ihrer Erkrankung zirka zweimal im Monat aufsucht, empfiehlt ihr stets dasselbe: »Sie müssen sich bewegen.« Mewar aber sagt: »Ich kann doch nicht einmal auf die Toilette gehen.«

Es gleicht einer Odyssee, was Millionen von Menschen mit Long Covid derzeit durchmachen. Denn für das komplexe und meist schwächende Syndrom, das nach einer akuten Sars-CoV-2-Infektion noch Monate oder Jahre andauern kann, gibt es bislang keine bewährte Behandlung. Stattdessen probieren Ärztinnen und Ärzte einfach alle möglichen Methoden aus, um die mannigfaltigen Symptome der Krankheit zu bekämpfen. Manchmal greifen die Betroffenen auch selbst zu experimentellen Therapien. Zwar laufen derzeit mindestens 26 randomisierte klinische Studien, die verschiedene Long-Covid-Therapien erproben, doch viele davon sind zu klein oder es fehlen die notwendigen Kontrollgruppen, um eindeutige Ergebnisse zu liefern.

Manche Forscher hoffen dennoch, dass wenigstens die ein oder andere Schlüsselstudie bis 2023 brauchbare Erkenntnisse liefern wird. »Ich bin immer noch optimistisch«, sagt der Immunologe Danny Altmann vom Imperial College London. Es werde viel getan, und es gebe etliche Fördermittel. »Irgendetwas wird am Ende schon dabei herauskommen.«

Eine Erkrankung – viele Ursachen

Eines der größten Hindernisse bei der Entwicklung von Therapien gegen Long Covid ist, dass man bislang wenig über die Ursache der Erkrankung weiß. Ein paar Erklärungsmodelle haben sich in den vergangenen zwei Jahren aber immerhin herauskristallisiert. So mehren sich die Hinweise darauf, dass bei einigen Patienten Sars-CoV-2-Viren – oder zumindest Fragmente von ihnen – weiterhin im Körper verbleiben und Probleme verursachen, weil sie das Immunsystem anregen. Auch könnte die Infektion Antikörper erzeugen, die fälschlicherweise körpereigene Eiweißmoleküle angreifen und noch lange nach der ursprünglichen Erkrankung Symptome hervorrufen. Forscher haben außerdem Anzeichen für mikroskopisch kleine Blutgerinnsel gefunden, die durch Covid-19 entstehen könnten und die Sauerstoffzufuhr im Gewebe blockieren. Darüber hinaus ist auch eine langfristige Schädigung der Darmflora durch eine Sars-CoV-2-Infektion denkbar.

Die verschiedenen Hypothesen schließen sich dabei gegenseitig nicht aus: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen an, dass Long Covid mehrere Ursachen haben kann – und jede einzelne von ihnen einen potenziellen Ansatzpunkt für Therapien darstellt. Antivirale Medikamente könnten hartnäckige Sars-CoV-2-Reservoirs auslöschen, Arzneimittel, die das Immunsystem unterdrücken, wiederum eine fehlgeleitete Immunreaktion verhindern. Und starke Antikoagulanzien, die die Blutgerinnung hemmen, sollen mikroskopisch kleine Blutklumpen auflösen.

Endgültige Beweise für die verschiedenen Erklärungsmodelle fehlen allerdings bislang. »Die Hypothesen erhärten sich allmählich«, sagt Altmann. »Aber sie sind nicht in Stein gemeißelt.« Das könnte Forschungsgruppen davon abhalten, Studien zu starten, denkt der Epidemiologe Martin Landray von der britischen University of Oxford. Hat Long Covid tatsächlich mehrere Ursachen, könnten viel versprechende Behandlungen für unwirksam erklärt werden, nur weil eine klinische Studie nicht die richtige Patientengruppe beinhaltet.

Mehr als 200 mögliche Symptome

Bisher existiert keine überschaubare Liste von Leitsymptomen, anhand derer sich Studienteilnehmer in Untergruppen einteilen ließen. Im Gegenteil: Mittlerweile werden mehr als 200 Symptome mit dem Syndrom in Verbindung gebracht – und viele davon sind objektiv schwer zu messen. Das gilt besonders für die beiden häufigsten Beschwerden Müdigkeit und »brain fog«, zu Deutsch Gehirnnebel – also die Unfähigkeit, klar zu denken. »Die Liste meiner Symptome war lang«, berichtet auch Mewar. Die Hälfte davon habe sie schon wieder vergessen. »Sie kamen und gingen, waren eine Woche da und dann wieder weg.« Um trotz ihrer Gedächtnisprobleme den Überblick über ihre Behandlungen nicht zu verlieren, führt sie ein Tagebuch mit Fotos der Medikamente, die sie einnimmt.

»Meine Liste an Symptomen war lang. Die Hälfte davon habe ich schon wieder vergessen. Sie kamen und gingen, waren eine Woche da und dann wieder weg«Bhasha Mewar, Long-Covid-Patientin

Klinische Studien seien auf dieser Basis schwer zu planen, erklärt Landray, einer der Initiatoren der RECOVERY-Studie, einer großen britischen Untersuchung, die sich mit der Behandlung von akuten Corona-Infektionen befasst. Im Rahmen der Studie hatten die Ärzte festgestellt, dass niedrige Dosen des Steroids Dexamethason die Todesfälle bei schweren Covid-19-Verläufen um ein Drittel reduzierten. Landray hat Anfragen von Patienten und ihren Familien erhalten, ob sich ein ähnliches Projekt nicht auch für die Behandlung von Long Covid durchführen ließe. Weil ihm jedoch die Studienlage zu dünn erschien, habe er sich in diesem Bereich noch nicht engagiert, erklärt er.

Immunsuppressiva, Antihistaminika, Entzündungshemmer: Long-Covid-Medikamente im Test

Andere Forscher und Forscherinnen hält das nicht auf. So beschäftigen sich etwa mehrere Studien mit der Frage, wie fehlgeleitete Immunreaktionen gedrosselt werden können. Manche Arbeitsgruppen nutzen bekannte Medikamente wie Colchicin, ein entzündungshemmendes Mittel, mit dem sich Gicht behandeln lässt. Bereits jetzt verschreiben es Ärzte häufig auch Menschen mit Long Covid. In anderen Studien werden Arzneimittel getestet, die sich bereits bei der Therapie von schwerem akutem Covid-19 als nützlich erwiesen haben. Dazu zählen etwa Steroide und andere Immunsuppressiva wie Sirolimus, das nach einer Transplantation verhindert, dass der Körper das neue Organ abstößt.

Kleine Untersuchungen und anekdotische Berichte deuten außerdem darauf hin, dass Antihistaminika viel versprechend sein könnten. Noch sei es eine »Notlösung«, sagt die New Yorkerin Hannah Davis, die seit Langem an den Folgen von Covid-19 leidet und Mitbegründerin der Patient-Led Research Collaborative ist, einer Forschungs- und Interessenvertretungsgruppe für Betroffene. »Aber es wäre gut, wenn sich bestätigen würde, dass die Mittel helfen.«

Der Rheumatologe James Andrews von der University of Washington in Seattle, USA, erforscht einen neuen Ansatz, um die Entzündungsreaktionen bei Menschen mit Long Covid einzudämmen: das experimentelles Medikament RSLV-132. Es soll im Blut zirkulierende RNA entfernen, von der man annimmt, dass sie Entzündungen fördert, erklärt Andrews. Der Hersteller Resolve Therapeutics aus Florida hat das Medikament bereits in kleinen Versuchen an Patienten mit anderen Erkrankungen getestet. Bei Menschen mit dem Sjögren-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung, konnte es immerhin erfolgreich die Müdigkeit reduzieren.

Ein Antidepressivum gegen Müdigkeit und Konzentrationsprobleme

Andere Ansätze zielen darauf ab, Symptome wie extreme Müdigkeit, Muskelschwäche sowie Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten zu behandeln. Roger McIntyre, Psychiater und Pharmakologe an der University of Toronto, rekrutiert derzeit Teilnehmer für eine Studie mit Vortioxetin, einem Antidepressivum, das nachweislich die kognitiven Fähigkeiten verbessert. McIntyre möchte herausfinden, ob das Arzneimittel auch den »brain fog« lindern kann, von dem viele Patienten mit Long Covid berichten.

Etliche weitere Studien befassen sich mit den Langzeitfolgen von Covid-19 auf das Herz-Kreislauf-System. Einige davon haben Hinweise auf entzündete Blutgefäße gefunden. Bei manchen Menschen könnten diese dazu führen, dass sich winzige Blutgerinnsel bilden, die wiederum die Lungenkapillaren verstopfen. Die Kardiologin Rae Duncan vom Newcastle upon Tyne Hospitals NHS Foundation Trust in Großbritannien und ihre Kollegen planen eine klinische Studie, in der sie einen Medikamentencocktail gegen diesen Gerinnungsprozess testen wollen.

»Diese Menschen sind sehr krank und suchen verständlicherweise verzweifelt nach einer Behandlung«Rae Duncan, Kardiologin

Duncan will noch nicht öffentlich bekannt geben, welche Medikamente für die Studie ausgewählt wurden. Sie befürchtet, Menschen mit Long Covid würden sonst versuchen, diese im Internet zu erwerben und sich damit selbst zu behandeln. »Diese Menschen sind gerade sehr krank und suchen verständlicherweise verzweifelt nach einer Behandlung«, sagt sie. Aber eine Selbstmedikation könnte gefährlich sein: »Die betreffenden Medikamente erhöhen das Risiko für Blutungen und müssen daher sehr sorgfältig verabreicht und überwacht werden.«

Viele versuchen, sich selbst zu therapieren

Viele Patienten mit Corona-Langzeitfolgen haben ihre Behandlung allerdings schon längst selbst in die Hand genommen. Manche von ihnen schlucken eine Medikamentenkombination, die die Blutgerinnung hemmen soll. In einer kleinen Studie wurde diese Zusammenstellung aus verschiedenen Arzneistoffen bereits an 24 Long-Covid-Patienten getestet. Die Untersuchung umfasste jedoch keine Kontrollgruppe und wurde noch nicht in einer von Fachleuten begutachteten Zeitschrift veröffentlicht. Andere Betroffene, erzählt Hannah Davis, hätten Kliniken aufgesucht, die eine Apherese durchführen. Bei diesem Verfahren wird das Blut gefiltert, um Gerinnsel oder bestimmte Eiweißmoleküle zu entfernen, die Entzündungen fördern können. Long-Covid-Patienten hätten in den USA bereits Tausende von Dollar für ein Verfahren bezahlt, bei dem noch nicht klar ist, ob es wirkt, sagt sie. Und oft müsse man sogar monatelang auf einer Warteliste stehen, um eine Apherese-Behandlung zu bekommen.

Einige der plausibelsten Kandidaten, die für eine Long-Covid-Behandlung in Betracht kommen, werden bislang allerdings noch nicht in Studien getestet. Dazu zählen mehrere Virostatika, die gegen akutes Covid-19 eingesetzt werden. Einige Forscher glauben, dass diese Medikamente auch die Symptome von Long Covid lindern könnten – gerade vor dem Hintergrund, dass im Körper verbleibende Viren die Krankheit auslösen könnten.

Zwei antivirale Medikamente sind bereits in vielen Ländern für die Behandlung von Covid-19 zugelassen: Molnupiravir und Paxlovid. Das Mittel Remdesivir kommt zudem schon seit den ersten Tagen der Pandemie zur Behandlung von Covid-19 zum Einsatz. Bisher aber haben Forscherinnen und Forscher noch keine Studie registriert, die untersucht, ob diese relativ teuren antiviralen Medikamente auch die Symptome von Long Covid reduzieren. Eine indirekte Beurteilung der Wirkung von Molnupiravir und Paxlovid bei Long Covid könnte jedoch noch 2022 erfolgen: Die Hersteller Merck beziehungsweise Pfizer kündigten nämlich an, dass die Studienteilnehmer nach der Behandlung für sechs Monate weiter beobachtet werden. Der Produzent von Remdesevir wiederum, Gilead Sciences, prüft immerhin Kooperationen, um das Mittel bei Menschen mit Long Covid zu testen.

Die Anreize für Pharmafirmen wachsen

Inzwischen gibt es viele Menschen, die nach einer Corona-Infektion weiterhin Beschwerden haben. »Vielleicht überzeugt das die Pharmaunternehmen, mehr Studien durchzuführen«, sagt der Mediziner David Strain von der University of Exeter in Großbritannien. So gab am 1. Juni 2022 das britische Statistikamt bekannt, dass 1,4 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich drei Monate nach einer akuten Infektion noch über anhaltende Symptome berichteten. Bei etwa 380 000 Personen bestanden die Symptome bereits seit mindestens zwei Jahren. Schon kurz nach der Veröffentlichung dieser Zahlen erklärte sich ein Pharmaunternehmen bereit, eine Studie mit einem antiviralen Medikament zu finanzieren, dessen Erprobung auch Strain vorgeschlagen hatte. Welches das ist, möchte der Gesundheitsexperte nicht sagen, da der Vertrag noch nicht unterzeichnet ist. »Es hat eine Weile gedauert, bis die Firmen bereit sind, zu investieren«, sagt er. Die Medikamente seien eben teuer.

Um mehr über die Ursachen und Therapieoptionen von Long Covid herauszufinden, bräuchte es detaillierte Analysen von speziellen Markern, die mit der Krankheit in Verbindung stehen, wie zum Beispiel Autoantikörper, sagt die Immunologin Akiko Iwasaki von der Yale University in New Haven in Connecticut. Diese Studien seien nicht nur eine Gelegenheit, ein Heilmittel zu finden, sondern auch dafür, mehr über die Krankheit zu erfahren. Dafür müsste man jedoch groß angelegte, gut konzipierte Untersuchungen durchführen, fügt die Wissenschaftlerin hinzu. Als einzelner Forscher sei das allerdings schwierig zu organisieren. Dafür brauche es ein koordiniertes Vorgehen.

»Ich habe das Gefühl, dass es am Willen von oben mangelt«Danny Altmann, Immunologe

Obwohl Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien große Summen für die Erforschung von Long Covid bereitgestellt hätten, sei noch relativ wenig davon in die Suche nach Behandlungsmöglichkeiten geflossen, erklärt Altmann. »Ich habe das Gefühl, dass es am Willen von oben mangelt«, sagt er. Die große US-amerikanische Studie RECOVER konzentrierte sich bisher vor allem auf die Charakterisierung von Long Covid und weniger auf die Erforschung möglicher Behandlungen.

Einige größere Untersuchungen stehen zwar bereits in den Startlöchern – aber sie fangen jetzt erst damit an, Teilnehmer zu rekrutieren. Schon Anfang 2022 riefen die US National Institutes of Health im Rahmen eines 1,15-Milliarden-US-Dollar-Projekts dazu auf, Vorschläge für Studien einzureichen, in denen Maßnahmen zur Therapie oder Vorbeugung von Long Covid untersucht werden. In Großbritannien wurde im Juli 2021 die Studie STIMULATE-ICP ins Leben gerufen, die im Sommer 2022 begann, Teilnehmer zu suchen. Im Rahmen der Untersuchung werden mehrere Medikamente gegen Long Covid getestet, darunter das entzündungshemmende Colchicin, die beiden Antihistaminika Famotidin und Loratadin sowie das blutgerinnungshemmende Medikament Rivaroxaban. Strain, der selbst an Long Covid leidet, plant, in einer späteren Phase der Studie Tests mit weiteren Wirkstoffen durchzuführen – zum Beispiel mit Immunsuppressiva und Covid-19-Impfstoffen. Für Letztere lieferte eine andere Studie bereits hoffnungsvolle Ergebnisse: Zwei Dosen eines mRNA- oder Adenovirus-Impfstoffs verringerte bei Personen, die sich schon vor der Impfung mit Sars-CoV-2 infiziert hatten, die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu erkranken, um neun Prozent.

Experimentelle Therapien und ihre Tücken

Bis valide Studienergebnisse vorliegen, werden Ärzte und Betroffene erst einmal weiter experimentieren müssen. Ein Großteil der Behandlung, die etwa Kathy Raven von der University of Cambridge momentan gegen ihr Long Covid erhält, besteht aus Techniken, die ihr dabei helfen, ihren Alltag zu bewältigen. So richtet sie sich beispielsweise Alarmsignale ein, die sie daran erinnern sollen, ihre Medikamente zu nehmen, wenn sie sich wieder benebelt fühlt. Oder einen Plan, der verhindern soll, dass sie sich zu viel auf einmal vornimmt. Vor Kurzem hat Raven realisiert, dass sie ohne wesentliche Verbesserung ihres Zustands aus der Klinik entlassen werden wird: »Sie haben mir gesagt, dass sie nichts mehr für mich tun können.«

Manchmal greifen Ärztinnen und Ärzte auf Erfahrungen zurück, die sie bei der Therapie von ähnlichen Krankheiten sammeln konnten. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, behandelt der Rehabilitationsmediziner Taslim Uddin an der Bangabandhu Sheikh Mujib Medical University beispielsweise Menschen mit Chikungunya, einer durch Mücken übertragenen Viruserkrankung, die zu lang anhaltender Muskelschwäche führt. Die Behandlungen werden sorgfältig auf jeden Einzelnen zugeschnitten und beinhalten die Rehabilitation der geschwächten Muskeln, ohne ihre Funktion zu verschlechtern. Die meisten Menschen mit Long Covid, die er auf die gleiche Weise behandelt habe, würden gut auf die Therapie ansprechen, sagt er. Doch manche blieben auch trotz der Maßnahmen schwer krank.

Auf Grund fehlender Evidenz machen sich einige Fachleute zudem Sorgen, dass experimentelle Long-Covid-Behandlungen letztlich sogar Schaden anrichten können. Shinichiro Morioka, stellvertretender Direktor des Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention am Nationalen Zentrum für Globale Gesundheit und Medizin in Tokio, erzählt, dass einige Ärzte inzwischen eine epipharyngeale Abrasionstherapie anwenden. Bei dieser wird der Rachen mit in Zinkchlorid getränkten Wattestäbchen abgeschabt. Ziel sei es, die Entzündung an einer Stelle zu bekämpfen, die für die Covid-19-Erkrankung ausschlaggebend ist, sagt er. Mediziner berichten, dass sie damit in kleinen Versuchen und ohne Kontrollgruppe viel versprechende Ergebnisse erzielt hätten. »Aber ich glaube nicht, dass dies evidenzbasiert ist, und für die Patienten ist es ein invasiver Eingriff«, sagt Morioka. »Wir müssen randomisierte kontrollierte Studien durchführen.«

Ähnlich wie Mewar erhalten auch viele andere Long-Covid-Patienten von ihren Ärzten den Ratschlag, sich einfach mehr zu bewegen. Einige Mediziner würden immer noch eine umstrittene Therapieform empfehlen, die abgestufte Bewegungstherapie (graded exercise therapy, GET), sagt Duncan. Bei dieser Behandlung wird ein Ausgangswert für eine erträgliche Bewegung festgelegt und dieser dann schrittweise gesteigert. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass dieses Vorgehen die Symptome bei manchen Menschen mit postviralen Erkrankungen wie dem chronischen Erschöpfungssyndrom verschlimmern kann. »Eine solche abgestufte Bewegungstherapie sollte nicht durchgeführt werden«, erklärt Duncan.

Mewar hat inzwischen kein Vertrauen mehr zu Ärzten. Auch die wissenschaftliche Literatur zum Thema will sie nicht mehr selbst durchforsten. Nach zwei Jahren haben ihre Beschwerden mittlerweile ein wenig nachgelassen. Aber sie weiß aus Erfahrung, dass sie mit neuer Wucht zurückkehren können, sobald sie sich körperlich verausgabt. Sie nimmt ein Vitaminkonzentrat ein, das sie auf der Grundlage von Online-Berichten anderer Menschen mit Long Covid zusammengestellt hat. Zusätzlich behandelt sie ihre Symptome mit traditionellen indischen Arzneimitteln. Längst hat Mewar aufgegeben, den Leuten zu erklären, woran sie leidet. »Ich versuche einfach, mich um meine eigene Gesundheit zu kümmern.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es bezüglich der abgestufte Bewegungstherapie (graded exercise therapy, GET): »Es hat sich jedoch herausgestellt, dass dieses Vorgehen die Symptome bei Menschen mit postviralen Erkrankungen wie dem chronischen Erschöpfungssyndrom oft verschlimmert.« Es handelte sich dabei jedoch um eine fehlerhafte Übersetzung. Wir haben den Fehler korrigiert.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte