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Covid-19: Verursacht das Coronavirus wirklich »Covid-Zehen«?

Eine Studie liefert weitere Indizien, dass eine Sars-CoV-2-Infektion doch nichts mit »Covid-Zehen« zu tun hat. Ganz geklärt ist die Sache mit dem farbigen Hautausschlag aber noch nicht.
Typische Verfärbung am Zeh - mit ungeklärter Ursache

Am MIT in Boston, USA, begannen sich die Covid-Fälle im März 2020 zu häufen, und Esther Freeman fiel etwas Seltsames auf: Mehr und mehr Patienten meldeten sich bei ihr mit merkwürdig verfärbten Zehen. Solche Zehen, mit juckenden roten und violetten Flecken, hatte die Leiterin der Dermatologie schon gesehen; sie sind klassische Folge von Frostbeulen bei bitterkaltem Wetter. Im Normalfall aber kommen im Winter ein oder zwei Fälle vor, und nun »hatte ich plötzlich 15 bis 20 Patienten täglich«, erinnert sich Freeman. Spannenderweise kam der Anstieg zeitgleich mit der Covid-19-Pandemie und wurde von Ärzten überall auf der Welt beobachtet.

Die Medien schrieben bald von »Covid-Zehen«. Komisch nur, dass die meisten medizinisch untersuchten Betroffenen gar nicht positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet wurden – ein Rätsel, auf das die verblüffte Wissenschaft bislang keine Antworten hat.

Nun ist eine neue Studie zum Thema im Fachmagazin »PNAS« erschienen: Eine ans Eingemachte gehende immunologische Untersuchung von 21 Patienten, die in den ersten Monaten der Pandemie im US-Bundesstaat Connecticut erkrankten. Die Ergebnisse schließen einen direkten Zusammenhang zwischen Covid-19 und den Frostbeulen nicht aus, aber bei 19 der Personen ließen sich keinerlei Hinweise finden, dass ihr Immunsystem sich schon einmal mit Sars-CoV-2 beschäftigen musste. Dies untermauert die ältere These, dass »Covid-Zehen« durch etwas anderes als das Coronavirus verursacht werden. Möglich sei etwa, dass Menschen im Lockdown »zu Hause keine Schuhe und Socken getragen haben«, sagt der Erstautor der Studie, der Dermatologe Jeff Gehlhausen von der Yale School of Medicine.

Die neuen Ergebnisse werfen sehr interessante Fragen auf, die weiter untersucht werden sollten, meint die MIT-Dermatologin Freeman, die an der Studie selbst nicht mitgearbeitet hat. Die Untersuchung schließe zum Beispiel nicht aus, dass die Teilnehmer das Coronavirus mit den Waffen der angeborenen Immunreaktion niedergekämpft haben, der ersten Verteidigungslinie der Körperabwehr. Dann wären die typischerweise später nachgelagerte Reaktionen des Immunsystems vielleicht gar nicht eingetreten und hätten keine nachweisbaren Antikörper oder T-Zellen gegen Sars-CoV-2 produziert. Demnach sei das Rätsel vorerst weiter ungelöst.

Übrigens ist auch nicht ganz klar, wie Frostbeulen eigentlich entstehen. »Wir vermuten dahinter eine kältebedingte Verletzung«, sagt der Dermatologe Patrick McCleskey des US-Gesundheitsunternehmens Kaiser Permanente. »Wir sehen immer eine gewisse Anzahl von Frostbeulen im Winter, und im Sommer nimmt die Zahl ab.« Die gängige Theorie geht davon aus, dass Kälte wahrscheinlich zu einer Einschränkung des Blutflusses führt, wodurch einige Zellen absterben und ein Entzündungsprozess in Gang gesetzt wird. Die violetten oder roten Flecken treten an den Zehen auf, manchmal auch an Fingern, Ohren oder Nasen. Sie können jucken, empfindlich sein und in manchen Fällen sogar richtig weh tun.

Bei den Teilnehmern der neuen Studie waren »Covid-Zehen« meist zwischen April und Mai 2020 aufgetreten, als die Covid-19-Fälle im Bundesstaat sprunghaft anstiegen. Etwa ein Drittel berichtet von Covidsymptomen schon vor der Zehenkrankheit, ein weiteres Drittel von möglichen und bestätigten Kontakten mit Covidpositiven. Das Forscherteam fand jedoch nur bei zwei Personen Anzeichen einer früheren Infektion, und nur eine war positiv getestet worden. Beim Rest der Probanden schlug keine der verschiedenen Methoden an, mit denen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Antikörpern und T-Zellen gesucht haben, die spezifisch für das Coronavirus sind. Sie wären Anzeichen für eine adaptive Immunantwort gegen den Erreger. Bei allen Teilnehmern lag der Ausbruch der Frostbeulen bereits Monate zurück, so dass ihr Immunsystem eigentlich genügend Zeit gehabt hätte, auf eine Sars-CoV-2-Infektion zu reagieren.

Ähnliche Untersuchungen auf Sars-CoV-2-Antikörper bei Frostbeulen-Patienten hatten zuvor schon einige andere Gruppen unternommen. Neu ist nun die Suche nach einer T-Zell-Reaktion, sagt Freeman: »Das Team hat fantastische, wirklich außergewöhnliche Arbeit geleistet.« Allerdings sei die Studie klein und daher nicht unbedingt verallgemeinerbar. Viel größere epidemiologische Studien hatten zuvor einen Zusammenhang zwischen Frostbeulen und Sars-CoV-2 gezeigt.

Der Dermatologe Thierry Passeron von der Université Côte d'Azur ist nach wie vor der Meinung, dass das Virus die »Covid-Zehen« auslöst. Sein Team hatte herausgefunden, dass Menschen, die während der Pandemie Frostbeulen entwickelten, Anzeichen für eine starke angeborene Immunreaktion zeigten. Die Forscher gehen davon aus, dass viele Menschen mit pandemischen Zehenveränderungen das Virus auf diese Weise beseitigen – und somit dann »Antikörper nur in sehr geringen Mengen entwickeln«, sagt er.

Fehlerhafte Farbmarkierungen

In früheren Studien hatten Forscher Patienten mit Frostbeulen Gewebeproben entnommen und direkt nach einer Sars-CoV-2-Infektion gesucht: Sie behandelten die Proben mit einem Farbstoff, der an Teile des Virus bindet. Die Autoren der neuen Studie um Gehlhausen testeten diesen Ansatz ebenfalls. Tatsächlich bindet der Farbstoff an Gewebeproben von Probanden – zudem aber auch an zufälligen Gewebeproben, die vor der Pandemie entnommen wurden, als das Virus noch nicht im Umlauf war. Diese Ergebnisse »deuten darauf hin, dass die Färbung womöglich nicht sehr spezifisch ist«, sagt Gehlhausen.

Ein Zusammenhang zwischen Covid-19 und den frostbeulenartigen Zehenverfärbungen ist also weiter fraglich. Verschiedene Forschende suchen daher nach anderen Erklärungen; etwa Effekte des Lockdowns. Verkühlten sich Menschen womöglich zu Hause in Selbstisolation häufiger die Füße? Gingen Menschen schlicht öfter zum Arzt, weil die Medienberichterstattung Aufmerksamkeit auf »Covid-Zehen« gelenkt hat? Für Freeman ist »der Fall noch nicht abgeschlossen«. So hat sie zum einen wirklich Patienten gesehen, die sich echte Frostbeulen geholt haben, weil sie im Schneesturm in Flipflops herumgelaufen waren. Zum anderen kamen zu ihr auch Patienten, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden und anschließend Frostbeulen entwickelten, ohne dass es eine andere offensichtliche Erklärung gab.

Die Debatte sei seltsam polarisierend geworden, sagt Gehlhausen. Immerhin würden sich die Hypothesen aber nicht gegenseitig ausschließen: »Ich gehöre zu keinem Team. Es ist möglich, dass alle Beobachtungen zutreffen«, sagt er. Und zudem könnte das Problem allmählich abklingen: Zwar »sehen wir immer noch Patienten mit neuen Frostbeulen, die Häufigkeit scheint jedoch wieder auf dem alten Stand zu sein«, sagt Yale-Dermatologe William Damsky, ein weiterer Autor der Studie.

Am Ende sei das Thema ohnehin vor allem eine wissenschaftlich interessante Debatte – eine endgültige Antwort würde die Behandlung von Patienten durch Dermatologen laut McCleskey wahrscheinlich nicht verändern. Denn unabhängig davon, ob eine Person an Covid-19 erkrankt ist oder nicht: Frostbeulen verschwinden im Allgemeinen innerhalb von zwei oder drei Wochen ohnehin von selbst. »Ehrlich gesagt«, ergänzt McCleskey, »denke ich, wir können uns in puncto Frostbeulen vielleicht etwas zurücknehmen.«

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