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COPSY-Studie: Langzeitfolgen für die Psyche

Stress, Schlafprobleme, Depressionen: Für Kinder und Jugendliche stellt die Pandemie bis heute eine Belastung dar. Die neuesten Ergebnisse der COPSY-Studie machen zumindest etwas Hoffnung.
Kind malt im Lockdown am Fenster

Während des ersten Lockdowns verbrachte der fünfjährige Yannik* viel Zeit zu Hause, weil sein Kindergarten auf Grund der Corona-Beschränkungen geschlossen war. Da fiel seiner Mutter auf, dass ihrem Sohn immer wieder ein Speichelfaden aus dem Mund lief. Als sie ihn fragte, warum er nicht einfach schlucke, antwortete Yannik, dass seine Spucke böse sei. »Es sind da doch so viele Viren drin, vielleicht auch das blöde Corona«, erklärte der Fünfjährige. Selbst mit viel Überzeugungskraft gelang es seiner Mutter oft nicht, ihn zum Schlucken zu bewegen; seinen Speichel musste sie regelmäßig mit einem Lappen wegwischen. Nach einigen Wochen machte sie deshalb für Yannik einen Termin bei einer Kinderpsychologin aus, die mit ihm daran arbeitete, seine Ängste zu überwinden.

Auch der 16-jährigen Christin* erging es während der Pandemie nicht so gut. Sie lebt in schwierigen familiären Verhältnissen, ihr Vater ist selten zu Hause. Kommt er dennoch heim, wird er oft handgreiflich gegenüber der Schülerin und ihrer Mutter. Schon vor Corona war Christin wegen Depressionen in psychologischer Behandlung. Als ihre Schule geschlossen wurde, ihr Tanzkurs ausfiel und es immer schwieriger wurde, Freunde zu treffen, nahmen ihre seelischen Probleme zu. »Ich fühlte mich oft extrem überfordert«, erzählt die Berufsschülerin. »Wie soll ich mich auf das Lernen konzentrieren, wenn mein Vater rumbrüllt?« In der Folge rauchte Christin immer häufiger Gras, verbrachte viel Zeit mit sozialen Medien und Computerspielen. Häufig fiel es ihr schwer, sich aufzuraffen, um einkaufen zu gehen.

Ein Drittel der Kinder zeigt Verhaltensänderungen

Die Geschichten von Yannik und Christin sind nur zwei Beispiele dafür, wie die Pandemie das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert hat. Bei vielen haben sich seit dem Ausbruch des Virus bestehende psychische Probleme verstärkt, bei anderen sind neue entstanden. Studien zufolge sind manche Kinder unruhiger als früher und lassen sich schlechter beruhigen. Sie sind emotional labiler, weinen schneller und ziehen sich eher zurück, berichtet Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum. Der Schlaf der Kleinen ist ebenfalls beeinträchtigt, sie wachen nachts häufiger auf. »Das alles sind Hinweise darauf, dass die Kinder belastet sind«, erklärt die Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie in einem Interview mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. »Wir gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Kinder auf diesen Stress mit negativen Verhaltensänderungen reagiert.«

Für Entsetzen hat auch eine Studie von Christian Dohna-Schwake und seinem Team gesorgt. Wie der Leiter der Kinderintensivstation des Essener Universitätsklinikums 2021 in einem Videogespräch berichtete, haben die Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen: Die Forscherinnen und Forscher hatten zwischen Mitte März und Ende Mai 2021 Daten von 27 Kinderintensivstationen analysiert und 93 Suizidversuche gezählt – etwa viermal so viele wie im Jahr davor und dreimal so viele wie 2019, also vor der Pandemie. Um eine belastbare Längsschnittstudie handelte es sich dabei allerdings nicht.

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Die Belastung nimmt leicht ab – ist aber immer noch hoch

Umfangreicher und etwas genauer nimmt die COPSY-Studie der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die Situation unter die Lupe. Bereits zum dritten Mal hat sie als erste bevölkerungsbasierte Längsschnittstudie bundesweit Kinder und Jugendliche befragt; die jüngsten Ergebnisse haben die Forscherinnen und Forscher im Februar 2022 veröffentlicht. Trotz geöffneter Schulen und nun wieder zugänglicher Freizeitangebote sei die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich durch die Corona-Pandemie psychisch belastet fühlen, weiterhin hoch, sagt Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer. »Zwar haben sich das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen leicht verbessert, aber immer noch leiden viele unter psychischen Auffälligkeiten.« Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten und wenig gebildeten Familien.

Das bestätigt auch Tobias Meister, stellvertretender Leiter der Adoleszentenstation am Bezirksklinikum Obermain in Franken, wo 16- bis 23-Jährige psychiatrisch behandelt werden. »Mit Corona hat sich unsere Warteliste verdoppelt – inzwischen müssen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen drei bis sechs Monate gedulden, bis sie einen Platz bekommen«, erzählt der psychologische Psychotherapeut. Nur 20 Patienten können in der Klinik behandelt werden, 60 warten.

Im Erstgespräch und später in der rund zwölfwöchigen Therapie diagnostiziert Meister derzeit vermehrt so genannte internalisierende Störungen, also soziale Phobien, Ängste und Depressionen. Nicht so sehr zugenommen haben externalisierende Störungen wie ADHS oder Aggressionen. Auch hinsichtlich der Schwere der psychischen Erkrankungen lässt sich zurzeit keine starke Zunahme ausmachen – allerdings sind mehr Kinder und Jugendliche betroffen. »Doch dies sind nur die Beobachtungen unserer Klinik, die in Kutzenberg auf dem Land liegt – nicht in einer Großstadt.«

Durch Social Media und Cannabis dem Alltag entfliehen

Die Psychologinnen und Psychologen an der Klinik berichten außerdem, dass der Cannabis-, Alkohol- und Medienkonsum unter älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugenommen hat – auch bei Studenten, die häufig wieder bei ihren Eltern einziehen mussten. »Es gibt eine starke Tendenz der Jugendlichen, die Normalität auszublenden und in eine aufregendere, spannendere Welt einzutauchen, in der mehr passiert als zu Hause im Lockdown«, sagt Psychologe Meister.

Ob ein Kind auf die veränderte Lebenswirklichkeit mit psychischen Auffälligkeiten reagiert, hängt unter anderem von seinem Umfeld ab. Der Großteil der Heranwachsenden steckt die Auswirkungen der Pandemie glücklicherweise erstaunlich gut weg und managt die Belastung gut. »Kinder und Jugendliche haben gelernt, mit der Pandemie umzugehen«, sagt Ulrike Ravens-Sieberer. Entscheidend sei dabei vor allem, wie psychisch gesund die Eltern in dieser Zeit blieben. »Familie ist und bleibt eine der wichtigsten Ressourcen, um gut durch die Pandemie zu kommen

Eine leicht positive Tendenz zeigte sich zumindest in der dritten Befragungswelle der COPSY-Studie. So stieg das Wohlbefinden der Befragten mit dem Ende der strengen Kontaktbeschränkungen, der Öffnung der Schulen und Spielplätze sowie dem erneuten Beginn der Sport- und Freizeitangebote wieder etwas an. Die Kinder und Jugendlichen berichteten, dass sie sich nun wieder weniger in der Familie streiten würden, dass es weniger schulische Probleme gebe und dass sich das Verhältnis zu ihren Freundinnen und Freunden wieder verbessert habe. Zudem hätten sich körperliche Symptome wie Einschlafprobleme und Gereiztheit reduziert und der Medienkonsum sei gesunken, berichtet Ravens-Sieberer.

Allerdings fand die Befragung schon im September und Oktober 2021 statt – also noch vor dem Beginn der Omikron-Welle, die erneut Einschränkungen mit sich brachte. Um die aktuellen Belastungen zu untersuchen, startet deshalb nun bereits die vierte Befragungsrunde im Rahmen der COPSY-Studie.

Manchen könnte die Pandemie kurzfristig geholfen haben

Tobias Meister glaubt, dass die Pandemie einigen wenigen Patientinnen und Patienten sogar geholfen haben könnte, einen entspannteren Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung zu entwickeln: »Studenten, die beispielsweise soziale Ängste in Bezug auf ihr Studium entwickelt hatten, konnten online entspannter lernen und erlebten eine Beruhigung ihres seelischen Stresses«, sagt Meister. »Patientinnen und Patienten mit Angsterkrankungen oder Phobien haben kurzfristig sogar profitiert.« Dennoch berge der soziale Rückzug natürlich die Gefahr, dass sich die Betroffenen ihren Ängsten nicht mehr stellen und die Rückkehr in den Alltag nun noch schwerer fällt.

Ulrike Ravens-Sieberer fordert, dass jetzt Lehren aus der Pandemie gezogen werden müssen, damit bei der nächsten Krise nicht dieselben Fehler wiederholt werden. »Wir müssen strukturell nacharbeiten und zum Beispiel Lehrer und Erzieher gezielt schulen. Sie brauchen die Fähigkeiten, um wie eine Art Frühwarnsystem zu funktionieren – sie sind es, die am nächsten an den Kindern und Jugendlichen dran sind und reagieren können, wenn die psychische Gesundheit bedroht ist.« Es müsse ein länderübergreifendes Konzept zum Homeschooling und schnell verfügbare Beratungsmöglichkeiten geben. Ravens-Sieberer befürchtet jedoch, dass das Leid der Kinder und Jugendlichen schnell wieder in Vergessenheit geraten wird, sobald Normalität einkehrt. In der nächsten Pandemie könnten sie deshalb wieder zu den Verlierern gehören.

* Namen der Kinder und Jugendlichen von der Redaktion geändert

Wege aus der Not

Denken Sie manchmal daran, sich das Leben zu nehmen? Erscheint Ihnen das Leben sinnlos oder Ihre Not ausweglos? Haben Sie keine Hoffnung mehr? Dann wenden Sie sich bitte an Anlaufstellen, die Menschen in Krisensituationen helfen können: Hausarzt, niedergelassene Psychotherapeuten oder Psychiater oder die Notdienste von Kliniken. Kontakte vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117.

Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei: per Telefon unter den bundesweit gültigen Nummern 0800 – 1110111 und 0800 – 1110222 sowie per E-Mail und im Chat auf der Seite www.telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche finden auch Hilfe unter der Nummer 0800 – 1110333.

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